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Schlaufuchs oder Stelzbock?

Berlusconi amouröse Umtriebe und warum er alle Skandale ĂŒbersteht – Teil II

Die Klatschpresse hat ihre wahre Freude an ihm: Silvio Berlusconis Frauengeschichten sorgen oft fĂŒr mehr  Aufsehen als seine Politik. Dennoch können all die AffĂ€ren der Karriere des MinisterprĂ€sidenten scheinbar nichts anhaben – selbst im tief katholischen Italien. Warum eigentlich?

„Der große VerfĂŒhrer“ titelte die Wochenzeitung ZEIT vor kurzem ĂŒber den italienischen Premier – eine Schlagzeile, die ihm gefallen haben dĂŒrfte. Silvio Berlusconi, der sich selbst gern mit Napoleon vergleicht, hĂ€lt sich schließlich auch fĂŒr einen Eroberer von Frauenherzen. Als ihm vor einiger Zeit vorgeworfen wurde, mit Prostituierten zu verkehren, stritt er das vehement ab: Er verstehe nicht wie man dabei Befriedigung empfinden könne, es fehle doch vollkommen der Reiz der Eroberung.

berlusconiOb kĂ€uflich oder nicht, mit schönen jungen Frauen umgibt sich Berlusconi jedenfalls gern, auch noch im Alter von 72 Jahren. Einige davon machte er sogar zu Europakandidatinnen seiner Partei und das ehemalige Showgirl Mara Carfagna sitzt heute ausgerechnet als Ministerin fĂŒr Gleichstellung im Kabinett. Die so genannten „Velinas“ – MĂ€dchen, die leichtbekleidet durch jede italienische Fernsehsendung hopsen – fanden unter Berlusconi den Weg in die Politik.

Kompetenz musste dabei hinter anderen, eher Ă€ußerlichen QualitĂ€ten zurĂŒckstehen. FĂŒr den Premier sei Politik eben auch nichts anderes als eine Show, meinen viele Beobachter dazu. In seiner Villa auf Sardinien soll Berlusconi regelmĂ€ĂŸig rauschende Feste mit viel Damenbesuch feiern – angeblich auch mit Hostessen, die von GeschĂ€ftsleuten bezahlt und mit der Regierungsmaschine eingeflogen werden.
Seiner Ehe mit der Ex-Schauspielerin Veronica Lario hat dieser Lebenswandel nicht gut getan: Die Beziehung existierte seit Jahren nur noch auf dem Papier und Lario Ă€ußerte sich regelmĂ€ĂŸig negativ zum Verhalten ihres Mannes – auch in politischen Fragen. Als ihr in diesem Jahr endgĂŒltig der Kragen platzte und sie die Scheidung einreichte, erfuhr Berlusconi erst aus den Medien davon.

Zuvor war der MinisterprĂ€sident auf der Geburtstagsparty der 18-jĂ€hrigen Noemi Letizia gesehen worden, der er Schmuck im Wert von 6000 Euro geschenkt haben soll. Weil diese bereits vorher, damals noch minderjĂ€hrig, in Berlusconis Villa zu Gast gewesen sein soll, kam das GerĂŒcht auf, sie habe ein VerhĂ€ltnis mit dem 72-JĂ€hrigen. Berlusconi schwieg zunĂ€chst, hielt aber dann energisch dagegen und stellte sich als „vĂ€terlichen Freund“ des MĂ€dchens dar.
Larios Reaktion: All die jungen Frauen seien nicht als „Futter fĂŒr den Drachen“ und sie könne nicht mit jemandem zusammenbleiben, der mit MinderjĂ€hrigen verkehre. Der Vorfall wuchs sich zu einem handfesten Skandal aus, der Berlusconi schlimmer zugesetzt haben soll, als alle vorherigen Fehltritte in der Politik – das meinen zumindest viele Experten. Aber wird er sich langfristig negativ auf seine politische Karriere auswirken?

„Nicht im Geringsten.“, meint Cathleen Kantner. Die Sozialwissenschaftlerin von der Freien UniversitĂ€t Berlin arbeitet zurzeit am EuropĂ€ischen Hochschulinstitut in Florenz und konnte dort EindrĂŒcke ĂŒber das VerhĂ€ltnis der Italiener zu ihrem Regierungschef gewinnen. Zum einen entsprĂ€chen dessen sexuellen Eskapaden in gewisser Weise dem klischeehaften italienischen MĂ€nnerbild, meint Kantner. Der Soziologe Renato Mannheimer sieht es Ă€hnlich: „Italiener sind eben Machos. Berlusconi ist fĂŒr sie allenfalls ein sympathischer Schuft.“

Außerdem helfe seine Medienmacht dem Premier, die Skandale einfach auszusitzen und sich selbst besser darzustellen, erklĂ€rt Kantner. In der Vergangenheit sagte Berlusconi zum Beispiel, er sei doch „auch nur ein Mensch“ und sein Land habe so viele schöne Töchter. Als die Details aber immer pikanter wurden, versprach er schließlich hoch und heilig, sein Leben zu Ă€ndern und auf einer Pilgerreise fĂŒr seine SĂŒnden zu bĂŒĂŸen. Vielen streng katholischen WĂ€hlern reiche das als Entschuldigung vollkommen aus, erzĂ€hlt Kantner – egal wie jung die angebliche Geliebte gewesen sein mag.

So lĂ€sst sich zumindest erklĂ€ren, warum sein berĂŒchtigtes Liebesleben Berlusconi nicht ernsthaft in BedrĂ€ngnis bringt. Aber sind da nicht noch all die anderen GrĂŒnde, ihn eher nicht zu wĂ€hlen, die Allianz mit den Nachfolgern der Faschisten, die Rechtsverdrehungen zu seinen Gunsten? Warum ist er trotzdem immer noch im Amt? Cathleen Kantner nennt vor allem einen Grund: Den Mangel an Alternativen. Die politische Linke  in Italien sei zu zerrissen, um Berlusconi gefĂ€hrlich werden zu können. Es gĂ€be zahlreiche sehr kleine Parteien mit extrem radikalen Positionen, die einander jedoch misstrauten: „Mit denen ist eine realistische Politik kaum möglich.“ Ihre Koalitionen ĂŒberstĂ€nden selten mehr als ein paar Wochen.

Rechte BĂŒndnisse, wie das von Berlusconi, seien hingegen stabil. „Sie sind in der Lage, Maßnahmen durchzusetzen und drĂŒcken gleichzeitig bei kleineren RechtsverstĂ¶ĂŸen mal ein Auge zu. Das erscheint den Leuten dann menschlich.“, erklĂ€rt Kantner. Der Premier zeige sich als VerbĂŒndeter der einfachen Bevölkerung und der kleinen Unternehmer und diesen bewunderten ihn, weil er selbst als erfolgreicher Unternehmer reich geworden sei. „Schlaufuchs“ nenne man ihn deswegen, erzĂ€hlt Kantner.

Gleichzeitig erzeugen die von Berlusconi kontrollierten Nachrichten nach Kantners Auffassung ein Klima der Angst, weil sie extrem viel ĂŒber Verbrechen berichten. Überspitzt gesagt fĂŒrchteten sich viele alte Menschen in Italien vor „RumĂ€nen, die herumlaufen und alle umbringen.“ Angesichts dieser vermeintlichen Gefahr stelle sich Berlusconi als Krisenmanager dar, „der das ernstnimmt und dafĂŒr sorgt, dass es sicherer wird auf Italiens Straßen“.

Anscheinend kann er damit jedoch nicht alle seine Landsleute einwickeln: Es gebe schon viele Italiener, die sagten „Uns ist er peinlich“ und nicht lĂ€nger als „die Idioten Europas“ gelten wollten, erzĂ€hlt Cathleen Kantner. Die scheinen jedoch bisher in der Minderheit zu sein.

Im ersten Teil: Die Skandale des Silvio Berlusconi – PrĂ€sident peinlich?

(Text: Timo BrĂŒcken / Zeichnung: Christina Koormann)
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