Ruhe im Streik-Land Frankreich

Eine unwirkliche Ruhe liegt über Frankreich. Kein Streik, keine brennenden Autos, keine lärmenden Demonstranten. Und doch zeigen die französischen Nachrichten Bilder von aufgebrachten Menschenmassen, die gegen Atomkraft protestieren. Das Besondere diesmal: Diese Bilder sind importiert.
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Im sonst eher friedlichen Deutschland erhitzt Atomkraft generell – und besonders der Castor-Transport zum Endlager in Gorleben – die Gemüter. Die Demonstrationen schaffen es sogar in das Französische „Journal de 20 heures”. Die Zeitung „Le Monde” beschreibt die deutschen Proteste als „puissant et organisé”, machtvoll und organisiert. Heißt das im Gegenschluss, dass die französischen Bewegungen machtlos und schlecht organisiert sind? Nehmen die Nachbarn das Thema Atomkraft auf die leichte Schulter? Ist sich die Bevölkerung der Gefahren nicht bewusst? Oder finden sehr wohl Proteste statt, werden nur weniger mediatisiert als in Deutschland?

Weniger Proteste, weniger Teilnehmer
Fakt ist: Auch in Frankreich gibt es eine Anti-Atomkraft-Bewegung mit Vereinigungen wie Sortir du nucléaire, GANVA (Groupe d’Actions Non Violentes Antinucléaires) oder Greenpeace France. Auf deren Internetseiten finden sich Berichte, Fotos und Videos über zahlreiche Proteste am Rande des Castor-Transports. Doch was als wichtige Demonstrationen gegen den Zug mit nuklearen Abfällen beschrieben wird, entpuppt sich als Produkt einiger weniger Aktivisten.
Das Video der Demonstration in Metz beispielsweise zeigt ein Dutzend deutsch-französischer Atomkraft-Gegner, die mit Bannern neben den Bahngleisen stehen. Etwa die gleiche Anzahl Polizisten sichert diese wiederum ab. Dann fährt der Zug problemlos vorüber. Ähnlich unspektakulär laufen die anderen Proteste ab. Hier und da gibt es zwar Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und der Polizei, die aber nicht die gleiche Intensität wie in Deutschland erreichen.

Warum ist der Protest gegen Atomkraft in der Streiknation Frankreich so verhalten? Dafür gibt es zwei Gründe: Zum einen die große Bedeutung der Atomenergie für Frankreich, zum anderen der vergleichsweise geringe Einfluss der französischen Grünen.

Atomstrom- ein wichtiges Exportgut
Deutschland und Frankreich sind füreinander die wichtigsten Handelspartner. Allerdings ist Deutschland meistens Exporteur, Frankreich Importeur. Energie ist einer der wenigen Bereiche, in denen Frankreich nicht auf Deutschland angewiesen ist und sogar einen Teil des produzierten Stroms nach Deutschland verkauft. Die 58 Atomkraftwerke und die eigene Energieproduktion schützen Frankreich davor, zu sehr von Deutschland abhängig zu werden.
Ein Atom-Ausstieg, wie er in Deutschland auf lange Sicht geplant ist, wäre in Frankreich aktuell unvorstellbar. Außerdem achtet die französische Politik auf ein positives Image des „sauberen Stroms”. „75% des französischen Stroms stammen aus Atomkraftwerken, daher macht Frankreich alles, um den Widerstand lahm zu legen”, sagt Jean-Yvon Landrac vom Netzwerk „sortir du nucléaire” im Gespräch mit back view.

Die pro-Atom-Einstellung der französischen Bevölkerung zeigt sich auch im Internet – etwa in Kommentaren zu einem Artikel über den Castor-Transport. Darin heißt es, Greenpeace habe eine Warnung herausgegeben, da Aktivisten eine anormale Hitzequelle an einer Radachse entdeckt hätten. Zwölf von dreizehn Kommentaren zu diesem Artikel geben eine kritische Meinung gegenüber Greenpeace wider.
„Wahrscheinlich überhitzen sich die grauen Zellen dieser Pseudo-Ökos schneller als eine Radachse des „Todeszugs””, schreibt zum Beispiel User „gerard cavoli”. Wer sich so sicher sei, dass der Castor-Transport ungefährlich ist, könne ja demnächst einen Personenwaggon anhängen lassen und mitfahren, gibt „clahel10″ zurück, bleibt aber mit dieser vorsichtigen Ironie allein.

Aufwind für die französischen Grünen
Eine Rolle spielen auch die französischen Grünen – oder eben gerade nicht. Denn obwohl Größen wie Daniel Cohn-Bendit und Eva Joly an der Spitze der grünen Bewegung Frankreichs stehen, hat die Partei lange nicht den gleichen Einfluss wie die Grünen in Deutschland. Doch auch in Frankreich wächst das Umwelt-Bewusstsein: Anfang des Jahres 2010 stimmten 12,18 Prozent aller Wähler im ersten Wahlgang der Regionalwahlen für „europe écologie”, die Partei Cohn-Bendits – ein Riesenerfolg für die Anti-Atomkraft-Bewegung.

Diese Bewegung ist in Frankreich tatsächlich schwächer als in Deutschland. Sie ist weniger einflussreich, da sie geringeren Rückhalt in der Bevölkerung hat. Allerdings könnte sich das mit einem zunehmenden Umwelt-Bewusstsein der Bevölkerung und dem wachsenden Erfolg der Grünen in Zukunft langsam ändern.

(Text: Anna Franz)

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