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„Es gibt kaum Politiker, die Satire verstehen“

Interview mit dem Satiriker Martin Sonneborn

Die einen lieben ihn, die anderen hassen ihn. Martin Sonneborn ist Deutschlands bekanntester Satiriker und Parteichef der PARTEI, die unter anderem den Wiederaufbau der Mauer fordert. Was wirklich hinter diesen Pl├Ąnen steckt und was es mit der Satire im deutschen Bundestag auf sich hat, erkl├Ąrt er im Interview mit back view.

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back view: Sie gelten als Deutschlands bekanntester Satiriker, sind Mit-Herausgeber der Titanic, Redakteur┬á bei SPAM Spiegel online┬á und Parteichef der PARTEI (Partei f├╝r Arbeit, Rechtsstaat, Tierschutz, Elitenf├Ârderung und basisdemokratische Initiative). F├╝hlen Sie sich so richtig betitelt, oder habe ich etwas vergessen?
Martin Sonneborn
: Ja, Medien schreiben das so ├╝ber mich, aber man k├Ânnte es wahrscheinlich falscher ausdr├╝cken.

Wie l├Ąsst sich das vereinbaren: Einerseits ironische Satire zu machen und andererseits, falls man das so sagen kann, ÔÇ×seri├Âse“ Politik?
Das ist falsch, ich w├╝rde das jeder Zeit zur├╝ckweisen, ich mache unseri├Âse Politik und das konkurriert nat├╝rlich teilweise mit dem Bereich Satire.

Manch einer stellt sie gerade wegen dieser unseri├Âsen Politik gerne als Politclown dar.┬á Sehen Sie sich selbst auch so?
Nein, das ist Quatsch. Horst Schl├Ąmmer ist ein Politclown, er ist kein echter Politiker und er betreibt eine Fantasiepartei. Wir dagegen sind eine wirkliche Partei mit ├╝ber 8000 Mitglieder und wir haben an verschiedenen Wahlen teilgenommen. Das ist nat├╝rlich ein Versuch uns zu denunzieren und abzuschieben, den ich begr├╝├če.
Wir sagen selber, dass wir eine kleine obskure Partei sind, mit wenig Inhalten und das bringt uns viele Sympathien im Land. Die Zeit der gro├čen alten, ehemaligen Volksparteien ist vorbei. Wir haben die PARTEI 2004 auch deshalb gegr├╝ndet, weil wir gesehen haben, dass die Leute keine Lust mehr haben, CDU, FDP und SPD zu w├Ąhlen und, dass es f├╝r sie keine Alternativen mehr gibt. Wir wollten also am Anfang auch┬á unzufriedenen, kritischen, nicht politikverdrossenen B├╝rgern, Parteien bieten.

Was sind denn genau die Ziele ihrer Partei?
Wir wollen an die Macht.

Haben Sie sonst irgendwelche inhaltlichen Ziele?
Wir haben die populistische Forderung, dass wir die Mauer wieder aufbauen wollen. Diese Forderung haben wir aber lediglich, weil wir ein Alleinstellungsmerkmal gesucht haben, das uns von s├Ąmtlichen anderen Parteien abhebt. Auf Titanic ver├Âffentlichten wir ja 1989┬á f├╝nf Minuten nach dem Mauerfall┬á den Satz ÔÇ×die endg├╝ltige Teilung Deutschlands – das ist unser Auftrag!“ und dem sind wir verpflichtet.
Wir haben das als Thema erkannt, mit dem in Deutschland┬á gro├če Emotionen zu wecken waren und teilweise auch noch sind.

Aber wirklich Ernst meinen Sie das Ganze nicht?
Nein, nat├╝rlich nicht. Wir sagen ja ganz offen, dass wir eine populistische Partei sind. Wir haben das als Thema aufgebracht, weil es 2004 keine Diskussionen dar├╝ber gab, dass wir und die da dr├╝ben gesetzlich ein Volk sind. Wir wollten das von einer seri├Âseren Plattform als von der Titanic aus, also von einer semiseri├Âsen Plattform, wie einer politischen Partei, aus in die ├Âffentliche Diskussion bringen. Das ist uns ja auch gelungen.

Auch wenn Sie den Mauerwiederaufbau nicht ernst meinen: Wen w├╝rden Sie denn da vor wem sch├╝tzen wollen? Die Westdeutschen vor den Ostdeutschen oder umgekehrt?
Wir wollen niemanden sch├╝tzen. Wenn wir uns in Titanic oft ├╝ber den Osten lustig machen, ├╝ber die Zone und die DDR, dann hat das auch immer eine aggressive Form und Satire zielt ja auch auf das Aufzeigen eines Effektes ab. Indem wir ├╝berzeichnet eine Mauer fordern, weisen wir darauf hin, dass es Mauern gibt zwischen Ost und West. Das ist ja lange Jahre von der offiziellen Politik┬á und den Medien ├╝berhaupt nicht wahrgenommen worden, sondern vielmehr besch├Ânigt und vertuscht.

Ist also die Wiedervereinigung zwischen Ost und West ihrer Meinung nach gescheitert?
(z├Âgert) Das w├╝rde ich jetzt nicht so sagen. Ich w├╝rde sagen, dass sie nat├╝rlich auf eine unheilvolle Art und Weise vollzogen wurde und dass leider die 80 oder 90 Prozent der DDR-B├╝rger, die sofort Westfernsehen und Bananen wollten, sich durchgesetzt haben und dass andere ├╝berhaupt keine Chance hatten einen eigenst├Ąndigen, weniger kapitalistischen Staat zu gr├╝nden oder zu halten. Es war klar, dass das es nat├╝rlich ungeheure Schwierigkeiten mit sich bringt und dass es f├╝r die westdeutsche Wirtschaft nat├╝rlich ein ungeheurer Gl├╝cksfall war und dass sich unglaublich viele Firmen und auch Menschen bereichert haben, auf Kosten von sehr vielen Leuten, die jetzt einen Bruch in ihrer Biographie haben und die in diesem Staat noch nicht angekommen sind und┬á hier ihr Gl├╝ck auch nicht mehr machen werden.
Ich bin einmal um komplett Berlin gewandert und habe vor Ort mit den Leuten gesprochen und es gibt auch sehr wenig Lobby f├╝r die DDR-B├╝rger, die mittlerweile keinen Autohandel und keine Pommesbude mehr an der Autobahn haben und dort gl├╝cklich sind.

Als die Mauer fiel waren sie 24 Jahre alt, wie erlebten sie damals die Wiedervereinigung?
Ich war in Wien und stand an einem Billardtisch, lag wahrscheinlich nicht in F├╝hrung, und stellte fest, dass die Mauer f├Ąllt und dass nach einigen Tagen schon sehr viele kleine stinkende Autos durch ├ľsterreich fuhren. Ich hatte das Land eigentlich gut bestellt verlassen und erwartete es auch so wieder vorzufinden. Als ich nach einem Jahr in Wien wieder zur├╝ck kam, zeichnete es sich aber schon ab, dass das nicht der Fall sein w├╝rde.

sonneborn_textWie genau zeichnete sich das ab?
Es war ja klar, dass das ungeheure Schwierigkeiten mit sich bringen w├╝rde und dass hier zwei Systeme aufeinander treffen und dass eines davon ├╝ber den Tisch gezogen werden wird.

In diesem Fall der Westen?
Nein der Osten nat├╝rlich! Es ist doch der Westen, der den Osten ├╝bernommen hat. Wir haben uns f├╝nf neue bzw. gebrauchte Bundesl├Ąnder dazu gekauft.

Naja, aber wirtschaftlich gesehen ging es dem Westen doch vor der Wiedervereinigung besser und er muss bis heute den Osten finanziell unterst├╝tzen.
Ja, aber das sind ja Steuergelder, die in Rentenversicherungen und Sozialkassen gesteckt werden und das andere sind private Gelder und Firmengewinne, die daraus gezogen wurden. Die ostdeutschen Industriekerne sind zerschlagen worden, s├Ąmtliche wichtige Fabriken im Osten wurden aufgekauft, das ist doch ein ungeheurer Gl├╝cksfall f├╝r die westdeutsche Wirtschaft.

Also waren damals die Ostdeutschen die ÔÇ×Verlierer“, die auch heute noch nicht angeh├Ârt werden und f├╝r die es keine Lobby gibt.
Nat├╝rlich nicht alle, es gibt ja in jedem System Leute, die immer oben schwimmen. Wir haben f├╝r das ZDF einen Beitrag gemacht zu ÔÇ×60 Jahren Grundgesetz“. Das wurde ja in Berlin extrem gefeiert und wir sind mal 20 km weiter gefahren, nach Trebbin (Brandenburg) und haben dort 20 Jahre Grundgesetz mit den Menschen gefeiert. Einer sagte mir danach, dieselben Leute, die vor 1989 dort sa├čen und ihm Schwierigkeiten gemacht haben, sitzen auch jetzt wieder da und machen ihm Schwierigkeiten. Die Amtsbezeichnung ist halt eine andere, aber es gibt nun mal immer eine kleine Schicht von Menschen, die immer durchkommt und die auch nach Umw├Ąlzungen immer oben schwimmt. Aber es gibt eben auch einen ganz gro├čen Teil an B├╝rgern, denen relativ viel genommen wurde, n├Ąmlich ihre Biographie, ihre Wohnung und ihre Arbeit.

Wobei doch gerade diese Filmaufnahmen in Trebbin schon ziemlich berechnend waren, Sie haben sich ja auch gerade einen Ort ausgesucht, an dem wirklich keine Menschenseele Lust hatte zu feiern, oder?
Es h├Ątte jeder Ort sein k├Ânnen. Ich kenne ja das Umland und dieser Ort war wahllos herausgegriffen.

Zur├╝ck zu Ihrer Partei: Was sagt die denn zu Themen wie der Wirtschaftskrise?
Wir sind gegen die Krise. Sobald wir an der Macht sind wird die Krise beendet.
Wir werben damit, dass wir ├╝ber absolut kein Wirtschaftskonzept verf├╝gen und das bringt uns in einer Zeit, in der s├Ąmtliche anderen Wirtschaftskonzepte gescheitert sind nat├╝rlich gro├če Sympathien bei vielen Teilen der Bev├Âlkerung.

Aber die endg├╝ltige Machtergreifung k├Ânnte ja etwas schwierig werden, so ganz ohne Wirtschaftskonzept.
Wieso?

Weil die Wirtschaft in der Politik mit eine der gr├Â├čten Rollen spielt und die Regierung diese auch irgendwie leiten sollte.
Wir haben humanistische und volkswirtschaftliche Ideen, die sich viel sozialer gestalten lassen. Und ich glaube, dass es genug Sachverstand in den Ministerien gibt. Man muss nur eine grobe Linie vorgeben. Wir werben damit, dass wir eine Partei sind, die nicht korrupt und verflochten ist, mit den herrschenden Wirtschaftsverb├Ąnden und wir in sofern eine ganz humanistische Politik mit Hilfe des Sachverstandes von ministerialen Dirigenten auch umsetzen k├Ânnen. Ich gebe mein Ehrenwort normalerweise, dass wir das vier Jahre lang machen, dann lassen wir uns wiederw├Ąhlen┬á und dann werden wir auch den Weg aller Parteien gehen, die es an die Macht geschafft haben; wir werden korrupt werden und dann ist es auch wieder an der Zeit uns abzuw├Ąhlen.

Wen k├Ânnten Sie sich denn dann als Koalitionspartner vorstellen?
Wir nehmen jeden, der sich uns als Steigb├╝gelhalter anbietet auf dem Weg zur Macht. Ausgenommen von der FDP, denn die ist eine Spa├čpartei in meinen Augen.

Wie kommt man ├╝berhaupt dazu, ÔÇ×die Lager zu wechseln“? Erst schreiben Sie ├╝ber Politiker, kritisieren diese, dann werden Sie selbst einer?
Angefangen hat das damit, dass ich gemerkt habe, dass schon Kinder in unserem Land Wirtschaftsminister werden d├╝rfen und dass ich mit 44 schon relativ alt bin. Deshalb habe ich sofort meine Memoiren, das ÔÇ×Partei Buch“, geschrieben. In diesem habe ich alles reflektiert und festgestellt, dass wir schon drei oder vier Wahlk├Ąmpfe f├╝r andere Parteien durchgef├╝hrt haben, die das nicht wussten und das auch nicht wollten. Zum einen gab es da zum Beispiel den antisemitischen und pornoorientierten Wahlkampf 2002 f├╝r die FDP in Eisenach, als Reaktion auf entsprechende ├äu├čerungen dieser Partei. Zum anderen gab es einen Wahlkampf von uns in Hessen f├╝r die SPD , in dem wir uns als deren Kandidat ausgegeben haben┬á und haben somit in drei Stunden 17 Stimmen f├╝r die SPD sammelten.
Also wir haben immer f├╝r andere Parteien ÔÇ×geworben“ und dachten uns, wir wissen jetzt wie es geht und gr├╝nden unsere eigene Partei.

Verstehen Politiker denn Ihre Satire?
Nein. Wir haben Interviews mit Hinterb├Ąnklern des deutschen Bundestages gemacht und sie ein bisschen gequ├Ąlt, das sind sehr lustige Filme geworden. Und diese Leute leben in einem sehr bizarre Kokon und verstehen von Realit├Ąt au├čerhalb des Reichstags erschreckend wenig. Insofern gibt es kaum Politiker, die Satire verstehen.

Daf├╝r verstehen Sie ja umso mehr Spa├č, vor allem wenn Sie mal wieder in der ein oder anderen Politshow den Namen des Moderatoren absichtlich falsch aussprechen. Was hat das f├╝r einen Sinn?
Das ist einfach eine Demütigung für den Moderator, der da mitmachen muss. Das sind so kleine politische Tricks. Zum Beispiel,  dass man sich für die gestellte Frage bedankt oder eben den Namen falsch ausspricht.

M├╝ssen Sie sich bei solchen Aktionen nicht manchmal selbst ein Lachen verkneifen?
Nein, das muss ich nicht, da Interviews nat├╝rlich Stresssituationen sind.

Sie sind bei Interviews┬á ja sehr ÔÇ×pseudoernst“, da h├Ątte man meinen k├Ânnen, dass Ihnen das schwer f├Ąllt.
(lacht) Ich bin da komplett ernst. Wir wollten uns nicht beleidigen in diesem Interview.

Nat├╝rlich. Also Sie sind vollkommen und aufrichtig ernst und m├╝ssen nicht lachen.
Nein, das macht ja auch einen merkw├╝rdigen Eindruck, wenn Sie als Politiker im Interview eine Frechheit ├Ąu├čern und dann lachen. So wird man ja nicht ernst genommen.

Genau das scheint aber manchmal der Fall zu sein, denn Sie wurden ja einmal von Frau Schwan in einer Interviewrunde dreist gefragt, ob Sie nicht ein Kabarettist w├Ąren.
Ja das hat sie mir vorgeworfen bzw. sie hat mich als Kabarettist bezeichnet und ich sagte ihr, das sei eine Beleidigung und das solle sie bitte lassen.

Letzte Frage: Wie sehen Sie Deutschland in 20 Jahren?
Mit der PARTEI an der Macht und einer Mauer, die Ost und West wieder teilt.

Lieber Herr Sonneborn, vielen Dank f├╝r das Interview.

(Interview: Julia Jung / Fotos: DIE PARTEI)
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├ťber den Autor

Stellvertretende Chefredakteurin und Ressortleiterin English

Hauptberuflich ist Julia Weltenbummlerin, nebenberuflich studiert sie Politik. Wenn sie nicht gerade durch Australien, Neuseeland, S├╝dafrika oder Hongkong reist, schreibt sie ein paar Zeilen f├╝r back view und das schon seit 2009.

Anzahl der Artikel : 40

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