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Kein Dublin ohne Wikinger

Mit Schirm, Charme und Mandolinen (Teil 4)

Kelten in Kerry, Wikinger in Dublin, Protestanten in Belfast – Irland, das ursprĂŒnglich unbewohnt war, galt seit Jahrhunderten als grĂŒner Fleck im Ozean, der immer wieder Eroberungen erlebte. ZunĂ€chst konfliktfrei. Dann folgten blutige Zeiten.

Mehr Kinder, weniger Irisch
In Kerry gibt es Gaeltacht. So werden die Gebiete genannt, in denen Irisch die Erstsprache ist. Zwar nicht in Killarney, wo ich mich befinde. Aber weiter westlich, an der KĂŒste am Ring of Kerry und auf einzelnen Inseln. Irisch hat mit dem Englischen gar nichts zu tun. Das erkennt man insbesondere an den zweisprachigen Straßenschildern. Will ich das irische Wort oftmals richtig aussprechen, scheitere ich daran, da die Abfolge der Buchstaben sowieso nicht der Betonung entspricht. Irisch ist eine keltische Sprache. Es entwickelte sich mit der Einwanderung keltischer StĂ€mme aus Frankreich, nachdem bereits JĂ€ger und Sammler aus Schottland die Insel besiedelt hatten. Seit der Christianisierung durch den heiligen Patrick, war es der UnterdrĂŒckung Großbritanniens ausgesetzt. So verdrĂ€ngte das Englische das Irische mit allen Mitteln. Irisch ist keine Amtssprache, auch wenn die Iren das gerne hĂ€tten. Die Anzahl der Sprecher nimmt ab. Kinder und Jugendliche werden massenhaft geboren. Irland hat die höchste Geburtenrate Europas. Doch sie wachsen nur noch mit Englisch auf, mĂŒssen sich die irische Sprache eher gequĂ€lt aneignen. Selbst die jungen Fahrer, die mich mitnehmen, frage ich: „Do you speak Irish as well?“, worauf ich immer die Antwort bekomme: „No, not at all. But you speak many languages. Good man!“

Spaziergang an der Liffey2Martin und die Deutschen
Was mache ich in Irland, wenn ich nicht nach Dublin fahren wĂŒrde? Meine Tour startet Ende August und Dublin ist natĂŒrlich einer meiner Zwischenstopps, aber dennoch lasse ich mir diese lebendige Stadt nicht schon vorher entgehen.
Mit meinem Rucksack bin ich auf dem Weg. Gewöhnlich stehe ich mit Schild am Straßenrand; in Adare, einem kleinen StĂ€dtchen zwischen Killarney und Limerick. Mein vierter Fahrer hĂ€lt an. Er bringt mich bis zur Autobahn. In unserem GesprĂ€ch bekomme ich mit, dass er Martin heißt. Und nun ja, es ist mehr ein Monolog, aber er ist Ă€ußerst witzig. Macht Scherze ĂŒber die Deutschen und ĂŒber die Iren. „Weißt du, ich mag die Deutschen. Alle Iren mögen die Deutschen. Wir profitieren von euch inmitten der Krise.“ Dass Irland ein proeuropĂ€isch ausgerichteter Staat war – im Gegensatz zu seiner Nachbarinsel – das wusste ich. Was ich nicht wusste, war, dass Martin mich deswegen beschĂŒtzen musste. „Ihr arbeitet so hart,“ sagt er. Ich denke mir meinen Teil. Ich. Student. Keine Ahnung von Arbeit. Und plötzlich sind wir da, wo er mich absetzt. Er hĂ€lt an und fragt mich, ob ich auch genug Geld fĂŒr meine Weiterfahrt habe. Ich zögere und da hat er auch schon den 20€ Schein herausgezogen. Ich versuche ihm zu verklickern, dass ich ihm schon mehr als dankbar bin und kein Geld brauche. Doch er lĂ€sst nicht locker. So nehme ich es gezwungenermaßen an. Ich Ă€ußere ebenso meinen Dank fĂŒr seine Einladung zu einem Abendessen. Martin ist oft in Tralee. Das ist nicht weit von Killarney. Und so wĂŒrde er es lieben, fĂŒr mich zu kochen.
Ich schreite zur Autobahn und muss ein LĂ€cheln von mir geben. Zum GlĂŒck trampe ich nicht durch Griechenland.

SpaziergaSpaziergang an der Liffeyng an der Liffey
Dublin ist von Wikingern gegrĂŒndet worden. Im 8. Jahrhundert, 300 Jahre nach der Christianisierung, erreichten die Wikinger die OstkĂŒste und bauten StĂ€dte in KĂŒstennĂ€he.
In der NĂ€he des Hafens lĂ€sst mich mein Fahrer, der mich an der Autobahn aufgesammelt hat, aussteigen. Ich spaziere an der Promenade der Liffey entlang. Dieser Fluss mĂŒndet nicht weit von mir in die Dublin Bay. Ich rieche Meeresluft, doch ich nĂ€here mich dem Stadtzentrum und bald erstrahlt ein multikulturelles Flair vor meinen Augen. Ich ĂŒberquere zahlreiche BrĂŒcken, sehe die berĂŒhmte Temple Bar von Weitem und biege in die Straße ein, in der sich alles abspielt: Die O’Connell Street. Nach ihrem Befreier Daniel O’Connnell aus dem frĂŒhen 19. Jahrhundert benannt, ist sie die Hauptverkehrsstraße schlechthin. Ich ziehe an den beeindruckenden GebĂ€uden des General Post Office und des Gresham Hotels vorbei. Kleine LĂ€den, Pubs und Boutiquen erkenne ich. Eine Einkaufsstraße, die quer verlĂ€uft, bietet noch mehr fĂŒr Shopping-Liebhaber an. Die Straßenbahn schleicht an mir vorbei. Bei den Menschenmassen kann sie auch nicht anders.

Historischer Karfreitag
Wie es der Zufall will, wohnt derzeit Alina, eine Deutsch-Ukrainerin, in Dublin. Wir kennen uns von einer Jugendbegegnung in Deutschland, und so habe ich sie kontaktiert, um sie hier zu besuchen. Eine Nacht kann ich bei ihr schlafen. FĂŒr die restlichen drei NĂ€chte habe ich einen Couchsurfer arrangiert. Wir treffen uns vor dem Post Office, das eine wichtige Rolle fĂŒr die FĂŒhrer des Osteraufstands 1916 gegen die britischen Protestanten gespielt hat. In einem UnabhĂ€ngigkeitskrieg, der vier Jahre andauerte, kĂ€mpften die Katholiken ehrwĂŒrdig gegen die EnglĂ€nder. Nach Jahrhundert langer UnterdrĂŒckung gelang es ihnen endlich, 1922 die Republik auszurufen und die britische Kolonisierung auf Nordirland zu reduzieren. Bis heute ist die Insel politisch geteilt. Mit dem vorwiegend protestantischen Nordirland wurde das Good Friday Agreement abgeschlossen. Ein Abkommen fĂŒr zwei konfessionell unterschiedliche Staaten, die nun in Frieden zusammen leben (mĂŒssen).

Harry Potter ganz nahHarry Potter ganz nah
Alina wohnt im Zentrum, nicht weit von der O’Connell Street. Abends gehen wir in einen Pub und stoßen auf ein Willkommens-Guiness an. Live Musik ertönt um uns herum. Alina sagt, dass die Band jeden Tag spielt. Es gibt kein Volk auf der Erde, das seine Musik mehr liebt, denke ich.
Sie fragt mich nach meinen PlÀnen. Ich sage ihr, dass ich soweit spontan bin, aber auf jeden Fall das Trinity College sehen möchte. Diese UniversitÀt, eine der Àltesten Westeuropas und eine mit einer erstklassigen Forschung, befindet sich im Herzen von Dublin. Der Campus ist gewaltig. Die GebÀude sind historische, pompöse, steinerne Gestalten, die mich nur dazu drÀngen, die irische Geschichte aufzusaugen.
So werde ich auf die Old Library aufmerksam. Sie stellt das Buch von Kells aus, eine der Ă€ltesten irischen Schriften, die noch erhalten sind, welches die vier Evangelien und religiöse Malereien von Christus und Maria beinhaltet. Man munkelt, dass es um das Jahr 800 in einem Kloster erschaffen wurde. Ich betrachte es in der Vitrine des halbdunklen Raums. Zwei Seiten sind zugĂ€nglich, denn das Buch ist aufgeschlagen. Und klein. Man geht mit grĂ¶ĂŸeren Erwartungen hinein.
Der Long Room in der Etage darĂŒber fasziniert mich zutiefst. Ich laufe durch die 64m lange Halle, rechts und links befinden sich meterhohe BĂŒcherregale, an denen lange Leitern angelehnt sind. Davor jeweils schauen Köpfe von berĂŒhmten Persönlichkeiten in die Mitte des Raumes. Jetzt fehlen nur noch Harry und Dumbledore, und die Bibliothek Hogwarts wĂ€re perfekt. Wie verzaubert ertaste ich mit meinen Augen eine Harfe in einem Glaskasten. Sie ist die Ă€lteste Irlands. Ich setze mich auf eine Holzbank und fange an zu trĂ€umen.

HineinspHarry Potter ganz nah2azieren und Kultur erleben
FĂŒr die großen Kirchen muss man in Dublin bezahlen. Ich möchte allerdings kein Geld dafĂŒr ausgeben. Ich nehme mir vor, im September hineinzugehen. Doch fĂŒr dieses Wochenende bevorzuge ich die kostenlosen Dinge. Wie auch die National Gallery und das Natural History Museum. Mit London ist Dublin eine der wenigen StĂ€dte, in denen Museen fĂŒr jedermann kostenlos sind. In der Gallery sehe ich Bilder von Malern, die mir unbekannt sind. Doch realistische, kubistische Elemente, sowie Genremalerei unter anderem prĂ€gen die AusstellungsstĂŒcke. Das macht es absolut sehenswert.
Das Natural History Museum kommt mir wie ein Zoo mit ausgestopften Tieren vor. Und ohne KĂ€fige. Interessante Gattungen. Aber Rhinozerosse und Giraffen kann ich mit der irschen Fauna nicht ĂŒberzeugend in Verbindung bringen.
Was mir bleibt ist ein wunderbarer erster Eindruck der Hauptstadt. Wenn mir jetzt noch jemand gesagt hĂ€tte, dass die Wikinger fĂŒr die Temple Bar verantwortlich gewesen wĂ€ren, dann bliebe mir nichts anderes ĂŒbrig als wiederzukommen. So freue ich mich aufs Wiedersehen und mache mich zurĂŒck nach Killarney. Good man!

(Text und Fotos: Tom Pascheka)
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