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Auswandern nach Paraguay

Ein Interview ĂŒber ein Leben im Entwicklungsland

JĂ€hrlich wandern ĂŒber 100.000 Deutsche aus und kehren ihrem Heimatland den RĂŒcken. Zum einen ist es die Abenteuerlust, zum anderen die Unsicherheit im Land. Dazu kommt die Angst vor Altersarmut, die enorme BĂŒrokratie, die Steuerlast oder die immer fataleren politischen Entscheidungen gegen das eigene Volk. Die GrĂŒnde sind so mannigfaltig wie die Menschen selbst.

Herr Werner P.* (61) aus Dresden wagte diesen Schritt vor acht Jahren und lebt seitdem mit seiner Frau im Department Cordillera in Paraguay. Im Interview schildert er seine GrĂŒnde fĂŒr die Auswanderung und berichtet ĂŒber das neue Leben am anderen Ende der Welt.

Bevor ich meine Fragen stelle, haben Sie mich um ein Vorwort gebeten, welches ich Ihnen gerne ĂŒberlasse.
Aus Sicht der westlichen Industriestaaten ist Paraguay eines der Ă€rmsten EntwicklungslĂ€nder der Welt. Wir sollten wissen, dass fĂŒr die Bewertung eines Landes das Bruttosozialprodukt herangezogen wird, welches als wesentlicher Indikator fĂŒr das Steuereinkommen dient.
Im Gegensatz zu Deutschland und den meisten anderen LĂ€ndern der Welt, verzichtet Paraguay jedoch auf jegliche Steuern, außer einer allumfassenden 10%igen Mehrwertsteuer. Das Land besitzt zwei der grĂ¶ĂŸten Wasserkraftwerke der Welt, deren Stromverkauf an Brasilien und Argentinien die Staatseinnahmen sichern.
Insofern ist es zwar im internationalen Maßstab durchaus korrekt, Paraguay als Dritte-Welt-Land zu bezeichnen, jedoch bezeichnet es nicht die LebensumstĂ€nde.
Paraguay hat seit Jahren eine der höchsten Wirtschafts-Wachstumsraten der Welt. Das Land besitzt die niedrigste KriminalitÀt Lateinamerikas, und die Bevölkerung ist seit Jahren (nach Gallup-Report) die zufriedenste der Welt.

Paraguay Interview

Danke fĂŒr diese einleitenden Worte. Stellen Sie sich bitte kurz vor und schildern Sie Ihre BeweggrĂŒnde, die Sie dazu veranlasst haben, auszuwandern. Waren es Fernweh, Neugier oder Tatendrang, der Sie in die Welt hinaus getrieben hat?
Es gibt immer mehrere GrĂŒnde, sein Heimatland zu verlassen. In Deutschland wurde es ĂŒber die Jahre fĂŒr meine Frau und mich immer schwieriger, am Monatsende ausreichend Geld zur VerfĂŒgung zu haben, um unseren Lebensstandard wie gewohnt aufrecht erhalten zu können. Damals war meine Frau selbststĂ€ndig, und ich praktizierender Arzt.
Auslöser fĂŒr die Überlegungen, Deutschland zu verlassen, waren die immer grĂ¶ĂŸer werdenden HĂŒrden und ĂŒberbordende BĂŒrokratie. Das sorgte dafĂŒr, dass die VerwaltungstĂ€tigkeiten stets umfangreicher wurden, wodurch weniger Zeit fĂŒr die eigentliche Arbeit, beziehungsweise die Hilfe fĂŒr andere Menschen ĂŒbrig blieb.
Es war schon damals abzusehen, dass es eigentlich nur schlimmer werden konnte und eine Besserung der Situation nicht in Sicht war. Auch viele Freunde und Bekannte, die selbstĂ€ndig waren, verloren ihre kleinen Unternehmen wegen extremer BĂŒrokratie. Die sich teilweise widersprechenden Vorschriften sorgten dafĂŒr, dass man seine Arbeit gar nicht mehr gesetzestreu erledigen konnte.
Meine Frau und ich empfanden Deutschland mehr und mehr als Land, in dem Kleinunternehmen und Freiberufler kaum Chancen hatten. Es war nicht mehr das Land, in dem man „gut und gerne leben konnte“.

Unter Paraguay können sich die meisten Deutschen nur wenig vorstellen. Doch das Land ohne Meer und KĂŒsten, mit RuinenstĂ€dten, die zum Weltkulturerbe gehören, dem Regenwald und einem der grĂ¶ĂŸten Wasserkraftwerke, ist durchaus einen Blick wert. Es gibt 300 Tage Sonne pro Jahr, eine Trockenzeit und subtropisches Klima. Das Land zĂ€hlt mit seiner immergrĂŒnen Vegetation, den vier Naturparks und zahlreichen weiteren Naturschutzgebieten zu den artenreichsten Regionen der Welt. FĂŒr uns Deutsche ist das aber eine völlig andere Welt. Warum war es bei Ihnen ausgerechnet dieses Land?
Im Nachhinein war es zumindest teilweise Zufall, dass wir in Paraguay gelandet sind. Wir sahen seinerzeit eine Auswanderer-Fernsehsendung, in der ein etwas seltsames Paar nach Paraguay auswanderte. Die Leute waren aus unserer Sicht unglaublich naiv, wie sie an die Auswanderung herangingen. Aber die Bilder, die von Paraguay gezeigt wurden, faszinierten uns.
Wir hatten damals noch andere LĂ€nder auf dem Schirm, die aber aus verschiedensten GrĂŒnden nicht in Frage kamen. Einzig die TĂŒrkei hĂ€tte noch gepasst, aber es stand bereits damals die Frage im Raum, ob es eine politische Neuorientierung in Richtung Islam geben wĂŒrde. Das war fĂŒr uns ein No-Go.
Also flogen wir nach Paraguay, um uns das Land fĂŒr einige Wochen anzuschauen. Schon nach der HĂ€lfte der Urlaubszeit war uns klar: Das ist unser Land.

Bitte schildern Sie kurz Ihre finanzielle Situation. Wie war der Zustand in Deutschland, inclusive Ihrer Zukunftsaussichten, und womit verdienen Sie heute Ihr Geld?
Wir hatten fĂŒr deutsche VerhĂ€ltnisse ein durchschnittliches Einkommen. Allerdings war schon damals abzusehen, dass sowohl meine Frau als auch ich, in Deutschland mit Erreichen des Rentenalters in die Altersarmut fallen wĂŒrden. Die Aussichten in Deutschland beurteilten wir eher dĂŒster. FĂŒr uns hĂ€tte es trotz 40-jĂ€hriger Arbeit bedeutet, dass wir unseren bisherigen Lebensstandard hĂ€tten vollkommen aufgeben mĂŒssen. Um unseren Lebensabend in Deutschland bestreiten zu können, wĂ€ren wir mit absoluter Sicherheit auf zusĂ€tzliche Sozialleistungen angewiesen gewesen.
Heute verdiene ich mein Geld, wie schon zuvor, als zugelassener Arzt. Das mache ich aus Spaß, obwohl ich es finanziell nicht unbedingt nötig hĂ€tte, denn die in Paraguay angelegten Ersparnisse werfen gute Zinsen ab. Man kann durchaus davon leben, wenn man sein HĂ€uschen in Deutschland verkauft, sich in Paraguay ein neues kauft und den Rest anlegt.

Paraguay Interview

 Welche Chancen haben deutsche Auswanderer auf dem dortigen Arbeitsmarkt? Das wĂ€re gerade im Bezug auf die SprachhĂŒrde interessant. Gibt es Schwierigkeiten, wenn man sich selbststĂ€ndig machen möchte? Generell wĂŒrde mich interessieren, welche AbschlĂŒsse und Kenntnisse anerkannt und gebraucht werden.
Eine junge Familie kann sich durchaus ein Einkommen sichern. Allerdings ist das nur in einer SelbststÀndigkeit möglich. Als Angestellter wird man mit Sicherheit viel zu wenig verdienen, um sich auch nur einen halbwegs europÀischen Standard leisten zu können. Es gibt Berufe, die durchaus gefragt sind und auch gute Erfolgsaussichten bieten. Allerdings sollte niemand meinen, ohne Geld hier auftauchen zu können. Eine gut geplante Auswanderung kostet viel Geld und man braucht im Land einige Zeit, um sich als SelbstÀndiger am Markt durchzusetzen.
In medizinischen Berufen gibt es so einige gesetzliche HĂŒrden, die man nehmen muss. Eine Apothekenhelferin wĂŒrde möglicherweise anerkannt werden. Allerdings kenne ich die Bedingungen nicht. Sie sind fĂŒr jeden medizinischen Beruf unterschiedlich. FĂŒr die meisten anderen Berufe gibt es keine Zulassungsbestimmungen. Man meldet sich selbstĂ€ndig und fĂ€ngt einfach an. Ausnahmslos in allen Berufen, in denen man mit Menschen zu tun hat, sind jedoch fundierte Spanischkenntnisse unumgĂ€nglich.

Wie sind die Lebenshaltungskosten in Paraguay? Sie haben es zwar bereits angedeutet, aber ich möchte noch einmal nachhaken. MĂŒssen Auswanderer auf den deutschen Lebensstandard verzichten?
Die Lebenshaltungskosten sind in den letzten 10 Jahren deutlich gestiegen. Allerdings bewegen sie sich noch immer auf einem fĂŒr europĂ€ische VerhĂ€ltnisse akzeptablen Niveau. Ein Zwei-Personen-Haushalt benötigt, ohne dass man sich persönlich einschrĂ€nken muss, etwa 1.000 EUR zum Leben. Darin ist alles eingeschlossen – incl. Restaurantbesuche, Kraftstoffe, usw.
Deutsche Auswanderer brauchen gerade in Paraguay nicht auf den gewohnten Lebensstandard zu verzichten. Es gibt so gut wie alles, einschließlich deutscher Produkte, wenn man sie mag. Der Grund sind die vielen Auswanderer, die in den letzten 100 Jahren nach Paraguay gekommen sind. Zur Zeit haben wir etwa 600.000 Deutsche und DeutschstĂ€mmige im Land, davon rund 200.000 Neueinwanderer. Aber auch viele Deutschsprachige wie Österreicher, Schweizer, Belgier, Franzosen, NiederlĂ€nder und Italiener.

Das wĂ€re rund zehn Prozent DeutschstĂ€mmiger im Land. Eine gewaltige Zahl und ein Grund mehr, sich das Land genauer anzusehen. Mit durchschnittlich 16 Einwohnern pro kmÂČ ist Paraguay recht dĂŒnn besiedelt. Von den rund 6,7 Millionen Einwohnern leben im Ballungsraum AsunciĂłn fast 2 Millionen Menschen. Können Sie unseren Lesern etwas zur Umweltbelastung in diesem Land sagen?
Paraguay ist bei einigen Produkten Exportweltmeister. Es gibt Regionen, in denen die Landwirtschaft exzessiv betrieben wird. Dort gibt es eine hohe Belastung an Pestiziden. Insgesamt ist die Umweltbelastung trotz einiger Problem-Schwerpunkte wesentlich niedriger als in Deutschland, was der GrĂ¶ĂŸe des Landes und der niedrigen Bevölkerungsdichte geschuldet ist. Paraguay hat die sauberste Luft SĂŒdamerikas, was jedoch nicht fĂŒr die GroßstĂ€dte gilt.

Paraguay Interview

Ich habe gelesen, dass die grĂ¶ĂŸeren Binnenseen durch Industrie und Landwirtschaft stark verunreinigt sind, so dass selbst das Baden verboten ist. Können Sie das bestĂ€tigen? In diesem Zusammenhang wĂ€re interessant, in welcher Regionen durch ĂŒbermĂ€ĂŸige Umweltbelastung ein Wohnsitz eher nicht zu empfehlen ist.
Der Lago Ypacarai, der im Naherholungsbereich der Hauptstadt Asuncion liegt, ist tot. Das Wasser ist saisonabhĂ€ngig sogar durch toxische Algen belastet. Insgesamt sind aber die Seen landesweit nicht gerade sauber. Es werden viele Pestizide auf dem Land eingesetzt, was zu einer Grundwasserbelastung fĂŒhrt.
Es ist schwer zu sagen, welche Gebiete man deswegen fĂŒr einen Wohnsitz meiden sollte. Denn es gibt, wie ich zuvor angemerkt habe, etliche andere Faktoren, die bestimmte Wohngegenden fĂŒr EuropĂ€er unattraktiv machen. Die meisten Neueinwanderer haben sich im SpeckgĂŒrtel um die Hauptstadt Asuncion niedergelassen, um kĂŒrzere Wege in die Stadt zu haben. Cordillera, also der Bezirk, in dem ich lebe, grenzt direkt an den Großraum Asuncion und ist eine der schönsten Regionen des Landes. Die Infrastruktur ist gut und es gibt dort nur Kleinbauern, was die Belastung an Pestiziden minimiert.

Wie sieht es mit der KriminalitÀt und der Korruption aus?
Schaut man sich die Statistiken an, stellt man fest, dass Paraguay in etwa die doppelte KriminalitĂ€tsrate wie in Deutschland aufweist. Aber auch hier ist es nur einmal die halbe Wahrheit. Es ist bekannt, dass Statistiken keine GrĂŒnde benennen. In Paraguay dĂŒrfte so ziemlich jeder BĂŒrger mit einer Schusswaffe ausgestattet sein, was KriminalitĂ€t gegen Unbekannte (also nicht AuslĂ€nder) fĂŒr die TĂ€ter zu einem eher unkalkulierbaren Risiko macht.
Mal abgesehen von Diebstahl und Raubdelikten findet die KriminalitĂ€t Paraguays im Wesentlichen innerhalb der Familie statt. Streitigkeiten wĂ€hrend eines Fußballspiels im Fernsehen können schon mal mit dem Tod enden.
KriminalitĂ€t gegen AuslĂ€nder (wieder von Diebstahl und Raub abgesehen) ist die absolute Ausnahme. Und wenn etwas passiert, hat das immer eine Vorgeschichte. Grundlos – wie es in Deutschland tagtĂ€glich geschieht – gibt es hier fast keine Verbrechen.
Und nun zur Korruption. Ja, es gibt sie. Aber insgesamt glaube ich, dass es in Paraguay nicht korrupter als in Deutschland zugeht. Nur die Art der Korruption ist eine andere. WĂ€hrend sie in Deutschland im Dunkel blĂŒht, gibt es in Paraguay eine offene Korruption. Wer korrumpieren möchte, kann das tun, darf sich aber nicht erwischen lassen. Alle anderen lassen es eben bleiben. Es bleibt letztendlich jedem selbst ĂŒberlassen, ob er fĂŒr eine schnell erwartete Leistung einen „Bonus“ bezahlen möchte oder nicht. Diese Art der Korruption zieht sich vom kleinsten Beamten bis in die höchsten Regierungskreise. Genau wie in Deutschland auch, nur dass man dort als normaler BĂŒrger selten damit konfrontiert wird.

Die Uhren scheinen in Paraguay langsamer zu ticken. Wie kann ich mir einen normalen Tagesablauf eines Einheimischen vorstellen?
Es ist recht einfach zu sagen, die Uhren gingen in Paraguay anders. Das stimmt teilweise und auch wieder nicht. Man darf das Klima nicht unterschĂ€tzen. Das bedeutet, dass man sich auch als EuropĂ€er dem Tagesrhythmus der Einheimischen anpassen muss. Das bedeutet morgens um 6 Uhr aufstehen und bis etwa 11 Uhr arbeiten. Danach wird es zumindest fĂŒr EuropĂ€er zu warm dafĂŒr. Man kann dann bis 17 Uhr Pause machen, bis die Temperaturen wieder auf ein akzeptables Mass absinken.
Das Leben beginnt wie in den europĂ€ischen MittelmeerlĂ€ndern nach Einbruch der Dunkelheit. Die Paraguayer gehen gegen 22 Uhr essen. Ein paraguayisches Lokal, das vor 18 Uhr öffnet, ist schwer zu finden – außer in der Hauptstadt und den großen StĂ€dten.
Was die Uhren „anders“ gehen lĂ€sst, ist die Gelassenheit der Menschen, die man auch als EuropĂ€er schnell zu schĂ€tzen lernt. Ein SchwĂ€tzchen mit dem Nachbarn, zwei Autos begegnen sich auf der Straße und die Fahrer wechseln ein paar Worte oder man besucht des Öfteren Bekannte oder Freunden fĂŒr einen Plausch.
Hier haben die Menschen Zeit, und man nimmt sie sich gerne fĂŒr andere. Das war unter anderem einer der GrĂŒnde, was mich an Deutschland zunehmend gestört hat. Ein Treffen mit Freunden musste Wochen oder Monate im Voraus geplant werden. In Paraguay ist immer die Zeit vorhanden, um sich mit jemandem zu treffen und auszutauschen, selbst wenn man berufstĂ€tig ist. Es ist ein Teil des hiesigen Lebens, den wir und unsere Freunde und Bekannten, die uns aus Deutschland besuchten, sehr schĂ€tzen.
Nicht umsonst sagt ein Indianersprichwort: „Wer einmal Paraguay besucht hat, kommt immer wieder.“

Das macht mich persönlich neugierig. Deshalb werde ich selbst prĂŒfen, ob das alte Sprichwort noch immer seine GĂŒltigkeit besitzt. Vielleicht treffen wir uns einmal in Cordillera. Wie sind die Krankenvorsorge und die Ă€rztliche Betreuung in Paraguay im Vergleich zu Deutschland? Und, gibt es Ihrer Meinung nach besondere gesundheitliche Risiken durch Flora und Fauna?
Risiken durch Flora und Fauna gibt es in jedem Land. Gerade, wenn man sich in eine völlig neue Welt begibt und keine der Pflanzen kennt, sollte man Vorsicht walten lassen. Ein hoher Anteil an Pflanzen ist mit Stacheln bestĂŒckt, die oftmals fĂŒr lange Zeit eitrige Wunden hinterlassen.
Im Gegenzug dazu kennt man in Paraguay aber auch Tausende von fantastischen Heilpflanzen.
Die Tierwelt ist je nach Region mehr oder weniger gefĂ€hrlich. Je nĂ€her man an den nördlichen Urwaldregionen wohnt, umso mehr wilde Tiere werden einem begegnen. Der sĂŒdöstliche Teil des Landes ist aber weitgehend kultiviert, was die Begegnung mit Wildtieren eher selten macht.
Die Krankenvorsorge, beziehungsweise Ă€rztliche Betreuung hĂ€ngt stark von der Region ab, in der man wohnt. Bis etwa 150km um die Hauptstadt AsunciĂłn herum und in den großen StĂ€dten ist die Gesundheitsversorgung ordentlich bis gut. Wir reden hier von Regionen mit einer Einwohnerzahl von etwa 45/kmÂČ. Auf dem Land liegt die Einwohnerzahl teilweise bei nur bei 0,1/kmÂČ, was KrankenhĂ€user dort ĂŒberflĂŒssig macht. Wozu soll der Staat eine Gesundheitsstruktur dort aufbauen, wo niemand wohnt? Daher ist es fĂŒr Auswanderer immens wichtig, sich nicht nur die interessanten GrundstĂŒcke, sondern auch die vorhandene Infrastruktur der Region anzusehen.
GrundsĂ€tzlich hat jeder Einwohner Paraguays, also auch die AuslĂ€nder, die ĂŒber einen paraguayischen Personalausweis verfĂŒgen, das Anrecht auf eine kostenlose medizinische Grundversorgung. Erst weiterfĂŒhrende Versorgungen kosten Geld. Diese liegen allerdings in der Regel auf einem Preisniveau, welches auch Ă€rmeren Paraguayern eine ordentliche Versorgung ermöglicht.
In Paraguay gibt es keine Versicherungspflicht. Damit bleibt es jedem selbst ĂŒberlassen, ob er sich privat krankenversichert oder nicht. Im Normalfall lohnt sich eine Krankenversicherung nicht, weil die Behandlungskosten aus europĂ€ischer Sicht sehr niedrig sind. Das Ă€ndert sich aber schnell, wenn man einen schweren Unfall erleidet oder ernsthaft erkrankt und kann dann durchaus an die finanzielle Substanz gehen.

Welche Risiken bestehen insbesondere fĂŒr Malaria und Dengue-Fieber? Wie gehen deutsche Auswanderer mit dieser Gefahr um, oder sehen Sie das eher unproblematisch?
Malaria gibt es fast ĂŒberhaupt nicht. Gelbfieber kommt in den grenznahen Regionen zu Brasilien vor. Im Land ist Gelbfieber unbekannt.
Eine Dengueinfektion sehe ich als relativ unproblematisch an. DengumĂŒcken haben einen Lebensradius von 200-300 Meter um ihren Geburtsplatz herum. Das bedeutet, dass die Ausbreitung von Dengue ausschließlich von der Sauberhaltung des eigenen GrundstĂŒcks abhĂ€ngt. Wo es kein stehendes Wasser gibt, gibt es auch keine MĂŒckenlarven. Dengueepidemien, wie sie jedes Jahr in den großen StĂ€dten vorkommen, sind durch eigene NachlĂ€ssigkeit „hausgemacht“.

Welche besonderen HĂŒrden mussten Sie in dem neuen Land ĂŒberwinden?
Mit Hilfe eines versierten Einwanderungshelfers geht die Einwanderung meist reibungslos vonstatten. Ein eigenes Unternehmen kann man erst grĂŒnden, wenn man den paraguayischen Personalausweis in den HĂ€nden hĂ€lt.
Die Sprache ist ein wesentliches Kriterium, um sich in Paraguay zurechtzufinden. NatĂŒrlich gibt es sehr viele Menschen, die deutsch sprechen, doch Spanisch zu erlernen ist ein absolutes Muss. Zumindest, wenn man nicht in einer der 28 deutschen Kolonien wohnt und mit seinen Mitmenschen kommunizieren möchte. Allerdings muss man an sich selbst keine so großen AnsprĂŒche hinsichtlich der Sprache stellen, wie es in anderen LĂ€ndern Lateinamerikas nötig wĂ€re. Denn nur 30 Prozent der paraguayischen Bevölkerung spricht spanisch. 10 Prozent sprechen deutsch und 60 Prozent ausschließlich die Indianersprache Guarani. Diese ist aber fĂŒr EuropĂ€er nur sehr schwierig erlernbar. Das bedeutet fĂŒr Deutsche, dass es nicht gerade selten vorkommt, dass die Paraguayer genauso gut oder schlecht spanisch sprechen wie man selbst.
Hinzu kommt, dass die Deutschkurse der Sprachschulen in Paraguay schon auf Jahre ausgebucht sind. Deutsche besitzen in den Augen der Paraguayer viel Geld, und da die meisten VerkÀufer in den GeschÀften auf Provisionsbasis arbeiten, setzen sie viel mehr um, wenn sie die Deutschen in ihrer Sprache bedienen können. Heute kommt es deshalb oft vor, dass zumindest ein Mitarbeiter in den GeschÀften deutsch spricht.
Manchmal ist die Erwartungshaltung der Deutschen, in Paraguay ein zweites Deutschland vorzufinden, und dass sie sich nahtlos in das System integrieren können. Dann kommt der Schock. Die Paraguayer sind ein selbstbewusstes Volk und haben einen ausgeprÀgten Nationalstolz. Sie ertragen es nicht, wenn die Neueinwanderer ihnen stets erklÀren, dass sie ihr bisheriges Leben völlig falsch verbracht haben und ihre Erfahrungen nichts wert sind, weil in Deutschland alles ganz anders ist.
Nach meinen Erfahrungen sind tatsĂ€chlich viele Deutsche nicht bereit, sich den hiesigen LebensverhĂ€ltnissen anzupassen und erwarten die gleichen Voraussetzungen wie in Deutschland. Doch das sĂŒdamerikanische Leben ist eben nicht mit dem deutschen gleichzusetzen. Die Lebensbedingungen sind so speziell, dass Neueinwanderer sie teilweise auch nach Jahren nicht begreifen können, wenn man sie ihnen nicht erklĂ€rt.

Also sollten die Einwanderer flexibel genug sein, um die Kultur zu verstehen und zu achten. Ich halte das fĂŒr selbstverstĂ€ndlich, wenn ich in ein anderes Land komme. Offenbar gilt das nicht fĂŒr jeden.
Was sollten Ausreisewillige unbedingt mitbringen?
Im Grunde gibt es heutzutage praktisch alles zu kaufen, was man auch aus Deutschland kennt. Bekleidung in ÜbergrĂ¶ĂŸen ist noch Mangelware, die sollte man ausreichend im GepĂ€ck haben.
Was generell unterschĂ€tzt wird, ist der paraguayische Winter. Man friert viel mehr als in Deutschland, auch wenn die Tagestemperaturen weit ĂŒber dem Gefrierpunkt liegen und man in den Subtropen lebt. Wer eine Weile hier ist, wird anfangen zu frösteln, wenn die Temperatur unter 25 Grad fĂ€llt. Dann zieht man sich schon eine Strickjacke ĂŒber. FĂŒr Auswanderer ist es immens wichtig, ihre Winterbekleidung und Wintersteppdecken fĂŒr die Betten mitzubringen.
Auf das Mitbringen nach Paraguay sollte bei technischen GerÀten wie beispielsweise Autos, RasenmÀher, Sitztraktoren, Freischneider, und so weiter verzichtet werden.
Sicher, die GerĂ€te sind in Paraguay etwas teurer als in Deutschland, jedoch gibt es in der Regel keine Ersatzteile dafĂŒr, weil Ă€hnliche Modelle meist aus Brasilien, Argentinien oder den USA stammen. Also empfehle ich, lieber GerĂ€te in Paraguay zu kaufen, die auch repariert werden können.
Was Deutsche unbedingt mitbringen sollten, ist Geduld. Es ist anfangs schon sehr gewöhnungsbedĂŒrftig, mit welcher Langsamkeit manche Dinge erledigt werden. Aber man gewöhnt sich daran und nach einiger Zeit geht es einem auch nicht mehr anders – weil es eben zum sĂŒdamerikanischen Leben gehört. Wer sich stĂ€ndig darĂŒber aufregt, reibt sich auf und Ă€ndert trotzdem nichts.

Wie hoch sollte Ihrer Meinung nach ein finanzielles Mindestkapital fĂŒr einen Neuanfang sein? Gibt es staatliche, bzw. behördliche Auflagen ĂŒber eine gewisse finanzielle Summe, wie es in einigen anderen LĂ€ndern fĂŒr einen Daueraufenthalt erforderlich ist?
Diese Frage ist schwierig zu beantworten. Es hÀngt von der persönlichen Situation der Ausreisewilligen ab.
Mindestens werden etwa 20.000 EUR benötigt, um hier starten zu können. Die Kosten fĂŒr die Einwanderung, Anschaffung eines Autos und notwendiger GartengerĂ€te, die Miete fĂŒr ein Haus, Lebenshaltungskosten, Kosten fĂŒr Fahrten in die Hauptstadt, usw. mĂŒssen vorhanden sein.
Wenn derjenige ĂŒber kein regelmĂ€ĂŸiges Einkommen aus Europa verfĂŒgt, muss er zusĂ€tzlich die Mittel besitzen, um mindestens 3 Jahren ĂŒber die Runden zu kommen. Es ist zu beachten, dass zu den genannten Kosten bei der Einwanderung 5.000 EUR pro Person und Familie bei einer Bank fĂŒr die Dauer eines Jahres hinterlegt werden mĂŒssen. Das Geld geht nicht verloren, sondern ist als Sicherheit gedacht, falls in dieser Zeit etwas schiefgehen sollte. Nach einem Jahr bekommt man das Geld ausgezahlt, sofern man dann bei der Bank seinen paraguayischen Personalausweis vorlegt, was die abgeschlossene Einwanderungsprozedur belegt.

Gibt es weitere Besonderheiten, die Sie noch erwÀhnen möchten?
Es gibt eine seltsame Erkrankung, die in Paraguay „Hektaritis“ genannt wird. Deutsche, die auswandern, stellen fest, dass sie ein Vielfaches an Land bekommen, das sie in Deutschland verkauft haben. Hier werden viele GrundstĂŒcke verkauft, die 10 bis 100 Hektar groß sind.
SpĂ€ter kommt dann das böse Erwachen: Ein solches GrundstĂŒck muss instandgehalten werden. Die Wachstumsrate der Pflanzen liegt um ein Vielfaches höher als in Deutschland. Und so ist ein großes GrundstĂŒck nach 2-3 Jahren vollkommen verwildert. Die Kosten fĂŒr die Bereinigung liegen bei umgerechnet 180 EUR pro Hektar.
DarĂŒber hinaus bergen große GrundstĂŒcke oft Probleme bei der Stromversorgung. Denn der staatliche Anbieter ANDE legt den Anschluss bis an die GrundstĂŒcksgrenze. Die Kosten auf dem eigenen GrundstĂŒck muss der EigentĂŒmer selbst ĂŒbernehmen und gehen bei großen GrundstĂŒcken schon mal in die Tausende Euro. Deswegen ist manchmal der Stromanschluss teurer als das GrundstĂŒck selbst.
Deswegen sollten Neueinwanderer vermutliche SuperschnĂ€ppchen nicht sofort kaufen. Meistens haben sie einen oder mehrere Haken, die der Kaufinteressent nicht unmittelbar erkennen kann. GrundstĂŒcke sollte man nicht nur bei gutem Wetter besichtigen, sondern vor allem bei schlechtem Wetter, bei dem die Probleme zutage treten. Ist der Weg zum GrundstĂŒck auch bei schlechtem Wetter befahrbar? Liegt das GrundstĂŒck in einer Senke oder am Rand eines Sumpfes? Liegt das GrundstĂŒck auf einem Berg mit fantastischer Weitsicht? Dann stellt sich die Frage, ob es eine ausreichende Versorgung mit Trinkwasser gibt.
GrundsĂ€tzlich muss jeder fĂŒr sich selbst entscheiden, wie viel GrundstĂŒck man in der Lage ist, zu bewirtschaften. Denn es ist das Recht der Gemeinden, GrundstĂŒcke auf Kosten der EigentĂŒmer sauber zu halten, um zu verhindern, dass Schlangen, Vogelspinnen, Skorpione und anderes Getier sich in die Wohngegenden ausbreiten. Und das wird dann richtig teuer fĂŒr den EigentĂŒmer. Das kann bei großen GrundstĂŒcken existenzbedrohend werden.

Dem Wunsch der Auswanderung nachzugeben, sollte also stets gut ĂŒberlegt sein. Das betrifft wohl jedes Land. Haben Sie diesen großen Schritt jemals bereut?
Meine Frau und ich haben den Weg nach Paraguay nie bereut. Es ist kein Paradies, aber es ist ein Land in dem man als Deutscher gut und wirklich gerne leben kann, sofern man bereit ist, sich den LebensumstĂ€nden anzupassen. Wir sind seit ĂŒber 8 Jahre hier. Wenn wir mit unseren Freunden in Deutschland telefonieren, erkennen wir jedes Mal, dass wir den richtigen Schritt gegangen sind.
Mit Sicherheit ist das Land nicht fĂŒr jeden etwas. Wer es bisher gewohnt war, dass ihm Behörden oder andere Menschen die Entscheidungen abnahmen, wird in Paraguay scheitern. Wer allerdings bereit dazu ist, sich einer völlig anderen Kultur anzupassen, neugierig auf Neues ist und dabei ein angenehmes Leben haben möchte, der ist in Paraguay richtig. Wir können uns nicht vorstellen, jemals wieder nach Deutschland zurĂŒckzukehren. Hier haben wir erstmals wirkliche Freiheit kennengelernt. Und die hat absolut nichts mit der angeblichen Freiheit zu tun, die den BĂŒrgern in Deutschland propagiert wird.

Ich bedanke mich fĂŒr das angenehme GesprĂ€ch, die AufschlĂŒsse ĂŒber das vielfĂ€ltige Land und die nĂŒtzlichen Tipps fĂŒr Ausreisewillige. Vielleicht haben wir auch einfach nur das Interesse fĂŒr einen Urlaub geweckt, in ein Land, wo die Zufriedenheit und das GlĂŒck zwischen Urwald und dem modernen Leben liegen.
Ich wĂŒnsche Ihnen und Ihrer Frau noch viele sonnige Tage in Paraguay.

* Der Name wurde von der Redaktion geÀndert.
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Kommentare (2)

  • Hans Dampf

    Sie sollten das etwas genauer hinterfragen. Herr W. ist weder in Paraguay noch war er in DE ein zugelassener Arzt. Auch stimmen viele Zahlen hier ganz und gar nicht. Anzahl der Deutschen, Sprachanteil deutsch/spanisch, usw.
    Ansonsten ist der Artikel gut geschrieben.

    • Baum Alfons

      guter Kommentar Hans Dampf – nach einem Intensivaufenthalt von 3 Monaten aus Paraguay zurĂŒck und ich bin nicht aus Deutschland angereist sondern mit einer Lehrzeit von 31 Jahren aus einem anderen ,sogenannten Schwellenland
      Ohne auf Einzelheiten einzugehen sage ich nur,fĂŒr seriöse Auswanderer besitze ich wohl eine wesentliche interessantere Bestimmung – 2 Flugstunden vor der Deutschen HaustĂŒre mit wesentlich besseren und interessanteren Bedingungen.
      Interessenten können sich gerne mit mir in Verbindung setzen !!! Bitte beachten : persönlich gehöre ich zur Kategorie der Leute,welche einen Hund einen Hund und eine Katze eine Katze nennen !

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