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Geschichtsunterricht auf der Kinoleinwand

Wie zwei Blockbuster eine Debatte ĂŒber die Geschichte Amerikas anheizen
„In Ihrem Bestand befindet sich, wie ich höre, ein Exemplar, das ich sehr gerne erwerben wĂŒrde.“ Diese Anfrage hört sich so an, als sei sie an einen Antiquar oder Sammler gerichtet. Als ginge es um ein Objekt wie einen Kunstgegenstand, ein Auto oder eine seltene Briefmarke. Eigentlich aber geht es um einen Menschen.

Der Satz stammt aus Quentin Tarantinos just in Deutschland angelaufenem Kinofilm „Django Unchained.“ Als Antwort wird KopfgeldjĂ€ger Dr. King Schultz „unverkĂ€uflich“ entgegnet. FĂŒr ihn natĂŒrlich kein Hindernis, sonst wĂ€re es kein Film. Doch interessant, an dem was Darsteller Christoph Waltz in seiner gewohnt trocken-ironischen Art hervorbringt, ist, dass es nicht nur im Kinosaal fĂŒr die Dauer des Films relevant ist. Bereits vor seinem Kinostart trat „Django Unchained“ eine gesellschaftliche Diskussion ĂŒber die Geschichte der Sklaverei und Amerikas Umgang mit dieser los.

Quentin Tarantino, bekannt fĂŒr Provokationen, verwebt in diesem Film die Themen Sklaverei und Rassimus mit dem Genre des guten alten Western. Und – so die These vieler Medienverteter – konfrontiert die USA dadurch mit ihrer eigenen Vergangenheit. Doch funktioniert das? Kann ein solch sensibles Thema noch relevant in einen coolen Popkultur- Western verpackt werden – und all das im typischen brutal-ironischen Tarantino-Stil?

Gleich zwei Filme nehmen sich dem Thema an
Dass sich Tarantino an solche Geschichten traut, ist nicht erst seit dem Film „Inglourious Basterds“ klar, in dem der Regisseur eine jĂŒdische Guerillatruppe Nazi-Scalps sammeln lĂ€sst. Doch diesmal geht es um ein StĂŒck Geschichte, das bis heute wichtiger Bestandteil der US-Historie ist. Der Konflikt zwischen den Nord- und den SĂŒdstaaten des Landes, die noch heute manchmal nicht recht zusammengehörig scheinen.

Die Story von „Django“ spielt 1858 in Texas, kurz vor Ausbruch des Amerikanischen BĂŒrgerkriegs. KopfgeldjĂ€ger Schultz kauft den Sklaven Django frei und beide verabreden einen Deal: Django arbeitet mit ihm zusammen und Schultz hilft diesem, seine Frau Broomhilda, die als Sklavin verkauft wurde, zu befreien.

Vielleicht wĂ€re das noch nicht Anlass genug fĂŒr eine öffentliche Diskussion, es ist nun mal ein Film von Tarantino. Doch ein zweiter Film konfrontiert die USA mit dem Thema Sklaverei und der einstigen Debatte um sie. „Lincoln“ beschĂ€ftigt sich mit dem Leben des US- PrĂ€sidenten. Der Film von Steven Spielberg konzentriert sich dabei jedoch auf die Entscheidung der Abschaffung des Sklavereiartikels zum Ende des Amerikanischen BĂŒrgerkriegs.

Geschichte und Gegenwart hÀngen eng zusammen
Als Voraussetzung fĂŒr diese Debatte wird aber auch der Wandel, den Amerika momentan durchlĂ€uft, gesehen. Barack Obama ist dabei mehr als nur der aktuelle PrĂ€sident der USA, er ist auch Symbol fĂŒr eine neue amerikanische Offenheit und MentalitĂ€t. Die ist zum Teil noch nicht ĂŒberall durchgedrungen, wie die Diskussion um die Änderung der Waffengesetze nach dem Amoklauf von Newtown zeigt.

Mit Obama, so meinen viele, seien neue Zeiten fĂŒr Amerika angebrochen – und doch ist die Geschichte der USA omniprĂ€sent. Wie auch in dessen Inaugurationsrede. „Das, was unsere Nation zusammenhĂ€lt, ist nicht unsere Hautfarbe, nicht unser Glaube oder die Herkunft unserer Namen. Was uns auszeichnet, was uns zu Amerikanern macht, ist unsere LoyalitĂ€t einer Idee gegenĂŒber, die vor mehr als zwei Jahrhunderten in einer ErklĂ€rung niedergeschrieben wurde“, sagte Obama bei der Rede zu seiner Vereidigung in Washington und zitierte anschließend aus der Amerikanischen UnabhĂ€ngigkeitserklĂ€rung.

Die Gleichheit aller Menschen und der Respekt gegenĂŒber ihren unverĂ€ußerlichen Rechte sollen zwar selbstverstĂ€ndlich sein, seien es aber defacto nicht, so Obama weiter. Die Tatsache, dass noch heute Gleichstellung oftmals nicht beachtet wird, zeigt, dass dieses Kapitel der US-Geschichte noch nicht vollkommen abgeschlossen ist – und es gut ist, es aufzuarbeiten – sei es auch im Kino.

„Blutleer“ und nicht ernsthaft genug
Die Themen, die „Lincoln“ und „Django“ behandeln, sind sensible, emotionale Themen – bei denen die Filmemacher viel falsch machen können. Dementsprechend stark ist auch die Kritik gegen beide Filme. So wirft die konservative Kritik Spielberg vor, in „Lincoln“ die historischen Fakten zu schönen. Afro-amerikanische Kritiker hingegen bemĂ€ngeln eine platte Darstellung der Rassendiskriminierung im Film. Der in „Lincoln“ dargestellte Konflikt entscheide sich „als blutleerer Vorgang in Hinterzimmern von Washington“, schreibt auch Journalist Sebastian Moll.

Alles andere als blutleer hingegen ist Tarantinos „Django Unchained.“ In gewohnter BrutalitĂ€t zeigt der Regisseur seinen Western, aber das ist nicht das, was die Kritiker primĂ€r stört. Es ist vielmehr der Witz, der bei Tarantino mitschwingt. So wirft Regisseur Spike Lee, Macher des Films „Malcolm X“, Tarantino nicht genĂŒgend Ernsthaftigkeit im Umgang mit dem Thema Sklaverei vor.

Wirklich falsch jedoch, wĂ€re nur gewesen, sich nicht mitdem Thema auseinander zu setzen. Ein Film ist ein Kunstprodukt, ein Hollywoodfilm muss Millionen an den Kinokassen wiedereinspielen. Dass im Drehbuch keine umfassende Auseinandersetzung stattfinden kann, liegt da auf der Hand. Dass die Filme eine gesellschaftlichen Debatte anheizen, ist in jedem Fall erstrebenwert. Mit „Django“ und „Lincoln“ sind nun zwei Blockbuster namhafter Regisseure gestartet, die durch ihren kommerziellen Erfolg ein breites Publikum erreichen können. Bemerkenswert ist dabei, dass sich nicht nur ein Provokateuer und Liebhaber von heiklen Themen solchen Stoffes annimmt, sondern auch der Mainstream.

„Django Unchainend“ von Quentin Tarantino ist seit dem 17. Januar 2013 in den Kinos zu sehen, „Lincoln“ von Steven Spielberg lĂ€uft am 24. Januar 2013 an.

(Text: Julia Radgen)


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Über den Autor

Ressortleiterin Gesellschaft

Julia Radgen lebt in Mainz und schreibt am liebsten ĂŒber Kultur- und Gesellschaftsthemen - und interessante Menschen. Sie ist Social Media-sĂŒchtig und verzichtet nur freiwillig auf Internet und Handy, wenn sie zu einem Festival fĂ€hrt. Wenn sie groß ist, will Julia mal Journalistin werden.

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