Zur Lage in Pakistan: Stimmen aus dem Land

Der politisch unerfahrene Sohn Benazir Bhuttos -Bilawal Bhutto- wird für seine Mutter den Parteivorsitz der „Pakistan People’s Party“ übernehmen und hierbei von seinem Vater hinter den Kulissen unterstützt. Diese Nachricht ist mittlerweile allgemein bekannt. Ebenso wie die Nachrichten, die beschreiben, dass die Lage in Pakistan allgemein chaotisch ist. Äußerst spannend wird die Zeit bis zu den Wahlen am 18. Februar.

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Doch wie chaotisch ist es wirklich? Ist es überall das gleich schlimm? Was denken die Menschen? Und natürlich sind es die Menschen auf Pakistans Straßen, die diese Fragen am besten beantworten können. Die Möglichkeiten sozialer Netzwerke, wie zum Beispiel Facebook, nutzend, wandte back view sich an einige Pakistanis, um von ihnen selbst zu erfahren, wie sie die Lage im eigenen Land betrachten.

Der erste Ansprechpartner, der auf unsere Anfragen antwortete ist Ijaz Tareen, ein 1960 geborener pakistanischer Unternehmer und Sohn von Großgrundbesitzern, bis zu seinem zehnten Lebensjahr politisch aktiv waren. Auf das, was danach war, geht er weniger detailliert ein, als auf die Fragen, die back view an ihn richtete.
Er denkt, dass die breite Öffentlichkeit die Meinung vertritt, die Regierung stecke hinter dem Anschlag an Benazir Bhutto; dies sei jedoch die übliche Reaktion des Volkes, wenn ein Führer getötet würde. Die ersten zwei Tage nach dem Anschlag sei es besonders gefährlich gewesen, weil die -wie er sagt- „roten Elemente“ sich ins Geschehen eingebracht hätten, Banken ausraubten und Geschäfte plünderten. Die Regierung sei davon überrascht worden und habe so nicht angemessen reagieren können.

Die nächsten Wochen würden ungewiss, weil die „Pakistan People’s Party“ (also Bhuttos Partei, Anm. d. Red.) das so genannten „rote Element“ in Pakistan sei. Er selbst scheint nicht so viel von diesem „roten Element“ zu halten, er vergleicht sie mit Skinheads im Vereinigten Königreich oder den so genannten Rednecks aus den Staaten. Ursprünglich sei die PPP die sozialistische Partei in Pakistan gewesen, wohl aber -wie er betont- geführt von einem der größten Grundbesitzer Pakistans.

Die Situation auf den Straßen sei unterschiedlich. Für ihn stelle es derzeit keine Gefahr dar, das Haus zu verlassen, er wohne jedoch in einem durch die „Pakistan Muslim League“ geprägten Viertel („Pakistan Muslim League“ ist die Partei Nawaz Sharifs, einem Kandidaten für die Parlamentswahl am 08.01.08 und politischer Gegner sowohl Bhuttos als auch Musharrafs, Anm. d. Red.). Die PML stelle das konservative Gegenbild zur PPP dar, und die größten Probleme habe es in großen Städten oder in von der „Pakistan People’s Party“ dominierten Gegenden.

Ein weiterer Ansprechpartner, der auf die Fragen eingegangen ist, heißt Kamran Niazi, ein Familienvater aus der Nordwestprovinz Pakistans. Ähnlich wie Ijaz Tareen sagt er, dass die Unruhen nur an bestimmten Orten, nicht jedoch landesweit stattgefunden haben. Er nennt jedoch konkret Sindh und Islamabad. Sindh, weil es die Heimatstadt von Benazir Bhutto ist, und Islamabad, weil dort schwerpunktmäßig die Medien vertreten sind. In der Nordwestprovinz, Niazis Heimat, in der auch viele Afghanen, vor allem Paschtunen, wohnen gab es auch einige Unruhen. Diese wurden, seiner Ansicht nach, hauptsächlich von afghanischen Flüchtlingen verursacht, die die Gelegenheit genutzt hätten, um zu plündern und zu stehlen.
Er sei auch die knapp 600 Kilometer lange Strecke von Kohat nach Lahore gefahren, und habe dort nicht so viele Probleme beobachten können. Insgesamt meint er, dass die Leute unter keinen großartigen Schwierigkeiten leiden. Zu den aktuellen Politikern möchte er sich nicht äußern, weil er wenig Sympathien für sie empfindet.

Ijaz Tareen und Kamran Niazi sind lediglich zwei von vielen pakistanischen Stimmen. Aber insgesamt scheint es doch so zu sein, dass – so bedenklich die Lage in Pakistan ist- sie von den Menschen dort nicht so empfunden wird. Weiterhin scheinen die Medienberichte über das Chaos ein Bild in den Köpfen der interessierten Leserschaft zu zeichnen, welches der insgesamt ruhigen Lage im Land nicht entspricht.

(Text: Martin Böcker)

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