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Ein estnischer Sommer

Tere tulemast , Tallinn!

Üks, kaks, kolme, 1,23, du musst die entscheiden. Wie jedes Jahr standen die Koffer im Gang und die Frage im Raum, wo soll es hingehen in diesem Jahr? Ein Angebot an einem europĂ€ischen Projekt mitzuwirken, fĂŒhrte nach Tallinn, die Hauptstadt Estlands.

Talinn2Am Rande und doch mittendrin

Blickt man auf die Europakarte, so nimmt man am Ă€ußeren Rand ein kleines Land mit gerade einmal 1,3 Millionen Einwohnern wahr. Aber Estland befindet sich nicht am Rand, sondern mittendrin. In diesem Jahr fĂŒhrt das Land erstmals die PrĂ€sidentschaft des EuropĂ€ischen Rates.
Dies ist umso bedeutsamer, gehört das baltische Land doch erst seit 2004 zur EuropĂ€ischen Union. Unter diesem feierlichen Rahmen stand die Model European Union Tallin 2017, ein Planspiel zur Simulation der EuropĂ€ischen Union, die mich als fiktiven EU-Kommissar aufs Baltikum fĂŒhrte. Ein frĂŒheres Mitwirken an einer Ausstellung ĂŒber den „Baltischen Weg“ hatte mich neugierig gemacht, dieses besondere Land einmal persönlich zu erleben.

Gerade einmal zwei Flugstunden trennen den MĂŒnchner Flughafen vom Baltikum. Bereits die Ankunft in Tallinn gibt einen ersten Eindruck. Am Flughafen Lennart Meri, benannt nach dem ehemaligen estnischen PrĂ€sident, hielt selbiger 1996 spontan eine Pressekonferenz auf der Flughafentoilette um auf deren schlechten Zustand aufmerksam zu machen. Davon ist heute nichts mehr zu sehen. GemĂŒtliche Sessel laden zum entspannen in einer Leseecke ein, ein Klavier steht fĂŒr Musikliebhaber zur VerfĂŒgung. Wer es lieber sportlich mag, dem bietet die Tischtennisplatte in der Abflughalle Abwechslung vor oder zwischen den FlĂŒgen.

Von hier aus geht es mit dem Bus in die Stadt selbst, vorbei an alten sowjetischen Industrieanlagen, nebst modernen Einkaufstempeln, vorbei an alten sowjetischen Wohnblöcken nebst modernen internationalen Restaurants aus aller Welt. Es scheint fast so, als befinde sich die Welt in einem Wandel und Estland ist nicht am Rande sondern mittendrin dabei.

Auf nach Tallinn

Nach der Ankunft in der estnischen Hauptstadt empfĂ€ngt den Besucher das mĂ€chtige Stadttor umgeben von einer imposanten Stadtmauer. Aber diese Mauern waren stets durchlĂ€ssig, leider auch im negativen Sinne. „Wer Estland erobern wollte, der hat Estland auch erobert“, bemerkt der lokale TouristenfĂŒhrer mit leicht schwarzem Humor.

Talinn

Einst waren es dĂ€nische Kaufleute, welche sich am finnischen Meerbusen niederließen. Von ihnen stammt der heutige Name der Stadt Taani- linn, die dĂ€nische Stadt, kurz Tallinn. Sie eroberten 1219 die Festung, welche zuvor von der estnischen Bevölkerung erbaut wurde. Nach lĂ€ngeren RivalitĂ€ten erlangte der Deutsche Orden 1346 die Herrschaft ĂŒber die Stadt. Ihnen folgten 1549 die Schweden und spĂ€ter ab 1710 das russische Zarenreich. Im Zuge der aufkommenden Nationalbewegung erhielt Estland 1919 die UnabhĂ€ngigkeit, ging aber zusammen mit Lettland und Litauen in die Geschichte als „Saisonstaat“ ein.

Ein dĂŒsteres Kapitel der estnischen Geschichte ist der Zweite Weltkrieg, mit verheerenden Folgen fĂŒr das Baltikum. Der deutsch- sowjetische Nichtangriffspakt, auch als Hitler-Stalin Pakt bekannt, beschloss die Aufteilung des Baltikums zwischen dem Deutsche Reich und der Sowjetunion. Infolgedessen besetzten im Juni 1940 sowjetische Truppen die estnische Hauptstadt. Ihnen folgte die Wehrmacht im Zuge des Sowjetfeldzuges 1941. ZunĂ€chst noch als Befreier freudig empfangen, fiel die gesamte verblieben jĂŒdische Bevölkerung Estland dem GrĂ€ueltaten des Nationalsozialismus zum Opfer. Nach dem RĂŒckzug der deutschen Truppen wurde Estland 1945 eine sowjetische Teilrepublik. Viele Esten, sahen sich darauf gezwungen ihre Heimat zu verlassen und etwa in die USA oder Australien ins Exil zu gehen. Das Valkalager in NĂŒrnberg, benannt nach der estnischen Grenzstadt, war einst das grĂ¶ĂŸte FlĂŒchtlingslager Bayerns. Im Zuge der „singenden Revolution“ erlangte Estland 1991 seine UnabhĂ€ngigkeit zurĂŒck, wurde Mitglied der Nato und der EuropĂ€ischen Union 2004.

Dieser bewegten Geschichte ist das „Okkupationsmuseum“ gewidmet. Anhand von Exponaten und Filmaufnahmen wird diese wechselreiche Geschichte erlebbar.

Viele Spuren ein GefĂŒhl

Wer nach Tallinn wollte, der kam nach Tallinn und hat seine Spuren hinterlassen. Ein Spaziergang auf breiten Stadtmauern zeigt die verschiedenen EinflĂŒsse, welche die Stadt einst geprĂ€gt haben. So steht das estnische Parlament etwa direkt neben der russisch orthodoxen Alexander-Newski Kathedrale. Das Viruhotel aus vergangenen sowjetischen Tagen reiht sich direkt an „Viru Keskus“, das grĂ¶ĂŸte Einkaufszentrum Estlands, ein Anziehungspunkt fĂŒr Mode, Kunst und Kultur auf dem Baltikum.

Wer es schließlich auf sich nimmt die 123 Meter eine enge Wendeltreppe hinaufzusteigen, dem offenbart sich vom Turm der Oleviste Kirk ein wunderbarer Blick ĂŒber die gesamte Stadt. Auf dieser Höhe werden die vielen Spuren, deutlich, welche sich durch die estnische Geschichte ziehen. Im Zentrum steht die mittelalterliche Stadt, welche vom einstigen Leben der Menschen auf dem Baltikum berichtet. Hier findet sich der Rathausplatz mit seinen historischen Bauten, welche von der reichen Geschichte als Handelsstadt erzĂ€hlen. Zur linken befindet sich der alte Hafen, der einst das Tor zur Freiheit nach Finnland und die Ostsee bedeutete, direkt neben Bauten aus der sowjetischen Zeit. Zur rechten stehen glĂ€serne HochhĂ€user und Einkaufszentren, welche von der neuen Zeit kĂŒnden.

Digital und doch daheim

Talinn

Einst war es das Radio, welches die Esten mit sich und der Welt verband. Zu Zeiten der Sowjetunion war das Singen von patriotischen Liedern wie der estnischen Nationalhymne verboten. Jedoch erklang jeden Abend aus dem nahen Finnland ĂŒber Radio Yle die Melodie der estnischen Nationalhymne. WĂ€hrend der „Singenden Revolution“ spielte sie eine wichtige Rolle. Hier kamen Esten zusammen um fĂŒr ihre UnabhĂ€ngigkeit zu singen.

Heute ist es wie an vielen Orten das Internet, welches die Esten mit dem Rest der Welt verbindet. Das kleine baltische Land gilt der „baltische Tiger“ in Sachen Digitalisierung. In Tallinn ist es praktisch von ĂŒberall aus möglich, kostenlos ins Internet zu gehen – hier befinden sich viele IT Einrichtungen der NATO und der EuropĂ€ischen Union.

Wer nun Lust bekommen hat, kann sogar nach Estland auf elektronischem Wege einwandern. Die e-residency ermöglicht es nicht-estnischen StaatsbĂŒrgern elektronisch Unternehmen zu grĂŒnden, BehördengĂ€nge zu erledigen oder Steuern zu zahlen. Lediglich heiraten geschieht noch analog auf dem Standesamt.

Auf ins ReisibĂŒro

So fremd und kĂŒhl die Esten dabei manchmal erscheinen mögen, so ist doch vieles vertraut. Dank der Model European Union Tallinn war ein tiefer Einblick in Land und Leute möglich. Bis heute sind die Spuren der einstigen Deutschbalten im Stadtbild erkennbar, war doch eine der ersten EindrĂŒcke direkt nach der Ankunft aus MĂŒnchen die Saksa Kök, das deutsche Haus.

Alles in allem erscheinen die Esten als ein bescheidenes, zurĂŒckhaltendes aber stolzes Volk, das sich seiner eigenen Geschichte bewusst ist. Der erste Kontakt wirkte dabei etwas kĂŒhl, doch gelingt es die Sympathie eines Esten oder einer Estin zu gewinnen, so ist diese authentisch und das fröhliche, beschwingte GemĂŒt tritt hervor. Hierbei hilft die Kenntnis zumindest einzelner estnischen AusdrĂŒcken sehr und wird auch sehr wertgeschĂ€tzt. Estnisch mag sicherlich kompliziert sein, doch wer sich traut den Mund aufzumachen, dem kann es mĂŒhelos gelingen viele estnische Herzen zu öffnen.

Es lohnt sich auf jeden Fall einen Blick in diese ungewöhnliche Sprache zu werfen, um doch einiges vertrautes wieder zu entdecken. Bis 1889 war Deutsch sogar die Amtssprache in Tallinn. Also auf ins ReisebĂŒro und nagemiseni Tallin.


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Über den Autor

Stephan Raab interessiert sich fĂŒr Warum und die Welt: Seit 2014 gehe ich fĂŒr backview.eu scheinbar alltĂ€glichen Dingen auf den Grund, betrachte warum manches so ist wie es ist. Wenn ich nicht gerade an einer neuen Idee fĂŒr einen Artikel sitze, beschĂ€ftige ich mich gerne mit Fotographie oder Fremdsprachen oder widme mich meinen Politikstudium.

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