Ein Land frisst seine Kinder

Sie kommen um zu bleiben. Junge, gut ausgebildete studierte griechische Krisenkinder. Mit nichts als einem Koffer in der Hand, Hoffnungen und Träume im Kopf, steigen sie aus dem Flugzeug und kommen an. In der deutschen Realität.


Athen. Von den milliardenschweren Rettungspaketen der Europäischen Union ist hier nichts angekommen. Geschäfte stehen leer, Menschen leben und schlafen auf der Straße, viele fangen an, mehr als das Übliche zu trinken. Prostitution, Gewalt, Kriminalität. Nur die Ärmsten der Armen bleiben. Der, der etwas aus sich machen will, muss rausgehen. Weg aus Griechenland, weg aus dem Land, das seine Zukunft mehr und mehr verliert.

Um 90 Prozent ist die Einwanderung von Griechen nach Deutschland im Vergleich zum Jahr 2010 gestiegen. Schon einmal gab es eine solche Einwanderungswelle: In den sechziger Jahren kamen verstärkt griechische Gastarbeiter in die Bundesrepublik. Oft sind es die Onkel und Tanten der heutigen Einwanderer.
So auch bei Theodora. Vor fünf Monaten, im kalten Februar, ist sie nach Berlin gekommen. 32 Jahre ist sie und kommt aus Trikala, Zentralgriechenland. Eine verschlafene Kleinstadt, die von Molkereiproduktion, Baumwoll- und Weinanbau und Tourismus lebt.

„Der große Wandel kam im letzten Jahr: Die Menschen verloren ihre Arbeit, die Renten wurden gekürzt und Banken begannen Familien die Häuser wegzunehmen, wenn sie ihre Schulden nicht mehr bezahlen konnten“, erzählt Theodora.

Theodoras Vater arbeitet weit entfernt von seiner Familie, um mehr Geld zu verdienen. Er kann nur einmal im Monat zu seiner Frau und seinen beiden Töchtern zurück. Mit der Krise hält die Verzweiflung Einzug in Trikala, erzählt die junge Frau mit den leuchtend grünen Augen. „Die Bürger mussten einen Betrag von 500 Euro oder mehr monatlich zahlen. Konnten sie das nicht, weil ihr Gehalt nur 300 Euro betrug, wurde angedroht ihren Strom abzustellen.“

Mit hervorragenden Schulnoten beginnt die dunkelhaarige Frau Englisch an Athener Privatuniversitäten zu studieren, geht sogar für einige Seminare nach Oxford und bekommt ihre Zertifikate in Amerikanischem und Britischem Englisch. Theodora beginnt 2006 als Englischlehrerin zu arbeiten, bis die Krise Griechenland einholt und Theodora arbeitslos wird.
Sie kauft von ihren Ersparnissen das Flugticket, packt einen Koffer mit den notwendigsten Dingen und fliegt los. „Als erstes musste ich meinen Kamera verkaufen damit ich Geld für einen Monat Essen hatte“, erzählt sie traurig über ihre ersten Gehversuche in Deutschland.

Kostas ist seit drei Wochen in  Deutschland. Er hat einen Abschluss in Informatik von der Nationalen Technischen Universität Athen und ist nach dem Studium gleich in einem kleinen Computerladen untergekommen.
Dann kam die Krise „und wen feuert man da zuerst?“, fragt Kostas bitter, „den jungen, ledigen Akademiker, der bekommt mit seiner Ausbildung schnell wieder einen Job.“ Mit 24 Jahren, denkt er, habe er bessere Chancen als viele andere – und so schreibt er weiter Bewerbungen.

Ein Jahr und 200 Bewerbungen später gibt Kostas auf. Er beschließt mit dem Geld, was er in seinem Kellnerjob verdient ein Flugticket nach Deutschland zu kaufen. „Es ist ganz schlecht, dass die jungen Menschen nur noch weg wollen aus Griechenland. Viele glauben, sie würden zurückkommen, aber ich glaube das ist eine Illusion“, sagt der junge schwarzhaarige Mann. Schon sein Vater war Ingenieur. Er hat vor der Krise viel Geld verdient, dann wurde auch er arbeitslos.

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Die Arbeitslosigkeit in Griechenland liegt bei über 20 Prozent – bei Menschen unter 24 Jahren sogar über 30 Prozent. Diejenigen die noch Arbeit haben, müssen drastische Lohnkürzungen hinnehmen. „Wer etwas gelernt hat, der kann sich über Wasser halten“, sagt Kostas, „aber Studierte braucht man derzeit einfach nicht.“

Vor einem Monat, als er noch für fünf Euro Stundenlohn in einem Café kellnerte, absolvierte Kostas in den Abendstunden im Athener Goethe-Institut einen  Deutschkurs.
Er erzählt: „Ich rief Anfang Juni unsere Bekannten in Deutschland an, die vor 40 Jahren als Gastarbeiter nach Deutschland kamen. Sie sagten dort würden dringend Computerfachleute gesucht werden. Damit war meine Entscheidung gefallen.“

Deutsch hat Theodora schon in der Schule gelernt – geholfen hat ihr der Unterricht  durch seine schlechte Qualität aber nicht: „Ich hätte nie gedacht, dass ich diese Kenntnisse eines Tages mal brauchen würde. Nicht mal in meinen wildesten Träumen.“
Wilde Träume hat sie nicht mehr seit sie in Deutschland angekommen ist. „Ich möchte nur ein annehmbares, stressfreies Leben in dem ich fair und gleich behandelt werde. Ich möchte mich selbst weiterentwickeln und stolz darauf sein können, was ich nach vielen Jahren geworden bin.“

Heute, in dem kleinen Dachzimmer der griechischen Bekannten in Köln, fühlt sich Kostas allein. Seine Freundin Adriana hat er zurücklassen müssen. Vielleicht kann sie nachkommen. Irgendwann. Zur Zeit muss sie für ihre Familie mitverdienen. Sie kann sie nicht im Stich lassen.

Kostas mag Deutschland. Er lebt von seinen Ersparnissen und die bürokratische Realität entmutigt ihn oft. Die Lebensverhältnisse machen ihm jedoch nichts aus: „Nach dem Studium habe ich nach Hause zurückziehen müssen und mit meinen beiden Geschwistern zusammen in einem Raum gelebt.“
Er wünscht sich eine gute Arbeitsstelle, ein eigenes Leben, keinen Luxus. Und wenn er sich allein fühlt, dann geht er immer die Treppen herunter. In das griechische Restaurant ganz unten im Haus. Dort läuft griechische Musik. Dort sind Griechen. Dort ist ein Stückchen Heimat.

Gleich nach der Landung am Berliner Flughafen beginnt Theodora Bewerbungen zu schreiben. 60 sind es bis heute, die Anrufe auf Stellen kann sie gar nicht mehr zählen. Meistens bekommt sie nicht mal eine Antwort, weil ihre Englisch-Zertifikate hier nicht anerkannt werden.

Sie entschließt sich, Bewerbungen unabhängig ihrer Qualifikationen zu schreiben und hat bald darauf drei Hilfsjobs auf einmal, von denen sie die Miete für ihr kleines WG-Zimmer zahlen kann.
„Angefangen habe ich in der Küche eines Catering-Services, dann kam ein Haushaltsjob bei einer Berliner Familie dazu und einige Wochen später begann ich Ferienwohnungen zu putzen. Da kommen 16 Stunden Arbeitszeit täglich zusammen, die 300 Euro im Monat einbringen.“

Doch Theodora ist unglücklich. Lieber wäre sie wegen ihrer Sprachkenntnisse nach London gegangen, doch das kann sie sich nicht leisten: „Es entmutigt mich, dass ich keine Deutschkenntnisse habe. Ich würde gern einen Sprachkurs belegen, aber woher soll ich das Geld nehmen? Ich habe ein gut strukturiertes System erwartet. Und was sehe ich als ich ankomme? Es ist dasselbe System wie in Griechenland –  nur ohne Krise.“

Sieben von zehn Hochschulabsolventen wollen Griechenland verlassen. Die junge Frau sagt entschlossen: „Ich habe nicht die Absicht zurückzukehren, auch nicht wenn ich hier scheitere. Ich werde kämpfen und wenn ich es hier nicht schaffe, dann werde ich es in einem anderen Land versuchen.“

Kostas und auch Theodora haben Griechenland verlassen, weil ihre Träume begraben sind. Weil Griechenland für sie ein Land ohne Zukunft ist. Weil es Demokratie in ihren Augen schon seit vielen Jahren nicht mehr gibt.

Kostas glaubt nicht mehr an die griechische Politik. An die lügenden Politiker. „Mit Griechenland wird es noch so lang weiter bergab gehen, bis sich eine gute Staatsführung etabliert hat. Geschieht das nicht, wird es in den nächsten 50 Jahren keinerlei Fortschritt geben.“

Theodora erzählt, dass es einen bekannten Spruch in Griechenland gibt. „Griechenland frisst seine Kinder“, heißt er. Das Land verliert die junge Generation nicht wegen der 700-Euro-Löhne, die den überqualifizierten jungen Menschen maximal gezahlt werden, sondern weil Griechenland keine Perspektiven und Zukunft bieten kann. „Wir alle wollen vorankommen. Das ist in Griechenland nur möglich, wenn man ein starkes Netzwerk hat und die richtigen Leute kennt.“

Theodora und Kostas wollen nicht nach Griechenland zurück. Das Land kann ihnen nichts mehr geben. Sie wollen ihren Kindern eine Zukunft bieten können.
Keine griechische Generation zuvor war so gut ausgebildet wie diese, die jetzt in Scharen das Land verlässt. Verloren hat Griechenland bisher nur sein Kapital. Jetzt verliert es seine Kinder.

(Text: Lisa Brüßler / Foto: Niels Richter by jugendfotos.de)

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