Das geschenkte zweite Leben

Als Bart de Graaff starb, war er 35 Jahre alt. Er lebte seit seiner Jugend mit einer gespendeten Niere, die jedoch im Jahr 2002 abgestoßen wurde.Trotz seiner Krankheit hatte de Graaff einen niederländischen Fernsehsender gegründet, den er „Bart´s News Network”, abgekürzt BNN, nannte. Dessen Programm wurde für seine oft provokanten Inhalte bekannt. Ein Format, das auch im Ausland auf großes Medienecho stieß, war „De Grote Donorshow”, übersetzt „Die große Spendershow”, die am 1. Juni 2007 ausgestrahlt wurde. In der Show traten drei nierenkranke Patienten, gegeneinander antreten. Eine todkranke Frau sollte entscheiden, wer ihre Niere bekommen sollte. Die Zuschauer hatten die Möglichkeit, ihr per SMS Tipps für diese Entscheidung zu geben.

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Von „schlechtem Geschmack” (EU-Kommission) bis hin zur „Menschenverachtung” (Bundesärztekammer) reichte die Einschätzung der Medien im Vorfeld der Sendung, die von BNN-Geschäftsführer Laurens Drillich vehement verteidigt wurde: „Die Bewerber haben eine Chance von 33 Prozent, eine Niere zu bekommen. Das ist besser als die von Menschen auf der Warteliste.”

Die Einstellung der Deutschen sei dringend verbesserungswürdig, findet Gisbert Knichwitz, der Leiter des Malteser-Krankenhauses in Bonn: „In einer Umfrage hatten 77 Prozent der Befragten eine positive Einstellung zum Thema Organspende, aber einen Ausweis hatten gerade einmal zwölf Prozent.” Dabei sei es sehr wichtig, den Willen zur Spende schriftlich festzuhalten, denn für die Angehörigen sei es sehr schwer, direkt nach dem Verlust eines geliebten Menschen über dessen Organe zu entscheiden.
Dabei geht es jedoch um Sekunden, die Leben oder Tod für einen möglichen Empfänger bedeuten können. Eine Spende muss von der Entnahme bis zur Transplantation innerhalb weniger Stunden abgeschlossen sein, um ein möglichst reibungsloses Funktionieren des Organs zu gewährleisten.

Ein Grund, warum so wenige Menschen einen Spenderausweis besitzen, ist die Angst, zu sterben, weil sie Organspender sind. Dabei sind solche Vorbehalte unnötig: „Das oberste Gebot ist, alles zu tun, um das Leben des Verletzten zu retten. Erst wenn der irreversible Hirntod von zwei Fachärzten unabhängig voneinander festgestellt wurde, kommt das Thema Organspende überhaupt auf den Tisch”, erklärt Knichwitz.
Liegt eine Einwilligung vor und wurde der unumkehrbare Hirntod festgestellt, muss alles reibungslos und so schnell wie möglich ablaufen. Dafür sorgt ein Koordinator, der Untersuchungen einleitet, um die Blutgruppe und Gewebemerkmale zu identifizieren, damit die Suche nach einem Empfänger so schnell wie möglich losgehen kann.

Anschließend werden die Daten an „Eurotransplant” gemeldet, die einen Empfänger sucht und die Transplantationszentren benachrichtigt. Bei dieser Stiftung, die ihren Sitz in den Niederlanden hat, laufen die Fäden aus Deutschland, Österreich, den Benelux-Ländern, Slowenien und seit 2006 auch Kroatien zusammen: Sobald es ein Spenderorgan in einem dieser Länder gibt, wird das an die Zentrale der Eurotransplant gemeldet. Dort werden Blutgruppe und Gewebemerkmale dann mit der Datenbank der Wartenden abgeglichen.
Dabei wird aus Zeitgründen zuerst das Land geprüft, aus dem das Organ kommt. Ist entschieden, wohin das Organ gehen soll, wird alles für den Transport und die Operation in die Wege geleitet. Sollen mehrere Organe entnommen werden und stehen die Empfänger fest, erstellt der Koordinator einen Zeitplan für den Einsatz der Ärzteteams. Eine definitive Entscheidung über die Eignung der Organe fällen die Chirurgen während der Entnahmeoperation.
Eine Niere bleibt bis zu 36 Stunden transplantierfähig, für das Herz eines Erwachsenen hingegen bleiben gerade einmal vier Stunden – vom Beginn des Abklemmens der Aorta beim Spender bis zum ersten Herzschlag beim Empfänger.

Bis es allerdings zu diesem ersten Herzschlag kommt, liegt oft eine lange Krankheits- und Leidensgeschichte hinter dem Empfänger und seiner Familie. „Vom ersten Symptom meiner Herzschwäche bis hin zur Transplantation hat es zweieinhalb Jahre gedauert”, erzählt Alois Middel, der sein neues Herz im Mai 1993 bekam. Nachdem er plötzlich mehrfach keine Luft mehr bekommen hatte, war es sein Hausarzt, der das Thema Herztransplantation als erster ansprach.

Bei der Voruntersuchung in Münster kam dann der Schock für den damals 63-Jährigen: „Man gab mir ohne Transplantation noch ein Jahr. Damit hatte ich gar nicht gerechnet.” Zu einer Zustimmung zum Organempfang konnte sich Alois Middel noch nicht durchringen. „Das Thema war völliges Neuland für meine Familie und mich.” Dazu kamen moralische Bedenken: „Das Herz eines anderen Menschen in meiner Brust? Das konnte ich mir nicht vorstellen”, erzählt Middel. Von da an wälzten er und seine Frau Bücher, telefonierten mit Ärzten und trafen sich mit Transplantierten.

„Das war der wichtigste Impuls: Ein Mann mit Spenderherz saß auf unserer Terrasse, führte wieder ein normales Leben und machte mir Mut.” Als sich Alois Middels Zustand weiter verschlechterte, gab er schließlich seine Zustimmung zu einer Transplantation und wurde auf die Warteliste für Organempfänger gesetzt. Alois Middel musste von seiner Einwilligung bis zum Empfang seines neuen Herzens fast ein Jahr warten. Als das Organ dann schließlich eintraf, ging alles ganz schnell: Von der Ankunft des Herzens bis zur Operation dauerte es zwei Stunden. Doch nicht jeder hat das Glück, rechtzeitig ein Transplant zu erhalten: Jeden Tag sterben in Deutschland drei Menschen, während sie warten.

Der Umstand, weiterleben zu können, weil jemand anderes gestorben ist, stürzt die Organempfänger oft in einen tiefen Konflikt. „Meine ersten Gedanken nach der Operation waren Dankbarkeit und gleichzeitig die Frage: Habe ich etwas Unrechtes getan, dass ich ein Herz von einem hirntoten Menschen angenommen habe?”, beschreibt Alois Middel seine Gefühle. Doch er fand auch eine Antwort: „Nein, denn der Tote hat ja schon zu Lebzeiten darüber nachgedacht, nach seinem Tod das Leben eines kranken Menschen zu verbessern. Dem Spender kann ich nur Danke und nochmals Danke sagen.”

Rechtlich werden Organspenden in Deutschland durch das Transplantationsgesetz von 1997 geregelt. Dieses besagt zum Beispiel, dass der Handel mit Organen strafrechtlich verfolgt wird und dass die Zustimmung zur Organspende auf bestimmte Organe beschränkt werden kann. Außerdem wird festgelegt, dass die Ärzte, die den Hirntod feststellen, weder an der Entnahme der Organe noch an ihrer Transplantation beteiligt sein dürfen.

Der häufigste Grund, warum Menschen nach einer Transplantation sterben, ist die Abstoßung. Das Immunsystem wird während und nach der Operation heruntergefahren, um diese Gefahr möglichst gering zu halten. Sein Leben lang muss der Empfänger entsprechende Medikamente nehmen und aufgrund des geschwächten Immunsystems gibt es zahlreiche weitere Vorsichtsmaßnahmen, die der Transplantierte besonders in der Zeit nach der Operation treffen muss.
Für die „Haltbarkeit” eines Organs gibt es Durchschnittswerte: Eine Niere hält im Schnitt elf Jahre, ein Herz neun. Alois Middel hat Glück: Sein Organ schlägt inzwischen mit Hilfe eines Herzschrittmachers schon 15 Jahre. Lebenslänglich muss er zusätzlich zur Medikamenteneinnahme täglich Gewicht, Temperatur und Blutdruck kontrollieren und mindestens einmal jährlich zur Kontrolluntersuchung.

Doch nicht immer muss jemand sterben, um durch eine Organspende ein Leben retten zu können. Nieren können auch von einer lebenden Person stammen. Dafür kommen nahe Verwandte oder andere offenkundig nahestehende Personen in Frage. Entscheidend ist wie bei allen Organtransplantationen die Kompatibilität von Blutgruppe und Gewebe. Lebend gespendete Organe funktionieren meist schneller und länger als nach dem Tod entnommene Nieren. Auch ein Stück der Leber kann verpflanzt werden.

Im Fall der „Groten Donorshow” auf BNN stellte sich die Aufregung als grundlos heraus: Die Show war ein Fake, mit dem die Macher auf die Knappheit von Spenderorganen hinweisen wollten. Im Nachhinein war die niederländische Öffentlichkeit voll des Lobes für die kontroverse Show. Sogar der Verband der niederländischen Nierenpatienten erklärte, sie seien zwar alle auf den Arm genommen worden: „Aber das ist nicht wichtig. Wichtig ist, dass das Problem nun ein Gesicht hat.”

(Text: Merete Elias)

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