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Angst vor Mir, Dir, Uns und Ihnen

Angst vor den politischen Folgen des Terrors

Der 13. November 2015 k√∂nnte unser aller Leben nachhaltig ver√§ndern, besonders sensationss√ľchtige Menschen stilisieren diesen Tag schon zum europ√§ischen 9/11. Ob es so weit kommen wird, muss sich erst noch zeigen. Mein Leben hat sich seitdem nicht ver√§ndert, aber meine √Ąngste haben sich verst√§rkt. Doch nein, es sind nicht die √Ąngste vor dem Terrorismus. W√§hrend viele Menschen Europas in der Angst vor dem Terror vor allem im Denken erstarren, bekomme ich Angst vor der Doppelmoral unseres Kontinents.

Dabei steht außer Frage, dass ich die Terroranschläge von Paris auf das schärfste verurteile. Die Täter und Organisatoren sind nichts anderes als menschenverachtende Tyrannen, die niemals verstehen werden, dass Terror keine Freiheit bringt. Sie gehören mit zum Abschaum, den das 21. Jahrhundert leider produziert. Doch wäre es zu leicht, wenn man in dieser komplexen Welt den Finger nur auf andere richtet. Was sind wir?

Politische Folgen des Terrors

Sommer der Solidarität, Winter des Gegenangriffs

Im Sommer noch konnten sich viele B√ľrgerinnen gerade in Deutschland f√ľr ihre Solidarit√§t und Hilfsbereitschaft zurecht auf die Schulter klopfen. Im Zuge der immer weiter steigenden Zahl von Gefl√ľchteten und Migrantinnen, die im Laufe des Jahres ankamen, nahmen sich viele ihrer Verantwortung an, den der europ√§ische Wohlstand mit sich bringt. Wenn schw√§chere Menschen Hilfe brauchen, dann leistet mensch sie.

Diese Solidarit√§tsbekundungen und das steigende Interesse an den Ursachen des Leids so vieler Millionen Menschen schmeckten aber bereits damals unseren Regierungen nicht so wirklich. Doch scheint dieses verwirrende Spiel nun abgepfiffen, es geht zur√ľck zur Normalit√§t.

In der Verteidigung hei√üt es nun wieder: back to business ‚Äď westliche Werte verteidigen! Wer von diesen vielzitierten Werten spricht, meint damit vor allem die s√ľ√üe Freiheit, welche unser aller Leben hier in Europa bedeutet. Wie weit diese Freiheit selbst vor unserer eigenen Haust√ľr noch reicht, ist dabei nicht von Bedeutung. Sie geh√∂rt verteidigt, koste es was es wolle. Denn islamistischer Terror, da ist Europa sich einig, hei√üt ein Angriff auf eben diese, unsere Freiheit.

Freiheit ist weltweit ein rares Gut

Dass wir im Vergleich zu vielen Ländern im Nahen Osten unser Leben tatsächlich noch als eines in Freiheit betiteln können, daran hat die europäische (und amerikanische) Außenpolitik der vergangenen 15 Jahre maßgeblichen Anteil. Der Krieg gegen den Terror hat Millionen von Leben zerstört, entwurzelt oder gänzlich ausgelöscht.

In Europas Gro√üst√§dten gehen Menschen seit dem 13. November mit mulmigen Gef√ľhlen zu Gro√üveranstaltungen, in den Gro√üst√§dten ‚Äď oder das, was von ihnen √ľbrig blieb ‚Äď des Nahen Ostens finden nur noch wenige Gro√üveranstaltungen statt. Das, was wir hier Freiheit nennen und verteidigen wollen, haben unsere Bomben zu einem gro√üen Teil in anderen L√§ndern zerst√∂rt. Aus dieser Situation der Unfreiheit k√∂nnen die kranken, faschistischen, hasserf√ľllten Prediger des IS ihre K√§mpfer rekrutieren.

Die Antwort erreicht Europa

Nun wird die Ernte unserer Au√üenpolitik nach Europa importiert. Die Ernte ist Terror und, ja, er ist ein Angriff auf unsere Freiheit. Doch m√ľssen wir bei dieser Formulierung zu allererst mit dem Finger auf unsere eigenen Taten zeigen. Denn gelernt haben wir nicht, wieder soll Terror mit Krieg erstickt werden. Doch so wenig Terror Freiheit bringen wird, so wenig wird Krieg jemals Frieden stiften. Die Antwort mit Gewalt wird den Terror nicht bek√§mpfen, das ist fakt. Und so lange Europa in dieser Form auf Terroranschl√§ge reagiert, so lange habe ich auch keine Angst vor Terror ‚Äď ich muss seine Gefahr akzeptieren.

Im Sommer haben viele freiwillige Helferinnen unserer Politik aufgezeigt, mit welchen Mitteln wir den Terror ebenso wie viele andere Missst√§nde dieser Welt bek√§mpfen k√∂nnen. Es geht um Solidarit√§t und Verantwortungsbewusstsein, nicht um Gewalt. Doch die Regierungen des Kontinents haben – oder wom√∂glich noch schlimmer ‚Äď wollen nicht verstehen.

Angst vor dem, was kommt

Und deshalb habe ich Angst. Ich habe Angst, dass unsere Politikerinnen wissen, was sie anrichten und es doch ignorieren. Ich habe Angst, dass sie die B√ľrgerinnen der EU so lange manipulieren mit ihrem Kriegsgeschrei, dass diese vergessen, dass sie die besseren L√∂sungen kennen und praktizieren. Ich habe Angst vor der Angst vieler Menschen. Ich habe Angst, dass sie beginnen nach Sicherheit zu schreien. Denn das europ√§ische Verst√§ndnis von Sicherheit hei√üt heutzutage Krieg im Ausland und √úberwachung und Repression im Inland.

Ich habe Angst, dass mit der Sicherheit die Freiheit stirbt ‚Äď √ľberall auf dieser Welt. Und ich habe Angst, dass unsere Regierungen letztlich doch nur in dem Streben nach Macht, Kontrolle und √úberlegenheit handeln und dass dies die wahren westlichen Werte im 21. Jahrhundert sind.

Doch die gr√∂√üte Angst habe ich davor, dass Europa nimmerm√ľde diese wahren westlichen Werte in die ganze Welt tragen m√∂chte. Denn wenn dies der Fall sein sollte, dann war der 13. November 2015 nur der Anfang. Der Anfang vom Ende der Freiheit ‚Äď in Paris, in Beirut, in Ankara, in Kabul, in Baghdad, in Teheran, in Kobane, in Berlin‚Ķ

(Text: Florian Braksiek / Foto: Jonathan Köhler by jugendfotos.de)
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