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Island – Verloren zwischen Europa und Nordamerika

Island – warum denn gerade DAHIN??

Was spricht man denn eigentlich auf Island?
GrĂŒĂŸ mir die EisbĂ€ren und Eskimos!
ReykjavĂ­k? Was machst du denn in Russland?
Diese und weitere Fragen muss man sich anhören, schon förmlich „reinziehen“, wenn man sein Vorhaben Ă€ußert, nach Island zu gehen. Angefangen bei echtem Interesse ĂŒber Anstandsfragen bis hin zu vollkommener geographischer Ungebildetheit lĂ€sst man sich so einiges gefallen.

Sicher, von Island hört man nicht allzu viel, auch wenn die Bewohner hier eben denken, die ganze Welt kennt diese kleine Insel im Nordatlantischen Ozean – so ist es leider nicht. Island schrieb wohl seit den 1980er Jahren keine Weltgeschichte mehr, wie es auch vorher keine schrieb. Damals leiteten Ronald Reagan und Michail Gorbatschow hier das Ende des Kalten Krieges ein. Somit taucht dieses kleine Land mit gerade einmal 300.000 Einwohnern (Tendenz immerhin steigend) auch nicht jeden Tag in den Medien auf. Im besten Falle dann wieder, wenn sich Naturkatastrophen ereignen und Vulkane ausbrechen oder, wie gerade erst Ende Mai geschehen, ein Erdbeben Teile des Landes erschĂŒttert.ReykjavĂ­k, Kulturhauptstadt Europas, Partymetropole, nördlichste Hauptstadt der Welt. Island, Land aus Feuer und Eis, Land der Geysire, heißen Quellen und Gletscher. Und keiner kenntÂŽs! Und doch, viele AuslĂ€nder trifft man hier an, die Island sehr wohl kennen und schĂ€tzen – auch Deutsche. Viele Deutsche. Die wie ich hier arbeiten, ihre Erfahrungen mit dieser wundervollen Stadt, dem atemberaubenden Land und seinen eigenartigen Bewohnern machen – und es lieben.

Island wird und sollte weltweit wichtiger und bekannter werden – vor allem wegen immer bedrohlicher werdenden geplanten industriellen Großprojekten, die schon einen Teil der unberĂŒhrten Natur zerstört haben. Übrigens die letzte ihrer Art in Europa. Die IslĂ€nder selbst kĂŒmmern sich nicht wirklich darum. Aber so ist es ja meistens – was im eigenen Land passiert, zieht oft an einem vorbei. Zumindest wenn es nichts ist, was einen persönlich betrifft und man sich darĂŒber aufregen kann. Geht es um die aktuellen Benzinpreise, sind die IslĂ€nder ganz vorn mit dabei, sich durch LKW-Streiks oder sonstiges bemerkbar und ihrem Ärger Luft zu machen.

Die LandeswĂ€hrung, die IslĂ€ndische Krone, ist im Moment sehr schwach und der Kurs fiel stetig seit der EuroeinfĂŒhrung. VerstĂ€ndlich also, dass die Rufe nach einem EU-Beitritt immer lauter werden. Aber sind wir ehrlich – was nĂŒtzt es diesem Land? FĂŒr die Bewohner wĂ€re der Euro vielleicht eine Erleichterung, das muss man zugeben. Teurer kann es auch nicht werden, ist Island doch schon eines der teuersten LĂ€nder der Welt, wie Japan ĂŒbrigens auch.
Da es allerdings auch zu den reichsten LĂ€ndern in Europa zĂ€hlt, wĂŒrde dass bedeuten, Island kann zwar immer schön fĂŒr neue EU-Projekte zahlen, aber ein Stimmrecht wird es durch seine geringe Einwohnerzahl wohl eher nicht bekommen.

Die meisten AuslĂ€nder, oft aus Osteuropa oder Skandinavien, kommen nach Island, um zu arbeiten. Der Rest studiert. Und arbeitet nebenbei. Die Löhne sind gut, ich persönlich komme mit meinem schicken Appartment direkt neben der berĂŒhmten Hallgrimskirkja, kleineren und grĂ¶ĂŸeren Partys an den Wochenenden sowie einem Zweitjob, um auch Geld zu sparen, gut ĂŒber die Runden. Hier ist alles etwas lockerer als im guten alten Deutschland – ArbeitsvertrĂ€ge kennt man kaum, PĂŒnktlichkeit wird gedankt und belohnt, Jobs gibt es (noch) wie Sand am Meer.

Vitamin B ist auch hier hilfreich, doch es klappt auch ohne. Mittlerweile hat man auch die Aufenthalts – und Einreisebedingungen gelockert: Brauchte man vor ein paar Jahren schon vor der Einreise einen festen Job, eine Unterkunft, die der Regierung zusagt und viele weitere Dokumente, kann man heute einfach als Tourist nach Island kommen, sich innerhalb von 3 Monaten einen Job suchen und eine Arbeits – sowie Aufenthaltsgenehmigung beantragen.

Leider ist das auch ein Grund fĂŒr wachsenden Rassismus. „Iceland for Icelanders“ und „Icelandic people against Polish people“ sind die bekanntesten ZusammenschlĂŒsse der rechtsradikalen Szene. Vor ein paar Monaten wurde dazu ein Artikel in der Zeitung veröffentlicht: Meist noch schulpflichtige Jugendliche regten sich darĂŒber auf, dass AuslĂ€nder ihnen die ArbeitsplĂ€tze wegnehmen wĂŒrden und sich aufgrund von Sprachunkenntnissen nicht integrieren wollen. Kommt einem bekannt vor.
Dazu muss man allerdings wissen, dass fast jeder IslÀnder englisch spricht, wozu also eine Sprache perfekt lernen, die nur 300.000 Leute wirklich sprechen und die noch dazu als eine der schwierigsten in Europa gilt?
Integration ist wirklich ein kleines Problem. Viele OsteuropĂ€er kommen fĂŒr einen begrenzten Zeitraum nach Island, um Geld fĂŒr ihre Familien zu verdienen. Sie bleiben lieber unter sich, wollen keine sozialen Kontakte knĂŒpfen – was aufgrund ihrer oft langen Arbeitszeiten auch beinahe unmöglich ist.

Es kommt hinzu, dass die meisten AuslĂ€nder in ReykjavĂ­k leben, nur wenige finden sich auf dem Land und wenn, dann sind sie sehr verstreut. Hier werden die Einheimischen also regelrecht mit AuswĂ€rtigen ĂŒberflutet, was das Interesse an ihnen sinken lĂ€sst. Fremdenfeindliche Übergriffe gibt es allerdings selten. GeprĂŒgelt wird hier gewöhnlicherweise an Wochenenden, vor oder in den Clubs. Die IslĂ€nder sind feierfreudig und trinkfest, wie man es auch von den Skandinaviern kennt. Durchaus vergleichbar mit Finnland. Und das, obwohl der Alkohol so unendlich viel kostet.

Aber Island ist mehr, als nur die Hauptstadt Reykjavík. Es wird gern als der kleine Bruder von Neuseeland bezeichnet und ist durchaus beliebt bei Naturfans. Selbst im Winter locken die Nordlichter, ein einzigartiges Schauspiel, das man nie vergessen wird. Ich selbst hatte bisher Gelegenheit, zweimal um die Insel herumzufahren, was ungefÀhr eine Woche in Anspruch nimmt, will man alle Highlights mitnehmen.
Trotzdem gibt es noch, abseits der Touristenattraktionen, mehr als genug zu erkunden. Islands Highlands sind die letzte unberĂŒhrte Naturlandschaft Europas, vergleichbar mit dem Australischen Outback. Fast jeder Reisende genießt ein Bad in der Blauen Lagune und schaut sich den Golden Circle, die berĂŒhmteste Route des Landes an. WasserfĂ€lle, Vulkane und Gletscher bieten sich vom Straßenrand aus an; der spuckende Geysir, eine Heißwasserquelle, zĂ€hlt mit seinem Zwilling in Neuseeland zu den letzten aktiven seiner Art der Welt.

Entdeckt von schwedischen Wikingern und Jahrhunderte lang beherrscht von den DĂ€nen, interessierte sich erst Hitler wieder fĂŒr die kleine Insel. Im Zweiten Weltkrieg hatten die Briten und spĂ€ter die Amerikaner hier einen StĂŒtzpunkt, deren Einfluss noch heute aufgrund ĂŒbermĂ€ĂŸig vieler Fast-Food-Restaurants zu erkennen ist.
Seit 1944 ist Island unabhĂ€ngig. Zwei der bekanntesten IslĂ€nder sind Eirik der Rote und sein Sohn Leifur Eiriksson. Ersterer ist fĂŒr die Namensgebung Grönlands und Islands verantwortlich. Um das durch Lavaböden fruchtbare Island fĂŒr sich zu behalten, erhielt es den zunĂ€chst (auch heute noch) abschreckenden Namen Eisland. Viele nachkommende Wikinger segelten daraufhin weiter nach GrĂŒnland, in der Hoffnung auf ertragreichere Ernten. Leifur Eiriksson wird als der erste EuropĂ€er in Nordamerika gefeiert, noch ĂŒber 400 Jahre vor Christopher Columbus.

Geographisch und kulturell zugeordnet zu Nordeuropa, ist Island dennoch etwas anderes, etwas Persönliches. Die IslĂ€nder sind und bleiben ein eigentĂŒmliches Inselvolk. Ausgezeichnet durch viele liebenswerte Macken bleiben sie lieber unter sich und sind noch etwas fremdenscheu. Sie sind geheimnisvoll, nicht nur wegen ihres teilweise immer noch bestehenden Glaubens an Naturgeister wie Trolle, Elfen und Zwerge. Angesichts der Landschaft jedoch auch nicht verwunderlich…

(Autor: Katrin Kircheis)
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