Unsere Redakteurin Tatjana startet den Selbsttest – für einen Tag gnadenlos ehrlich sein. 24 Stunden überleben ohne Notlüge oder auch „nur“ ein Verschweigen der Wahrheit.
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Vielleicht war es das Jahreswechselfieber oder der Gedanke eines Neubeginns à la „jetzt wird alles besser“, die mich gepackt haben. Warum auch immer, kam ich auf die Idee, einen Tag lang zu jeglichen Menschen in meiner Umgebung ehrlich zu sein. Ob sie mich danach fragen oder nicht. Und am besten, ohne mir Todesfeinde zu machen.

Als ich meinen Freundinnen von dem Vorhaben erzählte, gab es verschiedene Reaktionen, von purer Begeisterung bis zu dem Kommentar „Mach das, aber an diesem Tag will ich dir bitte nicht begegnen“. Mir soll’s gleich sein, aber ich war diese klitzekleinen Notlügen einfach satt. Auch wenn ich nur nach meiner Meinung zur neuen Frisur einer Studienkollegin gefragt wurde und lediglich aus Höflichkeit sagte, dass sie ihr ja viel besser stände als die davor. Lüge. Die Frisur ist grausam, unterstreicht ihr eh schon rundes Mondgesicht und sieht aus wie aus dem letzten Jahrhundert. Aber wer will schon, dass sie wegen meinem unwichtigen Kommentar irgendwann weinend im Keller sitzt oder gar den Friseur verklagt. Auch wenn das angemessen wäre.

Also mache ich mich auf dem Weg in meinen selbsternannten „Tag der Ehrlichkeit“. Dabei habe ich keinesfalls vor, sämtliche Menschen zu beleidigen, ich sage heute einfach immer alles, was ich denke.

Selbsttest WahrheitDie ersten Hürden
Mein Tag startet mit einem Einkauf im Supermarkt. Denke ich zumindest, denn im Treppenhaus begegnet mir schon meine super nette Nachbarin, die sich fast täglich beschwert. Wenn ich um viertel 11 mit drei Leuten in der Küche sitze und mich unterhalte, ist es zu laut, wenn ich auf dem Balkon stehe und der Fernseher läuft, ist es zu laut, wenn ich huste, ist es zu laut, es ist immer zu laut.

Natürlich hat sie die Angewohnheit, mir trotzdem mit ihrem freundlichsten „Hallo“ zu begegnen. Doch heute, meine Liebe, hast du falsch gedacht. Sie setzt also wieder ihr gekünsteltes Lächeln auf (was für mich nur Lippenakrobatik irgendwo zwischen Angela Merkel und Heidi Klum ist) und begrüßt mich.
Mit meiner neugewonnenen Unverblümtheit frage ich also: „Haben Sie heute tatsächlich einen guten Morgen oder war ich beim Sex gestern Nacht auch zu laut?“ Sie stutzt, schüttelt den Kopf und geht verwirrt weiter. Erste Hürde geschafft.

Gut, war auch einfacher als gedacht, mein Sex war zwar laut aber ihr Lover schreit dafür wie ein feminines Meerschweinchen, wenn er kommt, sie muss es also gewohnt sein. Im Supermarkt ist die Sache nicht ganz so leicht. Hier kommt man schon mal mit niemandem ins Gespräch. Die Brötchenverkäuferin gibt mir jedoch wieder Anlass, mein Experiment fortzuführen.

„Wir ham etz drei Brödla und a Brezn, soll’s sonst noch was sein?“, „Ja ich hätt‘ gern die Salzbrezel die ich bestellt hab, anstatt der Laugen, die Sie jetzt eingepackt ham‘, außerdem hätten Sie fragen können, bevor Sie das Ding, das ich nicht wollte, zu meinen Brötchen in die Tüte schmeißen und jetzt das Salz, von einer Brezel, die ich nicht kaufen möchte, an den Brötchen hängt, die ich dann doch gerne hätte. Plus die Salzbrezel natürlich, aber die bitte in ne neue Tüte, bevor Sie jetzt fragen“.

Unter normalen Umständen hätte ich das wohl einfach so mitgenommen, aber ich soll ja ehrlich sein. Die Verkäuferin zieht nur die Augenbrauen hoch und bleibt professionell, bestimmt wäre sie jetzt auch gerne ehrlich.

Die Konfrontation mit meinen Freunden
Da der Morgen schon so gut lief und ich mich zugegebenermaßen ziemlich befreit fühle, geht es also am Nachmittag weiter in die Innenstadt. Dort treffe ich mich mit zwei Freundinnen zum Kaffee trinken. Beide berichten mir erstmal von ihren Vorsätzen fürs neue Jahr und ich komme nicht umhin, ihnen zu sagen, dass weder das mit der gesunden Ernährung noch das Vorhaben mehr zu Lernen und weniger zu Trinken, meiner Meinung nach funktionieren wird.

Ich gebe ihnen beiden maximal vier Wochen. Und ernte zum dritten und vierten Mal an diesem Tag böse Blicke. Ich merke, dass die Stimmung langsam kippt und schlage vor, Schuhe shoppen zu gehen. Hier werde ich endlich mal ein nettes, ehrliches Kompliment los: die Designer meiner Lieblingsmarke haben es wirklich immer noch drauf.

Die Kommentare für meine Freundinnen fallen leider wieder weniger schön aus, der eine Stiefel ist nuttig, die Halbschuhe trägt meine Oma und sorry Mädchen, aber wenn dieser Pump dein „Stil“ ist, dann solltest du dringend was daran ändern. Nun habe ich mir endgültig zwei Feinde gemacht und ziehe lieber ab. Vermutlich beginnen sie hinter meinem Rücken schon zu tuscheln, verdient, dieses Mal fiel es mir etwas schwerer. Vergiss‘ die Schuhe, aber bei den Vorsätzen hätte ich sie gerne unterstützt, auch entgegen meiner Meinung.

Ehrlich durch den Campus
Um 16 Uhr mache ich mich auf den Weg in die Uni. Unvorbereitet, unmotiviert und mit einem Anflug von schlechter Laune, alles wie immer. Ich erwarte, dass mir hier die Ehrlichkeit am schlimmsten in die Quere kommen könnte. Die Nachbarin ist mir egal, die Bäckerin und meine Freunde verzeihen mir sicher, aber der Dozent? We’ll see.

Anfangs komme ich noch ganz gut weg, meine Kommilitonin referiert und ich chatte nebenbei mit einem Bekannten. Der ist eher in Smalltalk Stimmung heute und kostet mich keine weitere Anstrengung, die Wahrheit zu sagen. Ja, es geht mir gut und nein, mich interessiert nicht, was du am Wochenende Tolles erlebt hast.

Der Vorteil hierbei, ich muss ihm nicht in die Augen sehen und wenn es ihm zu blöd wird, kann er einfach off gehen. Das Referat ist vorbei und mein Dozent fragt nach Meinungen dazu. Das war mein Stichwort. Ich melde mich also, gewillt, genau das zu sagen, was ich denke. „Das Referat war inhaltlich gut, aber tut mir leid, du hast nur abgelesen und sieben Rechtschreibfehler auf 15 Folien zeugen von nicht all zu großer Sorgfalt, überleg dir das mit dem Journalismus lieber nochmal. Ach ja und weil man zum Schluss nochmal was Gutes sagt, du bist ganz hübsch, aber das lenkt vom Inhalt ab“.

Autsch, das tat schon beim Aussprechen weh und die Kleine vorne schaut mich entsetzt an. Ein paar Reihen hinter mir kichern zwei oder drei Mädels und auch mein Sitznachbar muss lächeln. Ich komme mir unterdessen fehl am Platz vor und möchte am liebsten im Erdboden versinken. Nicht mal weil ich so furztrocken die Wahrheit gesagt habe, das tat sogar mal wieder ganz gut, sondern weil es nicht wirklich nötig war.

Auf die Frage des Dozenten ob einer von uns den Pflichttext gelesen hat, antworte ich ganz laut mit „Nein“ und nein, ich weiß auch nicht, mal wie die Überschrift lautet. Hab nicht nachgeschaut, nicht weil ich keine Zeit, sondern einfach keine Lust hatte. Überraschenderweise fühlt sich auch keiner meiner Kommilitonen veranlasst zu lügen, ob angestachelt von meiner Aussage oder aus Angst, als einziger Student am Ende nach dem Inhalt des Textes gefragt zu werden.

Unser Dozent steht also vor 25 unvorbereiteten Studenten. Nicht mal ein Streber, ich gebe zu, sowas habe ich auch noch nicht erlebt. Er saugt sich also noch eine halbe Stunde mühevoll etwas aus den Fingern, sieht dann selbst ein, dass es so keinen Sinn mehr macht und entlässt uns. Nach der Sitzung entschuldige ich mich bei der schüchternen Referentin, weil mir mein Kommentar ehrlich Leid tut, ein bisschen zumindest. Schon jetzt fühle ich mich etwas ausgelaugt und spüre langsam, wie anstrengend es sein kann, keiner Situation mit einer Notlüge zu entkommen.

Verwirrung statt Freude
Zum Glück steht nun der letzte Termin des Tages an, mit ein paar Freunden geht es Feiern. Ich lasse bei einem Kumpel die Bemerkung ab, dass er aufhören soll, sich über Belanglosigkeiten den Kopf zu zerbrechen, weil es sowieso niemanden mehr interessiert.

Außerdem drücke ich meine Mitfreude gegenüber einem Anderen aus, weil er ein tolles Praktikum ergattert hat. Eine Freundin erntet Lob für die Mühe, die sie sich beim dramatischen Schminken gegeben hat, auch wenn es zugleich nicht wirklich schmeichelhaft für ihre dünnen Lippen ist.

Ich werde das Gefühl nicht los mit meinem Verhalten für mehr Verwirrung zu sorgen, als mit der Ehrlichkeit Klarheit zu schaffen. Ich stecke meinem Kumpel noch, dass er seine Liebschaft besser abschießen soll, weil sie ihn meiner Meinung nach ziemlich verarscht und sage ihnen allen am Ende des Abends, wie froh ich bin, sie zu haben. Wahrheit.
Erleichtert, endlich mal meine Gedanken voll und ganz zum Ausdruck gebracht zu haben, verabschiede ich mich von der Gruppe. Die Umarmungen fallen mir gegenüber nicht ganz so herzlich aus wie gewohnt, aber ich kann mir ja denken warum.

Auch wenn ich im Vorfeld niemandem erzählt habe, an welchem Tag genau ich mein Experiment wage, hat es Eine anscheinend doch herausgefunden. Sie entlässt mich mit den Worten: „hoffentlich hattest du heute deinen Spaß und bist ab morgen wieder normal. Übrigens, dein Rock ist zu kurz, deine Schuhe zu hoch und fang endlich mal an vernünftig zu Studieren, dafür geht man in die Uni – weißt du, das große graue Gebäude, dass sich so schimpft“. „Danke, ich weiß. Und spaßig war es nicht immer“.

(Text: Tatjana Brütting / Foto: Marie Fleur Borger)

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