Die vielen Leben einer Frau

Als Rebecca Miller an ihrem Roman „The Private Lives of Pippa Lee“ schrieb, arbeitete sie gleichzeitig am dazugehörigen Drehbuch. Nachdem ihr Roman zum Bestseller avancierte, verwirklichte Miller 2009 ihre Filmpläne und ließ die Figur der Pippa Lee auf der Kinoleinwand lebendig werden – natürlich unter eigener Regie.
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Wer Millers familiären Hintergrund kennt, wird Buch und Film besser verstehen und erkennen, dass die Autorin durchaus eigene Erfahrungen und Ideen verarbeitet hat. Erinnerungen an ihren berühmten Vater, den großen Schriftsteller Arthur Miller, der Marilyn Monroe für Rebeccas Mutter verließ, eine preisgekrönte Fotografin. Dass die Autorin heute mit dem zweifachen Oscar-Preisträger Daniel Day-Lewis verheiratet ist, bestätigt nur die Vermutung, dass sich hier jemand die Kreativität von der Seele schreiben wollte.

Die Protagonistin und Namensgeberin des Films, Pippa Lee (Robin Wright), ist Anfang 50 und eine ziemlich perfekte Frau. Mit ihrem 30 Jahre älteren Mann Herb (Alan Arkin), einem angesehenen Verleger, zieht sie von New York in die idyllische Vorstadt, wo sie sich fortan ganz den Belangen ihres Mannes und der Nachbarn widmet. Sie pflegt ein gutes Verhältnis zu ihren zwei erwachsenen Kindern, kümmert sich um den Liebeskummer ihrer Freundin und bekocht große Gesellschaften mit ihrem legendären Lammbraten. Alles scheint perfekt zu sein, wären da nicht die allnächtlichen Verwüstungen in Pippas Küche. Zerbrochene Tassen und Teller, Schokoladensoße auf dem Boden und Socken im Kühlschrank.

Pippa kann sich die merkwürdigen Geschehnisse in ihrer Küche nicht erklären uns installiert aus Sorge, Herb könne womöglich senil werden, eine Überwachungskamera. Schockiert muss sie feststellen, dass sie selbst der Übeltäter ist. Pippa erfährt, dass sie Schlafwandlerin ist und Nacht für Nacht Bedürfnisse auslebt, die tief in ihrer Seele verwurzelt sind.

So erfährt der Zuschauer nach und nach von Pippas anderer Seite, einer Seite, die in ihre Vergangenheit führt und in Rückblenden die turbulenten Jugendjahre eines experimentierfreudigen Mädchens zeigen. Dieses Mädchen, Pippa, wird von seiner drogensüchtigen Mutter aufgezogen und bricht mit 16 Jahren von zu Hause aus. Sie flüchtet zu ihrer lesbischen Tante, durch die sie zu einer Art Domina-Fotomodell wird. Anschließend lebt sie in einer Künstlerkommune, wird Teil einer Punk-Gang und trifft schließlich bei einer Party auf Herb, einen deutlich älteren Verleger aus New York, den sie heiratet.

Pippas Suche nach sich selbst und ihrem wahren Ich wird leise und melancholisch dargestellt. Dennoch mischt sich zu Tragik stets Komik. Vergangenheit und Gegenwart werden so mit einer Art Augenzwinkern dargestellt, was den „Pippa Lee“ von trockenen Selbstfindungsdramen abhebt. Durch seinen Hang zur Skurrilität, die sich vor allem in den Traumsequenzen äußert, erscheint der Film zudem sehr lebendig und frisch.
Ihren Roman hat Rebecca Miller mit einem beachtlichen Staraufgebot verfilmt. Neben Hauptdarstellerin Robin Wright wären da Keanu Reeves als trübsinniger Nonkonformist, Winona Ryder als Möchtegern-Autorin, Julianne Moore als rebellische Lesbe, Monica Bellucci als durchgeknallte Ex-Frau und Blake Lively als Teenager-Version von Pippa Lee.

Ein stimmiges Bild ergibt sich dennoch nicht. Anfangs sind es die verschiedenen Erzählebenen, die verwirren, später die Reaktionen der Hauptfigur. Bis zuletzt bleiben wesentliche Fragen – vielleicht bewusst – ungeklärt. Pippas Wandlung von der Punk-Göre zur Super-Hausfrau wird zwar bildlich gezeigt, aber nicht erklärt. Dass sie sich für ein Leben mit Herb entschieden hat, erscheint auch am Ende des Films unschlüssig. Die wesentlichen Jahre der „Verwandlung“ werden in drei kurzen Bildaufnahmen abgehandelt, was die Nachvollziehbarkeit trübt.

Fazit:„Pippa Lee“ erzählt auf sehr interessante Weise die Biographie einer Frau, die verschiedene Leben gelebt hat. Er behandelt ein durchaus schwieriges Thema mit Leichtigkeit und Humor, lässt jedoch hier und da unnötige Längen entstehen.

(Text: Julia Hanel)

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