Verwirrspiel auf hohem Niveau

Mit insgesamt sechs Trophäen ging Regisseur Roman Polanski als großer Sieger aus dem Europäischen Filmpreis 2010 hervor. Sein Politthriller „Der Ghostwriter“ basiert auf der literarischen Vorlage von Bestseller-Autor Robert Harris und gilt als Schlüsselroman über Tony Blair und dessen Afghanistan-Politik.


Auf einen klassischen Filmvorspann verzichtet Polanski. Er katapultiert den Zuschauer abrupt ins Geschehen, indem eine männliche Leiche an einen verlassenen Strand im Nirgendwo gespült wird. Sogleich wechselt die Szene in die Chefetage eines Londoner Verlagshauses. Der erfolglose Biograf McAra (Ewan McGregor) erhält dort das Angebot seines Lebens: Er soll die Biografie des früheren britischen Premierministers Adam Lang (Pierce Brosnan) zu Ende schreiben, nachdem dessen eigentlicher Ghostwriter unter mysteriösen Umständen ums Leben kam. McAra ist skeptisch, lässt sich jedoch von der lukrativen Bezahlung überzeugen und reist an die Ostküste der USA.Mit der Fähre gelangt er auf die Insel Martha’s Vineyard, wo Lang mit seiner Gattin Ruth (Olivia Williams) ein abgelegenes, aber streng bewachtes Strandhaus bewohnt. In jenem Glasbunker soll McAra nun unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen das Werk seines Vorgängers beenden. Mit dem Manuskript darf er weder Zimmer noch Haus verlassen, was sein Misstrauen zusätzlich schürt.

Zudem gerät der ehemalige Premierminister kurz nach seiner Ankunft in die Schlagzeilen. Im Zusammenhang mit Afghanistan wird er diverser Kriegsverbrechen beschuldigt und vom Internationalen Tribunal in Den Haag als Kriegsverbrecher gejagt. Lang flüchtet sich in die Arme seiner amerikanischen Verbündeten und lässt McAra und seine Frau Ruth auf der Insel zurück.

Der Schriftsteller stößt jedoch nach und nach auf Widersprüche im Manuskript, was ihn dazu veranlasst, den mysteriösen Tod seines Vorgängers zu ergründen. Ehe er sich versieht, steckt McAra in einem Sog aus Macht, Geld und Intrigen und muss um sein eigenes Leben fürchten.

Der Name Roman Polanski stand in den letzten Jahren weniger für filmische Meisterwerke wie „Chinatown“ und „Der Pianist“ als für Missbrauchs- und Fluchtskandale. Während der Dreharbeiten im Jahr 2009 konnte Polanski womöglich nicht erahnen, dass der Film auch seine persönliche Zukunft widerspiegeln würde, wurde aus dem großen Regisseur doch ein Eingesperrter mit Fußfessel.

Betrachtet man den Film „Der Ghostwriter“ losgelöst von Polanskis skandalöser Biografie, so ergibt sich ein durchaus gelungenes Verwirrspiel um politische Macht und deren Missbrauch. Vor allem die Darstellung des Unbehaglichen ist dem Regisseur gelungen. Schauplatz seines Thrillers ist eine triste Atlantikinsel. Der Regen prasselt unentwegt, der Wind peitscht über die Dünen und der elegante Glasbunker des Präsidenten bietet eine trübe Sicht auf das graue Meer und menschenleere Strände. Unterlegt wird diese öde Szenerie mit einem Soundtrack, der an die Thriller der 70er Jahre erinnert. Gedreht wurde allerdings keineswegs auf Marthas Vineyard, sondern auf den deutschen Inseln Sylt und Usedom.

Der moralische Konflikt eines Ghostwriters habe ihn seit jeher fasziniert, erklärte Autor Robert Harris in einem Interview. Diesen Konflikt stellt der britische Schauspieler Ewan McGregor nahezu hervorragend dar. Er spielt den Namenlosen, den Unbedeutenden, der plötzlich einer politischen Intrige auf die Spur kommt und nicht mehr weiß, wem er noch trauen soll. Der Zuschauer erfährt kaum mehr von ihm, als dass er Schriftsteller ist und bis zuletzt verbleibt er als Mann ohne Vorname, ohne Wohnort, ohne Bindungen.

Überzogen und unrealistisch erscheint hingegen die eigentliche Brisanz des Manuskripts, was den Film abschließend betrachtet an Niveau und Klasse einbüßen lässt. Mit der Auflösung des permanenten Verwirrspiels dürfte der Zuschauer wohl kaum zufrieden sein.

DVD: Solider Thriller mit enttäuschendem Ende.

(Text: Julia Hanel)

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