Wenn das Meer der Weisheit vor einem leeren Glas Wasser steht

Er kam nach Deutschland – seine Stationen führten ihn nach Bochum, Mönchengladbach, Nürnberg und schließlich nach Bamberg. Er war es wirklich: der Dalai Lama. Kaum hat er in Nürnberg seine Schuhe geschnürt, geht es in einem Konvoi in Richtung Bamberg. Mittlerweile ist es Mittag und nach mehreren Stunden auf der Bühne in Nürnberg braucht der 72-jährige Dalai Lama eine kurze Verschnaufpause. In einem Bamberger Hotel gibt es für ihn die letzte Mahlzeit des Tages – mittags, so wie das üblich ist bei Buddhisten. Das Oberhaupt der Tibeter zieht sich für kurze Zeit noch einmal zurück in seine zwei Zimmer, die er angemietet hat – Das eine zum schlafen, das andere zum meditieren.

Zeitgleich warten vor der Veranstaltungshalle in Bamberg Tausende von Dalai-Fans und -Interessierten und erfreuen sich wenig spiritueller Weise an einer deftigen fränkischen Bratwurst oder einem Stück Pizza, bevor sie sich dann in den Tempel der Ruhe begeben. Denn was normalerweise das Parkett des Deutschen Basketballmeisters ist, ist heute die Stätte, in der der Dalai Lama sprechen wird.

5000 Personen sitzen in der ausverkauften Arena, als der Dalai Lama die Halle betritt, und in genau diesem Moment hätte man mühelos eine Stecknadel fallen hören können. 5000 Herzen hören für einen Moment auf zu schlagen. 5000 Menschen halten die Luft an.Die wenigsten wissen wer der Dalai Lama wirklich ist. Nur „was man eben in den Medien so mitbekommt” geben einige Zuschauer zu. Er hat etwas „Popstarhaftes”, wie er da so sitzt.
Die Bühne in dunkelblaue Tücher gehüllt, ein großes gelbes Laken, darauf die Tibet-Flagge. Bambussträucher und rote Blumengestecke füllen die Bühne. In der Mitte stehen ein Sofa und ein Sessel. Zu allererst zieht der Dalai Lama seine Schuhe aus, um sich dann auf den schwarzen Ledersessel zu setzen. Er macht es sich bequem – im Lotussitz versteht sich.

Und dann geschieht das, was viele für unmöglich gehalten haben: diese zwei unterschiedlichen Welten – das Publikum und der Dalai Lama – sie werden Eins. Nämlich genau dann, als Nina Ruge, die die Veranstaltung moderiert, den Dalai Lama bittet, zunächst ein Paar Worte an Bamberg zu richten. Der Dalai Lama ist sprachlos. Nach zwei, drei lang gezogenen „hmmmmmmm”-s bringt der weise Mann nichts als ein „ I don’t know” über die Lippen.

Damit bringt er Bamberg zum Lachen, die Sympathie der Domstädter hat er gewonnen. Minuten später, nach seinem Eintrag ins goldene Buch der Stadt, werden die unterschiedlichen Welten ein zweites Mal Eins. Der Dalai Lama zückt, passend zu seiner „Tracht”, ein rotes Cape und setzt es auf, zum Schutz vor der grellen Beleuchtung, die über ihm hängt, damit er das Publikum besser sehen kann. Außerdem, so verrät er, hat er das Cape von einem Freund aus den USA geschenkt bekommen, an den erinnert er sich auch gern.

Das Publikum lacht ein weiteres Mal. „Schon lustig, wie der da mit seiner Kappe sitzt, sieht fast ein bisschen doof aus”, schmunzelt eine Studentin. Über das Glück und die Wege dorthin berichtet seine Heiligkeit in der folgenden Stunde. Die „innere Zufriedenheit” zu erreichen sei aber nur möglich, so erzählt er, wenn man auch negativen Situationen etwas Positives abgewinnen könne.Die Zuschauer lauschen und beobachten ihn immer noch gebannt, als er zu seinem Wasserglas greift, oder eher greifen will. Auf dem Tisch vor ihm stehen zwar vier leere Gläser, aber keine Flasche Wasser. Das lässt seine Heiligkeit natürlich nicht unkommentiert. Wieder schafft er es mit seiner lockeren und vor allem menschlichen Art den Zuschauern zumindest für einen Moment lang den Eindruck zu vermitteln, dass er einer von ihnen ist – ein ganz normaler Mensch. Nach der kurzen, witzigen Unterbrechung, führt er seine Rede über das Glück fort.

Der 14. Dalai Lama unterscheide bei einem „Feind” immer „zwischen der Handlung, die er kritisiert, und der Person, die ihm schadet.” Mit eben dieser Einstellung tritt der Dalai Lama auch der chinesischen Regierung entgegen. Er ist dazu bereit zu verzeihen, sagt er, auch wenn  die „Handlung”, mit der die chinesische Regierung den Tibetern im März entgegengetreten ist, in ihm „das gleiche Gefühl wie am 10. März 1959″, dem Tag, an dem er ins indische Exil flüchten musste, ausgelöst hat.

„Doch weil unsere ganze Existenz auf der Hoffnung basiert”, hat er auch nach fast 50 Jahren im Exil die Hoffnung auf eine Rückkehr in seine Heimat noch nicht aufgegeben. Sollten die Tibeter in den Verhandlungen mit der chinesischen Regierung etwas erreichen wollen, dann müssen sie das noch vor dem Ende der Olympischen Spiele.
Denn Tibet muss auch nach den Olympischen Spielen überleben, wenn die unglaubliche öffentliche Aufmerksamkeit weg ist. Der Dalai Lama lächelt – ausgerechnet er! Die Stimmung ist bedrückt, die Menschen nachdenklich. Wieder gehen die beiden Welten ineinander über. Diesmal sind die Zuschauer in seiner Welt, der des Dalai Lama.

Am Ende seines Auftritts bedankt er sich für die Aufmerksamkeit, verneigt sich und verlässt unter tosendem Applaus die Bühne. Die Herzen und Sympathien der Deutschen hat der Dalai Lama mit seinem Besuch auf jeden Fall für sich gewonnen.

(Text: Nathalie Forster)

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