Du bist hier: Home » Gesellschaft » Oh Gott – Du bist lesbisch?

Oh Gott – Du bist lesbisch?

Was es bedeutet in Deutschland seine homosexuellen GefĂŒhle einzugestehen
„Am Anfang bin ich davon gelaufen, weil diese GefĂŒhle fĂŒr eine Frau fĂŒr mich neu waren“, erinnert sich Rebecca aus WĂŒrzburg. Heute steht sie zu ihren GefĂŒhlen und weiß auch mit ihrer HomosexualitĂ€t umzugehen. Wie schwer ein Couming Out auch in einer Gesellschaft wie Deutschland immer noch ist, erzĂ€hlen drei „Betroffene“ aus ihrer eigenen Erfahrung.

Ein Blick in die Vergangenheit zeigt Rebecca heute, dass sie wohl bereits mit zwölf Jahren einen Drang zum weiblichen Geschlecht hatte. Jede Sekunde wollte sie damals mit ihrer besten Freundin verbringen und war eifersĂŒchtig auf deren Freund. Als sie von ihrem Umfeld auf das „merkwĂŒrdige“ Verhalten angesprochen wurde, brach sie den Kontakt zur damaligen besten Freundin komplett ab. „Ziemlich dumm, wĂŒrde ich im nachhinein sagen“, weiß Rebecca heute. Aber in Deutschland gelte man eben erst einmal als Außenseiter, wenn man auf das gleiche Geschlecht steht.

Die heute 23-JĂ€hrige ist sich aber erst seit einem knappen Jahr im klaren, dass sie lesbisch ist. Bei einem Tanzkurs lernte sie ihre jetzige Freundin kennen. Sie stand offen zu ihrer HomosexualitĂ€t und zeigte relativ schnell ihre Zuneigung zu Rebecca. „Am Anfang bin ich davon gelaufen, weil diese GefĂŒhle fĂŒr eine Frau fĂŒr mich neu waren.“ Erst als die Eifersucht wieder zu Tage trat, merkte Rebecca, wie sie wirklich tickt. „Ich hatte vorher zwei Beziehungen – beide mit einem Mann – aber das war einfach nicht wirklich etwas fĂŒr mich. Mir hat immer irgendetwas gefehlt, ich wusste nur nicht, woran das liegt“, erinnert sich die WĂŒrzburgerin.

Heute geht Rebecca sehr offen mit ihrer SexualitĂ€t um. Eltern, Freunde, Verwandte und sogar die engsten Arbeitskollegen wurden frĂŒh eingeweiht und reagierten in ihren Augen ĂŒberraschend gut und offen darauf. „In der Familie meiner Freundin sah das leider anders aus“, erzĂ€hlt Rebecca weiter, „ihre Eltern hatten lange ein Problem mit der HomosexualitĂ€t. Aber mittlerweile können sich nur ihre streng katholischen Großeltern noch nicht ganz damit anfreunden.“ Trotz oder gerade wegen der anfĂ€nglichen Schwierigkeiten, sind die beiden Frauen heute unzertrennlich und seit dem 3. April verlobt.

Sehr frĂŒh war sich dahingegen der 17-jĂ€hrige Philipp B. ĂŒber seine sexuelle Neigung im klaren. Mit 13 verliebte er sich bereits in einen Jungen in seiner Klasse. Aber auch hier war der gesellschaftliche Druck wieder grĂ¶ĂŸer als die eigenen Vorlieben: „Ich habe versucht alles zu ĂŒberspielen.“ Zwei Jahre spĂ€ter lernte er ĂŒber eine Internetplattform – speziell fĂŒr Schwule – seinen jetzigen Freund kennen. Nach unzĂ€hligen GesprĂ€chen und Telefonaten stand bald das erste Treffen an. „Es hat sofort gefunkt – und ich wollte endlich dazu stehen, dass ich Kerle toll finde. Meine drei besten Freunde haben es wirklich locker aufgenommen und mich genau so behandelt wie zuvor. Ich war echt glĂŒcklich!“ Auch wenn die meisten Freunde kein Problem mit der HomosexualitĂ€t von Philipp hatten, gab es auch Jugendliche, die ihn beleidigt oder sich ĂŒber ihn lustig gemacht haben.Schwieriger war jedoch das Coming Out bei den Eltern. „Zuerst konnten sie keine Worte finden und haben einfach nur geschwiegen. Dann haben sie mich aber in den Arm genommen und mir gesagt, dass sie mich so lieben, wie ich bin. Ich war einfach nur so erleichtert, dass es endlich raus ist!“

Extremere Reaktionen stehen in Deutschland aber auch auf der Tagesordnung von Homosexuellen. „Viele haben richtig dumm reagiert und mich teilweise sogar beleidigt. Einige Jungs aus meinem Heimatort haben sogar Dosen nach mir geworfen und mich als dumme Lesbe beschimpft“, erinnert sich Fatma aus Mannheim. Mit zwölf Jahren merkte sie, dass sie auf Frauen steht. Aus Angst vor den Reaktionen ihres Umfeldes, verdrĂ€ngte Fatma ihre GefĂŒhle jedoch zunĂ€chst. Erst drei Jahre spĂ€ter testete sie ihre sexuelle Ausrichtung mit Hilfe eines Kusses mit einer Freundin. „Erst dadurch war ich mir sicher, dass ich auf Frauen stehe.“

Diese drei Beispiele aus dem Leben von Homosexuellen machen die immer noch schwierige Lage in Deutschland deutlich. Schwule und Lesben gelten oft immer noch als unnatĂŒrlich. Genau das macht den Schritt des Coming Outs fĂŒr viele so extrem schwer – jeder muss mit negativen Reaktionen seines Umfeldes, seiner Freunde und sogar in der eigenen Familie rechnen. Warum gilt eine gleichgeschlechtliche Neigung in der heutigen Gesellschaft immer noch als außergewöhnlich? Warum werden Schwule beschimpft? Warum muss es Lesben so schwer gemacht werden, sich zu outen?

Auch Homosexuelle sind Menschen – Menschen, die wie alle einfach nur auf der Suche nach Liebe sind!

(Text: Konrad Welzel)


Download PDF  Artikel drucken (PDF)

Schreibe einen neuen Kommentar

You must be logged in to post a comment.

Über den Autor

GrĂŒnder und Chefredakteur von back view

Konrad hat back view am 06. April 2007 gegrĂŒndet - damals noch in diesem sozialen Netzwerk StudiVZ. Mittlerweile tobt sich Konrad ganz gerne im Bereich Social Media aus und versteht Menschen ohne ein Facebook-Profil nicht - dafĂŒr ist er viel zu neugierig!!!

Anzahl der Artikel : 158

© back view e.V., 2007 - 2017

Scrolle zum Anfang