Du bist hier: Home » Gesellschaft » Stadt- oder Landleben?

Stadt- oder Landleben?

Reflektiert von jemanden, der beide extreme mitgemacht hat

Man hört es immer wieder: Du bist entweder ein Stadt-Kind oder ein Dorf-Kind. Wie oft in GesprĂ€chen mit meinem Bekanntenkreis SĂ€tze fallen wie: „Das kennst du nicht! Nur Dorfkinder haben das mitgemacht!“ Nun habe ich bereits in kleinen Dörfern als auch in StĂ€dten gelebt, jedoch war ich zu jung, um mich an den Kontrast zu erinnern. Da es mich trotzdem interessiert, ob diese SprĂŒche gerechtfertigt sind und was wohl die grĂ¶ĂŸten Unterschiede zwischen den beiden Lebensweisen sind, habe ich mir einen Insider rann geholt.

Ich möchte weniger die offensichtlicheren Dinge von ihm hören, wie der fehlende Nahverkehr sondern eher die Unterschiede, die einem nicht sofort einfallen wĂŒrden — Dinge, die jemanden erst auffallen, wenn man selbst lĂ€nger vor Ort war. Oder sogar herausfinden, ob die offensichtlichen Dinge doch die sind, die den Alltag am meisten prĂ€gen. Lennart darf sich nun meinen Fragen stellen, da er lange Zeit beide Extreme mitgemacht hat:

Wo genau hast du gelebt, beziehungsweise was war das dörflichste Extrem und das stÀdtischste Extrem? Wie lange warst du dort?
Lennart: Das dörflichste Extrem war Delmsen mit 900 Einwohnern. Da habe ich elf Jahre lang gewohnt. Das stÀdtischste Extrem ist Hannover. Dort wohne ich seit 2011.

Interview Urbanisierung

Kannst du mir das erste nennen, was dir in den Sinn kommt, wenn ich dich nach der MentalitÀt dieser Orte frage?
Lennart: Je dörflicher man wohnt, desto besser kennen sich die Menschen untereinander. GerĂŒchte kommen schneller in den Umlauf und halten sich auch lĂ€nger. Letztendlich kann man sagen, dass Menschen auf dem Dorf konservativer sind als Menschen in der Stadt. Ich vermute, das kommt daher, dass Menschen, die in der Stadt wohnen, tagtĂ€glich mit verschiedenen Kulturen in BerĂŒhrung kommen.

Das habe ich schon hĂ€ufiger gehört. Das fĂŒhrt mich zu den Klischees. Gibt es allseits bekannte Klischees, die du ĂŒber das Leben auf dem Land und in der Stadt sofort als gerechtfertigt sehen wĂŒrdest?
Lennart: Fehlender Nahverkehr ist definitiv ein erfĂŒlltes Klischee auf dem Lande. Die meisten Leute trifft man doch auf den wöchentlich stattfindenden Dorf-Partys an, wo lieber getrunken als getanzt wird. Bei der Stadt fĂ€llt mir kein zutreffendes Klischee ein.

Anders gefragt: Gibt es Klischees, die du als falsch erachten wĂŒrdest und warum?
Lennart: Ein nicht zutreffendes Dorf-Klischee ist, dass jeder mit jedem irgendwie verwandt ist. In der Stadt stimmt es nicht, dass die Menschen denken, dass KĂŒhe lila sind, da sie sich auch mit landwirtschaftlichen Aspekten auskennen.

Dass das Klischee mit den lila KĂŒhen so verbreitet ist, wusste ich nicht. Was vermisst du in der Stadt am Landleben am meisten und warum?
Lennart: Die ganze Natur, das viele GrĂŒn und die Ruhe, die man da auch unter freiem Himmel hat. In der Stadt hat man zwar auch Parkanlagen und teilweise WĂ€lder, aber man muss echt danach suchen.

Dir scheint die Natur sehr wichtig zu sein; aber was vermisst du auf dem Land am Stadtleben am meisten und warum?
Lennart: Die Perspektive, mit der die Leute auf bestimmte Sachen gucken und die fehlenden Verkehrsanbindungen.

Stimmt, in der Stadt kommt man auch ohne Auto gut von A nach B. Ein paar Pro- und Contra-Argumente hast du jetzt schon angefĂŒhrt. Unter deren Betrachtung, wo wĂŒrdest du eher Kinder großziehen wollen?
Lennart: Das eher auf dem Land, also eher auf einer lĂ€ndlichen Gegend, weil man dort viel öfter Kontakt mit der Natur hat und man keine Angst haben braucht, sein Kind alleine in die Schule oder in den Fußballverein zu schicken.

Ganz ehrlich: Was bist du? Ein Stadt- oder ein Land-Mensch?
Lennart: Es hat beides Vor- und Nachteile. Momentan ist die Stadt fĂŒr mich attraktiver, aufgrund der kulturellen VielfĂ€ltigkeit und der beruflichen Perspektiven.

Nun erschließt sich mir also, dass es wohl Vor- und Nachteile in beiden Lebensorten gibt. Ich bin ein eindeutiger Stadt-Mensch und kann trotzdem Lennarts Pro-Land-Argumente nachvollziehen. Jeder muss wohl fĂŒr sich selbst entscheiden, welches ihm besser gefĂ€llt. Ich möchte bloß abschließend noch sagen, dass es mittlerweile wohl nicht mehr zeitgemĂ€ĂŸ ist, zu sagen, dass Stadt-Kinder die Kindheit der Land-Kinder nicht verstehen können oder anders herum. Mittlerweile ist bei vielen Dörfern die nĂ€chste große Stadt nicht weit entfernt, wobei wohl mehr BerĂŒhrungspunkte entstehen, die einen guten Kompromiss zwischen nur Stadt oder nur Land bieten — die Vororte.

 

(Foto: Tobias Mittmann by jugendfotos.de)
Download PDF  Artikel drucken (PDF)

Schreibe einen neuen Kommentar

You must be logged in to post a comment.

Über den Autor

Anzahl der Artikel : 20

© back view e.V., 2007 - 2017

Scrolle zum Anfang