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Im Netzwerk der Eitelkeiten

Der Facebook-Selbsttest

600 Millionen Menschen nutzen das soziale Netzwerk Facebook – zumindest nach Angaben des Unternehmens. Ich bin einer von ihnen. Normalerweise bin ich ein eher moderater Nutzer. Heute nicht. Heute werde ich zum Spaminator. Die Frage ist: Was passiert, wenn ich alle meine Gedanken, alles was ich tue, 24 Stunden lang poste?

Es ist Freitagnachmittag, 14 Uhr, mein selbst verordneter Mitteilungsdrang beginnt. Ich starte ganz einfach und schnörkellos. Ich gratuliere meiner Kommilitonin S. zum Geburtstag. Sie nimmt das „Gesichtsbuch“ fĂŒrchterlich ernst. Wer nicht auf ihre Posts antwortet, ist per se unten durch. Also: „… Geburtstag vergessen … alles Gute“.
GrundsĂ€tzlich halte ich selbst nichts davon, wenn Menschen alles beziehungsweise den Nonsens ihres Lebens auf Facebook veröffentlichen. Deshalb fĂ€llt es mir anfangs schwer, ĂŒberhaupt etwas zu posten. Was mache ich gerade? Eigentlich geht das keinen etwas an. Außerdem ist es wirklich nicht so spannend, dass ich gerade an WordPress herumbastle. Ich poste es trotzdem.

Es geht weiter. Ich habe mir vorgenommen mindestens jede Stunde etwas zu veröffentlichen. Ich habe mein Profilbild verÀndert. Mich beim Guitar Hero spielen fotografiert und sogar mein Mittagessen wird öffentlich breit getreten.
Ich bin mit 92 Personen „befreundet“. Mehr oder minder sind das alles Menschen, die ich wirklich kenne; die meisten davon mag ich und treffe sie regelmĂ€ĂŸig. Meine Mutter und meine kleine Schwester sind in meiner Liste, ebenso ehemalige Arbeitskollegen. Sonst halte ich mich allerdings extrem zurĂŒck. Jeder der mir Farmville-Anfragen schickt oder KalendersprĂŒche wie „Phantasie ist wichtiger als Wissen, denn Wissen ist begrenzt….“, wird konsequent geblockt.

Nun bin ich selbst die Daueraktive. Mein Freund sagt, er mĂŒsse sich leider mit mir entfreunden, wenn das so weitergehe. Das ist wenigstens einmal eine Reaktion. Erstaunlicherweise meldet sich sonst keiner bei mir. Ich hatte mit Hassmails, wĂŒtenden Beschimpfungen oder wenigstens mit einem „was ist eigentlich mir dir los?“ gerechnet. Selbst nach fĂŒnf Stunden Dauerbetextung habe ich keine derartige Nachricht. Im Gegenteil, ich bekomme sogar regelmĂ€ĂŸig Antworten auf meine Posts. Aus diesem Grund mache ich weiter. Seltsam ist, dass ich, sobald „unmögliche“ Fotos von mir im Netz standen, auch geringere Scham verspĂŒrt habe, noch „schlimmere“ Dinge online zu stellen. Ein bisschen Adrenalin ist im Spiel. Denn ich gebe etwas ganz Persönliches von mir Preis und bekomme sofort eine Reaktion darauf.

Zu Beginn hatte ich mir vorgestellt, dass mich meine „Freunde“ entweder hassen oder total auf meine EintrĂ€ge anspringen wĂŒrden. Keines der beiden Extreme ist eingetreten. Alle haben es einfach so hingenommen. Wahrscheinlich sind sie es gewohnt, mit viel Uninteressantem zugemĂŒllt zu werden. Interessanterweise waren auf meiner Seite nie zwei Posts von mir hintereinander. Immer kam noch jemand anderes mit seiner Meinung dazwischen. Sind einfach alle, weil sie so oder so jeden Tag hunderte Informationen bekommen, derart abgestumpft?
Deshalb habe ich eine Theorie entwicklelt: Sobald einer im persönlichen Netzwerk sehr aktiv ist, steckt das die anderen an. FĂŒr die meisten Menschen ist das Netzwerk Facebook wohl sowieso weniger eine Informationsquelle als eher eine willkommene Ablenkung und Zeitvertreib. Daher scheinen viele Nutzer andere Posts, auf die sie dann reagieren können, geradezu herbeizusehnen – ganz gleich, wie gehaltvoll diese sind. Das Posten wird somit zum SelbstlĂ€ufer, zur Epidemie.

Zwar ist das Dauerposten gar nicht so zeitaufwĂ€ndig wie ich gedacht hatte; Ich bin so oder so fast jeden Tag online. Trotzdem will ich wieder zu meinem alten Facebook-Ich zurĂŒck. Immerhin kann ich durch den Perspektivenwechsel nun gelassener auf die zeitweise nervende Flut an Facebook-Kommentaren reagieren.
Im Grunde ist es wohl egal, was ich schreibe, denn ich bin Einer von 600 Millionen Nutzern – von IndividualitĂ€t kann da nicht die Rede sein. Egal wie ich mich positioniere, ob ich Poweruser bin oder Beobachter bleibe. Ich werde immer nur ein kleiner Teil des Ganzen sein und bleiben.

(Text: Lea Kramer)
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