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Feld des Schweigens

Am Samstag startet die 94. Tour de France

Selten war das Interesse am sportlichen Ablauf geringer und die Zukunft dieses traditionsreichen Wettbewerbs unklarer. Wird die Tour de France Startschuß fĂŒr eine saubere Radsport-Ära oder wird sie nur Anlass sein, ĂŒber all die scheußlichen Doping-EnthĂŒllungen den Mantel des Vergessen zu werfen und die Teams und Fahrer da weiter machen zu lassen, wo sie aufgehört haben?

An eine saubere Rundfahrt mag der leidgeprĂŒfte Fan wohl nicht so recht glauben. Zu oft wurde er enttĂ€uscht. Zu oft entpuppte sich der strahlende Sieger als schmutziger BetrĂŒger. Zu oft wurden ÜbeltĂ€ter aus den Rennen genommen, nur um fĂŒr die nĂ€chsten Platz zu machen. Und viel zu oft schon wurden radikale VerĂ€nderungen angekĂŒndigt, doch das Einzige, was sich wirklich Ă€nderte, waren die Praktiken und Mittel des Dopings.

Bereits 1999, ein Jahr nach der „Festina-AffĂ€re“, sollte die so genannte „Tour der Erneuerung“ den ganzen pharmazeutischen Unrat aus dem Peloton der „Großen Schleife“ hinfortspĂŒlen. WĂ€hrend der Tour 98 war ein Betreuer des damaligen Festina-Teams mit einer Kofferraumladung Dopingmittel erwischt worden. Die Profis unterbrachen daraufhin Etappen, um gegen den Generalverdacht, der angeblich gegenĂŒber jedem Fahrer gehegt wurde, zu protestieren. Doch die, die damals bei den Sportler-Demos in vorderster Reihe standen, stehen heute teilweise ganz oben auf den Listen der internationalen Doping-Fahnder. Und geĂ€ndert hat sich an der allgegenwĂ€rtigen Dopingpraxis offensichtlich nichts.

Ein Jahr ist die „Operation Puerto“ bereits her, in deren Ermittlungen das Netzwerk des Arztes Eufemiano Fuentes ausgehoben wurde, der nach Stand der Ermittlungen, große Teile der Profi-Gemeinde mit allen erdenklichen verbotenen Mittelchen versorgt hat. Unter anderem auch namhafte Stars, wie z.B. die gestĂ€ndigen Ivan Basso und Jörg Jaksche. Ein Jahr ist bereits vergangen, seit dem großen Schock, als nur wenige Stunden vor Tourstart die spanischen Ermittler pikante Details preisgaben und die damaligen Favoriten auf das Maillout Jaune belasteten. Ein Jahr, seit dem Radsport der erste schwere Schwinger verpasst wurde, der ihn fast hĂ€tte K.o. gehen lassen.

Doch was hat sich seitdem getan? Haben die Verantwortlichen den Ernst der Lage begriffen? Haben sie verstanden, dass es mit ihrem Sport bald aus sein könnte? Haben sie Maßnahmen ergriffen, um diesen doch so faszinierenden und packenden Sport zu retten?

Ja und nein. Geredet wurde viel, zumindest von offizieller Seite. Doch es drĂ€ngt sich immer mehr der Verdacht auf, dass es sich bloß um Lippenbekenntnisse gehandelt haben dĂŒrfte. Zwar zwang der Weltverband UCI alle Teams ihre Fahrer eine ErklĂ€rung unterschreiben zu lassen, die erstens Doping auf schĂ€rfste verurteilt, zweitens Doping unter hohe Strafen stellt und drittens umfangreichere Tests ermöglicht. Aber alleine wie zögerlich einige Teams diese ErklĂ€rung umgesetzt haben, steht nicht gerade fĂŒr konsequentes Durchgreifen gegen Sportbetrug.
Wenigstens haben inzwischen alle bei der Tour startenden Fahrer das SchriftstĂŒck unterzeichnet. Wie viel es wert sein wird, muss sich zeigen, schließlich hatten die meisten Athleten ohnehin schon Klauseln in ihren VertrĂ€gen, die Doping drakonisch bestraften.

Und wĂ€hrend die Teammanager und FunktionĂ€re sich oft wortreich ĂŒber das Thema Doping ausließen, drĂ€ngten sich die Fahrer immer dichter im Fahrerfeld des Schweigens zusammen. Keiner will von Doping wissen oder gewusst haben, keiner der Nestbeschmutzer sein. Von Unschuldsbewusstsein keine Spur, viel mehr gelten die, die nun endlich reden und durch ihre EnthĂŒllungen den von ihnen so geliebten Sport noch retten wollen, als die wahren VerrĂ€ter. Nachfragende Journalisten werden ignoriert und die Presse und die Zuschauer mit ihren Rekord-GelĂŒsten verantwortlich gemacht fĂŒr mitleidbedĂŒrftige Rennfahrer und Sportchefs, die dem Druck nicht anders standzuhalten wussten, als zum ApothekerschrĂ€nkchen zu greifen. Ein ernst gemeinter Neuanfang sieht anders aus.

Doch die Tour de France wird auch Sport zu bieten haben und rein sportlich ist sie so offen wie selten zuvor. Es lĂ€sst sich kein klarer Favorit ausmachen. Am ehesten ist wohl Alexander Winokourow (Astana Team) der Sieg zuzutrauen, auch wenn er sich selbst in der Vergangenheit oft durch ebenso ungestĂŒme wie oft unnĂŒtze Attacken um seine Siegchancen gebracht hat. Da ist auch noch Levi Leipheimer (Discovery Channel), der sicher das Zeug hat, in die US-amerikanischen Toursieger-Fußstapfen von Greg LeMond und Lance Armstrong zu schlĂŒpfen. Nicht zuletzt können die Spanier auf ihren Kronprinzen Alejandro Valverde und Oscar Pereiro (beide Caisse d’Epargne) hoffen.

Pereiro ist offiziell Gesamtsieger des vergangenen Jahres, bekam allerdings als Klassementzweiter das Gelbe Trikot erst nach der Tour und der Disqualifizierung von Floyd Landis am GrĂŒnen Tisch zugesprochen. Valverde konnte bisher bei der Tour aufgrund von StĂŒrzen noch nie die hohen Erwartungen erfĂŒllen. Bleibt noch Andreas Klöden zu nennen (ebenfalls Astana), der auch Erfahrungen damit hat, wie es ist, in Paris auf dem Podium zu stehen.

Egal wer das Rennen letztlich machen wird, bleibt nur zu hoffen, dass sein Sieg diesmal lĂ€nger Bestand hat, als im vergangenen Jahr der von Floyd Landis, der kurz nach Ende der Rundfahrt des Doping ĂŒberfĂŒhrt worden war. Und vor allem bleibt zu hoffen, dass dieser Sieger sich seine Lorbeeren auch redlich verdient hat, nicht durch das Geschick seiner Ärzte, sondern durch die Kraft seiner Waden, damit der Radsport doch noch einer sonnigeren Zukunft entgegenrollen kann.

(Text: Oliver Schmitz)
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