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„Wer nichts schafft, ist auch nichts wert“

Interview mit der einzigen deutschen Angst-Zeitschrift

Die Angst-Zeitschrift ist die einzige deutschsprachige Zeitschrift zum Thema Angst und Angsterkrankung. Im Interview spricht Christian Zottl, Gesch√§ftsf√ľhrer des Vereins hinter dem Magazin, mit backview.eu √ľber die √Ąngste der Deutschen.

Interview Angst

Haben die Deutschen heute generell mehr Angst als noch vor zehn oder 20 Jahren?

Nein. Zumindest nicht innerhalb der letzten zehn Jahre und wenn man es auf klinisch relevante Angststörungen bezieht. 2004 waren 14 Prozent der Bevölkerung betroffen, 2012 waren es 16 Prozent und 2014 rund 15 Prozent, das heißt, die Zahlen blieben ziemlich gleich in den letzten Jahren. Angststörungen sind damit aber nach wie vor die mit Abstand häufigste psychische Erkrankung.
Zur H√§ufigkeit von (Angst-)St√∂rungen gibt es einige Untersuchungen: 2004 vom Statistischen Bundesamt, 2012 Studie zur Gesundheit der Deutschen, 2014 √ľber psychische St√∂rungen Erwachsener.

Sp√ľren Sie in den letzten Wochen und Monaten, dass die Angst vor Terror enorm gestiegen ist?

Am eigenen Leib ja. Wenn ich t√§glich als Pendler in einen Zug steige oder mich am Hauptbahnhof bewege, bemerke ich ein Unbehagen, das ich fr√ľher so nicht hatte. Mit einer Angstst√∂rung hat das aber noch lange nichts zu tun. Ich k√∂nnte mir aber vorstellen, dass zum Beispiel Menschen mit einer Generalisierten Angstst√∂rung jetzt noch alarmierter sind und gegebenenfalls noch mehr √Ąngste und Sorgen erleiden m√ľssen.

Wir haben in letzter Zeit tats√§chlich eine sehr hohe Nachfrage bei der DASH (Deutsche Angst-Selbsthilfe, von der die ‚ÄěAngst-Zeitschrift ‚Äď daz‚Äú herausgegeben wird), sei es telefonisch, per E-Mail oder in unserer Onlineberatung. Allerdings f√ľhren wir das nicht auf die aktuelle Angst vor Terror, sondern vielmehr auf unsere √Ėffentlichkeitsarbeit in den letzten Monaten zur√ľck. Es gibt unsere Selbsthilfeorganisation seit 25 Jahren, die ‚Äědaz‚Äú seit 20 Jahren ‚Äď dar√ľber wurde in den letzten Monaten vermehrt berichtet.

Dass Menschen konkret wegen Angst vor Terror bei uns anrufen, ist eher nicht der Fall.
Diffuse Angst vor einem Terroranschlag zu haben, hat letztlich aber erst einmal nichts mit einer Angststörung zu tun. Angst ist eine an sich sinnvolle Schutzfunktion.

Es gibt ja tats√§chlich eine Bedrohung f√ľr Leib und Leben, und vor der hat man selbstverst√§ndlich auch Angst. Dass hier die Wahrscheinlichkeit wesentlich geringer ist, als etwa bei einem Autounfall schwer verletzt oder gar get√∂tet zu werden, spielt zun√§chst eine nachrangige Rolle. An Gefahren, die wir gut kennen, haben wir uns mittlerweile gew√∂hnt. Terror, wie er in Paris hautnah zu erleben war, ist in dieser Form f√ľr uns in Mitteleuropa neu und, im wahrsten Sinne des Wortes, von schrecklichem Ausma√ü.

Seit 1995 gibt es die Angst-Zeitschrift – wie sehr haben sich die √Ąngste in den letzten 20 Jahren ver√§ndert?

Die √Ąngste selbst haben sich gar nicht so sehr ver√§ndert, w√ľrde ich sagen. Zum Teil hat sich jedoch der Blick der Experten auf diese √Ąngste ver√§ndert. Vor 20 Jahren wussten zum Beispiel Allgemeinmediziner und selbst Fach√§rzte viel zu wenig Bescheid √ľber Angstst√∂rungen und ihre verschiedenen Auspr√§gungen. Inzwischen gibt es allgemein mehr Informationen dar√ľber. Aber immer noch kann es Betroffenen leider passieren, dass sie mit den Symptomen einer Panikattacke zum Arzt gehen, dort k√∂rperlich intensiv durchgecheckt werden und mit den Worten ‚ÄěIhnen fehlt nichts‚Äú oder ‚ÄěWir k√∂nnen nichts finden‚Äú allein gelassen werden, ohne dass das Thema √Ąngste angesprochen wird.

Inwieweit k√∂nnen Angeh√∂rige unterst√ľtzen und die √Ąngste √ľberwinden helfen?

Angeh√∂rige k√∂nnen bei √Ąngsten Unterst√ľtzung und Hilfe sein, wenn sie bereit sind, den Betroffenen und seine Angst ernst zu nehmen, das hei√üt, sie nicht herunterzuspielen oder l√§cherlich zu machen. Andererseits sollten sie aber auch nicht den Fehler machen, zu stark darauf einzugehen und Menschen mit √Ąngsten alles Unangenehme abzunehmen. Das kann die √Ąngste auf Dauer sogar verst√§rken. Sie sollten sie ermutigen und best√§rken, dass sie sich ihren √Ąngsten stellen, vielleicht mit Hilfe einer Psychotherapie oder in einer Selbsthilfegruppe, und sie so bew√§ltigen k√∂nnen.

Welche M√∂glichkeiten gibt es, sich im Netz √ľber Therapien und Hilfen zu informieren?

Allgemein √ľber √Ąngste und Angsterkrankungen informieren kann man sich zum Beispiel auf unserer Internetseite¬†angstselbsthilfe.de.¬†Wer √§rztliche oder auch psychotherapeutische Hilfe sucht, kann sich auf den Seiten der Kassen√§rztlichen Bundesvereinigung¬†umsehen. Sie bietet als Service f√ľr Patienten eine bundesweite Arzt- und Therapeutensuche.¬†Psychologische Psychotherapeuten findet man √ľber die Seite psychotherapiesuche.de.

Sie arbeiten mit DASH auch an einem internationalen Austausch Рwarum ist dieser Austausch wichtig? Beziehungsweise was ist der größte Nutzen daraus?

Angst kennt keine Grenzen! Generell kann man von so einem Austausch nur profitieren, weil man andere Herangehens- und Sichtweisen kennenlernt. Man lernt viel voneinander und gleichzeitig auch √ľber sich selbst.

Warum ist Angst eigentlich so ein Tabu-Thema?

Dass Angst immer noch ein Tabu-Thema ist, dieser Einsch√§tzung m√ľssen wir leider zustimmen. Daf√ľr gibt es sicher viele Ursachen. Eine liegt darin mit begr√ľndet, dass wir nach wie vor in einer Zeit leben, in der Erfolg durch Leistung sehr hoch angesehen wird. Bei manchen Menschen z√§hlt nichts im Leben mehr: H√∂her, schneller, weiter – lautet die Devise. Und: Jeder ist seines eigenen Gl√ľckes Schmied.
All das ist nicht generell schlecht, aber es erzeugt auch einen enormen Druck: Wer nichts schafft, ist auch nichts wert. Und wer es nicht schafft, ist auch selbst schuld. Da f√§llt es individuell doch, ehrlich gesagt, schon etwas schwer, Schw√§chen zuzugeben. Viel lieber w√§ren wir mutig und stark und erfolgreich. Klar! Aber wenn man √Ąngste oder andere psychische Probleme hat, geht genau das halt einfach nicht mehr. Wenn sich jemand das Bein gebrochen hat, w√ľrde man nicht erwarten, dass er aus eigener Kraft und begleitet von den aufmunternden Worten ‚ÄěDas wird schon wieder!‚Äú bei einem 100-Meter-Lauf antritt. Hat man eine psychische Erkrankung, kann es einem schon h√§ufiger passieren, dass man h√∂rt: ‚ÄěJetzt stell dich nicht so an! Du musst es nur wollen!‚Äú

(Interview: Konrad Welzel / Foto: privat)
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√úber den Autor

Gr√ľnder und Chefredakteur von back view

Konrad hat back view am 06. April 2007 gegr√ľndet - damals noch in diesem sozialen Netzwerk StudiVZ. Mittlerweile tobt sich Konrad ganz gerne im Bereich Social Media aus und versteht Menschen ohne ein Facebook-Profil nicht - daf√ľr ist er viel zu neugierig!!!

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