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Das geht unter die Haut – Rassismus damals und heute

„Alle Menschen sind frei und gleich an WĂŒrde geboren“ beginnt die Allgemeine ErklĂ€rung der Menschenrechte. Dies gilt unabhĂ€ngig von Herkunft, Rasse oder Hautfarbe. Die Demonstranten von Sharpeville, SĂŒdafrika, erfuhren am 21. MĂ€rz. 1960 am eigenen Leib, was es heißt, diese Rechte nicht zu haben. Zum Internationalen Tag gegen Rassismus ein Beitrag, der unter die Haut geht und leider zeigt, wer alles darin und darunter und was alles dahintersteckt.

Liegt es in unseren Genen?

Auslöser des Massakers von Sharpeville waren die Passgesesetze (Native Urban Act) des sĂŒdafrikanischen Apartheidsregimes. Alle schwarzen MĂ€nner ab 16 Jahren waren verpflichtet sich beim Betreten einer Stadt bei den örtlichen Behörden zu melden. Darauf erhielten sie ein Ausweisbuch, mit Arbeitgeber, Art der BeschĂ€ftigung und Bewilligung des Aufenthalts. BegrĂŒndet wurde eine solche diskriminierende Gesetzgebung durch ein rassistisches Weltbild. „Rassismus ist der Glaube, daß menschliche Populationen sich in genetisch bedingten Merkmalen von sozialem Wert unterscheiden, so daß bestimmte Gruppen gegenĂŒber anderen höherwertig oder minderwertig sind“. (UNESCO ErklĂ€rung von Stadtschlaining 1995).

„Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden“, legt es das Grundgesetz in Artikel 3 deutlich fest. Dem ging die amerikanische UnabhĂ€ngigkeitserklĂ€rung voraus. Sie definiert:

„We hold these truths to be self-evident, that all men are created equal, that they are endowed by their Creator with certain unalienable Rights, that among these are Life, Liberty and the pursuit of Happiness.“

Trotz allem kann nicht verneint werden, dass Menschen unterschiedlich sind. Dies beginnt bei der Hautfarbe. Je nach Region und Herkunft kann diese unterschiedlich stark pigmentiert sein. Aber der Biologe Richard Lewontin wies bereit 1972 nach, dass die genetischen Unterschiede zwischen den Individuen einer Population grĂ¶ĂŸer sind als zwischen zwei Populationen. In anderen Worten, ein EuropĂ€er und ein Afrikaner können nĂ€her verwandt sein als zwei EuropĂ€er. Lediglich 0,1% aller Gene unterscheiden die Menschen voneinander, 99,9 % sind gleich bei allen Menschen. Daher konstatierte die UNESCO ErklĂ€rung von Stadtschlaining im Jahre 1995: „Es gibt keinen wissenschaftlichen Grund, den Begriff „Rasse“ weiterhin zu verwenden.“

Rassismus Geschichte

Rassismus entsteht im Kopf nicht auf der Haut

Rassistische Konzepte sind stets radikale Konzepte, aber keine natĂŒrlichen Ordnungen selbiger. Obwohl der homo sapiens sapiensis bereits 500.000 Jahre alt ist, ist die Rasse gerade einmal knapp 500 Jahre alt. Der Begriff „Rasse“ erhĂ€lt seine Bedeutung zum ersten Mal im mittelalterlichen Spanien um etwa 1438 beim Geistlichen Alfonso Martinez de Toledo. In seinem Traktat spricht er von „guten Rassen“, welche vom Schicksal bevorzugt wĂŒrde, sowie „schlechten Rassen“, welche von selbigen benachteiligt wĂŒrden, da es die Natur so vorsehe. Anders ausgedrĂŒckt der Begriff „Rasse“ wird hier mit Herkunft gleichgesetzt. 1449 wurde in der Heimatstadt des Geistlichen Toledo, das „Estatuto de Limpieza de Sangre“ (Gebot der Blutreinheit) erlassen. Bischöfe und WĂŒrdentrĂ€ger hatten nachzuweisen, dass sich keine Muslime oder Juden unter ihren Vorfahren befĂ€nden, wollten sie Ämter ergreifen.

Neben der möglichen Wortherkunft von radix die Wurzel, ist auch die Ableitung von arabischen ۱ۣ۳ (arab. ras) der Kopf eine wahrscheinliche ErklĂ€rung. Diese Herkunft eignet sich zumindest ebenso gut als ErklĂ€rung fĂŒr die Entstehung von Rassetheorien und Rassismus in der Welt. Dabei ist der Begriff vor allem mit dem Begriff des „Fremden“ andere Herkunft zu verstehen.

Bereits in der Antike hielt man Sklaverei fĂŒr einen selbstverstĂ€ndlichen Bestandteil der Gesellschaft. Insbesondere rothaarige Thraker oder allgemein Barbaren erachteten Griechen und Römer als dazu geeignet, als Sklaven zu dienen. Jedoch boten die Möglichkeiten einer Freilassung sowie das Erlernen der griechisch-römischen Zivilisation Möglichkeiten aufzusteigen und den geborenen griechischen und römischen BĂŒrgern ebenbĂŒrtig zu werden. Im Mittelalter erfolgte die Differenzierung vor allem aufgrund des Glaubens. Insbesondere in der Auseinandersetzung mit Juden und Muslimen, dominierten und dominieren Vorurteile. Diese Ă€ußern sich bis heute in Form eines diskriminierenden abwertenden Antisemitismus. Jedoch unterscheidet sich dieses VerstĂ€ndnis besonders vom modernen Rassismus der Neuzeit.

Man kann nicht aus seiner Haut

Macht der Begriff Rasse Sinn? Damit beschĂ€ftigte sich das Zeitalter der AufklĂ€rung. Die Menschheit entdeckte immer weitere Teile der Welt und letztlich auch sich selbst aufs Neue. Daher begann die Suche nach einer natĂŒrlichen Ordnung und die Rolle des Menschen darin. Die erste systematische Beschreibung stammt von dem deutschen Geographen und Theologen Georg Hornius (1620-1670). Ausgehend vom 1. Buch Mose, teilte er die Menschheit in drei Gruppen Japhetiten („Weiße“), Semiten („Gelbe“) und Hamiten („Schwarze“) ein, benannt nach den drei Söhnen Noahs Jafet, Sem und Ham, welch die biblische Sintflut ĂŒberlebt hĂ€tten. Seitdem folgten unzĂ€hlige weitere Versuche der Einordnung von „Menschenrassen“. Die Klassifikationen reichen von drei bis ĂŒber 200 verschiedene Definition, je nach Ansatzweise.

„Die natĂŒrliche Auswahl ist das wichtigste, aber nicht das einzige Mittel der VerĂ€nderung.“, ist eines der wichtigsten Kernelemente der Evolutionstheorie von Charles Darwin. Darwin der selbst Sklaverei als „eines der grĂ¶ĂŸten Übel der Menschheit“ betitelte, wurde unfreiwillig zu einem der BegrĂŒnder des modernen Rassismus. Dieser verstĂ€rkte die negative Wahrnehmung gegenĂŒber Menschen anderer Hautfarbe, Menschen aus anderen Regionen der Welt. Der „struggle for existence“ wurde zu einer Grundlage des Kolonialismus. UnterstĂŒtzt durch die Hypothesen des „White Man Burden“ oder der „Mission Civilisatrice“, verstand man eine natĂŒrliche Ordnung der Welt in verschiedene RĂ€nge von Rassen mit EuropĂ€ern an der Spitze. Im VerstĂ€ndnis des Sozialdarwinismus stehen Gesellschaften miteinander in Konkurrenz um die natĂŒrliche Auslese, weshalb es wichtig sei, durch eigene Überlegenheit hier zu bestehen.

Besonders im Gegensatz zu klassischen VerstĂ€ndnissen, dass etwa ein Muslim Christ werden konnte, basiert diese Vorstellung auf einer natĂŒrlichen unverĂ€nderlichen Ordnung. Dies ist umso perfider, da hier die ethnische Herkunft vermeintlich eindeutige Merkmale zuschreibt. Insbesondere die Phrenologie, die SchĂ€delkunde, versuchte sich daran, bestimmten Gruppen von Menschen bestimmte unverĂ€nderliche positive und negative Eigenschaften zuzuschreiben. Völkerschauen wie die von Carl Hagenbeck sollten die eigene Überlegenheit verdeutlichen. Im Zuge der Sklavenbefreiung in den USA war es sogar juristisch umstritten, ob Sklaven ĂŒberhaupt Menschen oder nicht doch Sachen wĂ€ren, somit keine TrĂ€ger von eigenen Rechten wĂ€ren.

Besonders deutlich und grausam perfide wurde dieses Denken in der Ideologie des Nationalsozialismus. Die Rassenlehre teilt die Menschen in drei verschiedene Gruppen ein. „Kulturstiftende Rassen“, also die „nordisch arische Rasse“ sei dazu bestimmt ĂŒber die Welt zu herrschen. Hierunter folgten die „Kulturerhaltenden Rassen“ wie die asiatische oder die afrikanische, vornehmlich muslimische Rasse. „Kulturzersetzende Rassen“ wie Juden oder Sinti und Roma seien zu vernichten einschließlich deren KulturgĂŒter, was grausam geschah.

Überwindung oder Übertreibung?

Auf die Schrecken dieser Zeit folgten die ErklĂ€rung der Allgemeinen Menschenrechte, die BĂŒrgerrechtsbewegung mit mutigen Akteuren wie Rosa Parks, die sich weigerte ein Busabteil fĂŒr Weiße in Alabama 1955 zu verlassen. Die Abschaffung der Apartheid in SĂŒdafrika gelang. Man könnte glauben, der Rassismus sei nun ĂŒberwunden, man habe die Lehren aus der Geschichte gelernt. Feindschaften und Kriege in aller Welt lassen jedoch daran deutlichen Zweifel. Betrachtet man die allein das VerhĂ€ltnis zwischen der christlich westlichen und der muslimisch östlichen Welt, so bahnt sich hier ein neuer alter „Clash of Civilisations“ an.

Menschen sind fehlerhaft, voller Vorurteile. Vielleicht können es die Maschinen besser als wir? KĂŒnstliche Intelligenzen, Algorithmen erscheinen neutral, vorurteilsfrei und verlĂ€sslich. WĂ€hrend Menschen aus Erfahrung, Kultur, Antipathie diskriminieren, betreiben Algorithmen basierte Entscheidungssysteme Hyperdiskriminierung bzw. racial profiling. Beispielsweise werden am Flughafen Ben Gurion in Israel Menschen mit arabischen Aussehen oder Namen hĂ€ufiger kontrolliert als solche mit europĂ€ischen Erscheinungsbild und Auftreten. Die amerikanische Justiz verwendet bereits Algorithmen um ĂŒber Rehabilitation von StraftĂ€tern zu entscheiden. Anhand von 21 Kategorien wird das RĂŒckfallrisiko geprĂŒft, wobei Schwarze doppelt so hĂ€ufig als Weiße mit hoher RĂŒckfallprognose eingestuft werden. Algorithmen berechnen Wahrscheinlichkeiten und ĂŒbertreiben Rassismus anstatt diesen zu ĂŒberwinden.

Betrachtet man die Debatten etwa um ein „TĂŒrkengen“ oder „Schwabengen“ nach Thilo Sarrazin, so gewinnt die Diskussion um verschiedene genetische PrĂ€gungen neuen Aufwind. Der US-Psychologe Charles Murray meinte in „Die Glockenkurve“ die genetische PrĂ€disposition fĂŒr Intelligenz gefunden zu haben. Demnach schnitten Afroamerikaner in Intelligenztests schlechter ab als Weiße. Jedoch ist dieses Werk aufgrund unklarer Definitionen sowie fehlenden Bezug zu den Umweltbedingungen der einzelnen Probanden sehr umstritten. Dennoch gelang es dem Biologen Anthony Edward nachzuweisen, dass sich Menschen durchaus in genetische Gruppen ordnen lassen können. Hierzu gehören genetische Veranlagungen wie etwa LaktoseunvertrĂ€glichkeit oder das Gen zum Genuss von Alkohol. Allerding bestĂ€tigt dies nicht das Konzept „Rasse“. Neben geographischen Merkmalen könnten andere Kategorien wie etwa die Veranlagung roter Haarfarbe ein gemeinsames Merkmal sein.

Anpassen und Zusammenpassen

„Alle Menschen sind gleich.“ Es ist gut, dass diesem nicht so ist. Die Verschiedenheit der Menschen in Aussehen, Verhalten, Traditionen und Kulturen ist Grundlage fĂŒr deren Erfolg. Von den unwirtlichsten Bedingungen am Nordpol bis zum Großstadtdschungel von New York hat es der Mensch geschafft sich den unterschiedlichsten Bedingungen anzupassen und zu bestehen. Dies alles ist Zeugnis des Erfindergeistes der Menschheit („human race). KĂŒrzlich gelang es New Yorker Forschern den grĂ¶ĂŸten Stammbaum der Welt mit 13 Millionen Personen zu erstellen. Hier werden die unterschiedlichsten VerwandtschaftsverhĂ€ltnisse deutlich, oder wie es der Biologe und Autor der UNESCO ErklĂ€rung von Stadtschlaining Dr. Horst Seidler formuliert: „Was uns eint, sind die Gene – was uns trennt, sind die Vorurteile.“

Als Carl von LinnĂ© 1735 die Gattung homo in seinem Werk „Systema Naturae“ beschrieb, so notierte er: „Nocte te ipsum- Erkenne dich selbst!“. Der Naturforscher ging davon aus, dass jeder Mensch ein VerstĂ€ndnis davon habe, was ein Mensch sei und diesen einzigartig ausmache. Biologen versuchten den Menschen wie Tiere zu ordnen, Maschinen versuchen Menschen nach deren Herkunft in bestimmte Profile zu ordnen, ihnen bestimmte Eigenschaften zuzuschreiben. „Ihr seid keine Roboter, ihr seid keine Tiere, ihr seid Menschen!“, mahnt Charlie Chaplin an.

Es gibt nur eine Menschheit („human race), Rassismus ist nicht natĂŒrlich, sondern ein Hirngespinst, ihre Überwindung aber mehr als nur ein Traum. Rassismus entsteht im Kopf, wie die berĂŒhmte Rede von Martin Luther King unter die Haut geht:

„Mir ist es egal, ob du schwarz, weiß, hetero, bisexuell, schwul, lesbisch, klein, groß, dick, dĂŒnn, reich oder arm bist. Wenn du nett zu mir bist, bin ich nett zu dir. So einfach ist das,“

erklÀrt es der amerikanische Rapper Eminem noch einmal wie wir uns verhalten sollen.

Leider prĂ€gen immer noch Vorurteile das Bild von einander. Rassismus ist keine Frage von Ethnie, die Überwindung des Rassismus das ist eine Frage wie wir mit anderen einander umgehen. Viele Konflikte prĂ€gen unser Miteinander in einer globalen Welt. Wir haben es als Menschen gelernt uns an die verschiedensten Lebensbedingungen anzupassen. Vielleicht gelingt es ja auch, sich einander anzupassen, festzustellen, dass wir doch zusammenpassen.


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Über den Autor

Stephan Raab interessiert sich fĂŒr Warum und die Welt: Seit 2014 gehe ich fĂŒr backview.eu scheinbar alltĂ€glichen Dingen auf den Grund, betrachte warum manches so ist wie es ist. Wenn ich nicht gerade an einer neuen Idee fĂŒr einen Artikel sitze, beschĂ€ftige ich mich gerne mit Fotographie oder Fremdsprachen oder widme mich meinen Politikstudium.

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