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Mensch, Duisburg

Ein Kommentar zum Fußball-Wahn in Duisburg

Was fĂŒr ein Spiel! Was fĂŒr zwei Tore! Und ein gehaltener Elfmeter, und das gegen Brasilien! Rekorde ĂŒber Rekorde! Deutschland ist Fußball-Weltmeister!!! NatĂŒrlich springen mein Freund und ich vor Freude im Viereck, jubeln, holen die WM-Fahnen von letztem Jahr aus dem Schrank, ziehen uns die Trikots der Nationalmannschaft ĂŒber und springen ins Auto. Klar, Autokorso zum MSV-Stadion!!

Wir jubeln, hupen bis der Arzt kommt, schwenken die Fahnen, brĂŒllen „Oh-ne ein ein-zi-ges Ge-gen-tor!“ und lassen uns von den Sportfreunden Stiller dabei musikalisch unterstĂŒtzen! 2:0, oleoleole…yippihyayeh!Erst macht es uns gar nicht stutzig, dann aber beginnt es uns zu dĂ€mmern. Wir sind verdammt noch mal die einzigen, die allereinzigen, die den verteidigten Weltmeistertitel der deutschen Fußballfrauen gerade feiern.

In den Straßen rund um das MSV-Stadion – gĂ€hnende Leere. Nur ein Flohmarkt auf dem Stadion-Parkplatz zieht die Menschen an. Die interessieren sich aber eher fĂŒr ihre SchnĂ€ppchen als fĂŒr Fußball. Grölend schwenken mein Freund und ich unsere Fahnen, recken die FĂ€uste in die Höhe. Und ernten mal wohlwollende, mal missbilligende, aber meistens verstĂ€ndnislose Blicke. An einer roten Ampel spricht uns eine Horde Jugendlicher an: „Ey Alter, was is‘ los? Is Tischtennis-WM oder was?“ Ich bin so fassungslos, mir fehlen die Worte.

Nur weiter, Richtung Innenstadt, da muss doch was los sein! Der Radio-Moderator von WDR 2 spricht mir indessen aus der Seele. „Ich hab das Fenster auf, aber ich hör noch nichts. Wo bleiben die Hupen?“ – „Hiieer, hiieer!“ schreien wir. Schade, dass der WDR in Köln sitzt.

Wir geben Gas. Auf der Koloniestraße Richtung Innenstadt brĂŒllen wir jedem FußgĂ€nger, den wir sichten, „Wir sind WÄLTMEISTÄÄÄRR!!“ entgegen, und zwei alte Omas jubeln zurĂŒck und zeigen uns das Victory-Zeichen: „Zwei Tore, jaaa!“

Unsere Hoffnung steigt. In der Stadt, da muss doch was los sein, wo ist denn nun die angekĂŒndigte Fan-Party? Wieder stehen wir vor der roten Ampel. Da geschieht das Unglaubliche: Ein schwarzer Van fĂ€hrt vorbei, und hinten an der Heckscheibe flattert etwas schĂŒchtern: Ein Deutschland-FĂ€hnchen! Wir hupen, schreien, und tatsĂ€chlich – der Wagen sieht uns, dreht und hĂ€lt rechts an, damit wir ihn ĂŒberholen können. Ein Familienvater und seine fußballbegeisterte Tochter strahlen uns an. Wir freuen uns alle so, als ob wir gerade auf einer einsamen Insel endlich das lang ersehnte Rettungsschiff erblickt hĂ€tten.

Komplizen sind wir, nicht mehr lĂ€nger allein in unserem Freudentaumel, zwei Autos machen fast schon einen Korso! Spontan rufen wir einen Kumpel an, klingeln ihn aus dem Bett und stehen zwei Minuten spĂ€ter vor seiner TĂŒr. Er springt noch etwas verschlafen ins Auto („Mensch Markus, es ist halb fĂŒnf“) und wir fahren wieder los. Immerhin ist Markus so fit, dass er die zweite Fahne aus dem Fenster halten kann. Vater und Tochter immer dicht hinter uns. Extra aus Meiderich sind sie nach Wedau gefahren, genauso wie wir der festen Überzeugung, hier gehe die Luzi ab.

In der Innenstadt herrscht indes noch gÀhnendere Leere als am Stadion.

So langsam werden Hupen und Kehlen heiser. Unsere Komplizen im schwarzen Van signalisieren uns ihre Kapitulation vor der Duisburger Ignoranz und biegen an der nĂ€chsten Ampel rechts ab. Zum FCR, dem Verein, bei dem allein vier Nationalspieler unter Vertrag sind, fahren wir nicht mehr, stattdessen entscheiden wir uns fĂŒr ein Bierchen im „Steinbruch“. Erschöpft lassen wir uns auf die BĂ€nke fallen, die große Fahne, das schwarz-rot-goldene Vereinsemblem, als Tischdecke unter uns ausgebreitet. Von drinnen dröhnt uns Jubelgeschrei entgegen, ein Fernsehmoderator ĂŒberschlĂ€gt sich fast: „Toor!“

Wir blicken auf: Ist die lang gesuchte Fan-Party etwa hier? Doch die Kellnerin klĂ€rt uns auf: „HÀÀh? Wie, Frauenfußball? Wusste gar nicht, dass es da ne WM gibt. Nee, da spielt doch grade der MSV gegen Hannover!“.

Mensch, Duisburg. Selber schuld.
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