Grandioser Schlagabtausch

Der Vorsatz war so gut: Ganz erwachsen wollen die Eltern die Tat der Kinder besprechen. Der eine Sohn hat dem anderen zwei Zähne ausgeschlagen, bewaffnet mit einem Stock. Oder besser ausgestattet mit einem Stock? Kleine Worte können einen Streit auslösen, und irgendwann nimmt keiner mehr ein Blatt vor den Mund.


Kleine Äußerungen, Sticheleien und Kommentare sorgen dafür, dass die Fassade des aufgeklärten, weltoffenen Bürgers bald fällt. Die Wortschlacht kann beginnen.

Rasmina Reza, eine der bekanntesten französischen Schriftstellerinnen, ist die Autorin der Vorlage „Der Gott des Gemetzels“. Das Stück kam 2006 auf die deutschen Bühnen und wurde innerhalb kürzester Zeit zu einem der erfolgreichsten Theaterstücke der letzten Jahrzehnte. Daher war eine Verfilmung der Komödie fast obligatorisch. Erstaunlich jedoch ist, wie hochkarätig verfilmt wurde: Die Regie übernahm Roman Polanski, in den Hauptrollen sind Kate Winslet, Jodie Foster, Christoph Waltz und John C. Reilly zu sehen.

Jodie Foster spielt die Weltverbesserin Penelope Longstreet, streng und hager, die die Gäste mit einer aufgesetzten Maske des Lächelns empfängt. Ihrem Sohn sind zwei Zähne ausgeschlagen worden und sie ist bereit, zu kämpfen, um dieses Unrecht wieder gut zu machen. John C. Reilly spielt ihren Ehemann, Michael Longstreet, so durchschnittlich wie sein Vorname, Eisenwarenhändler. Er ist der Stoßdämpfer zwischen den Kanten der Figuren und versucht vergeblich, Harmonie zu bewahren. Und hätte er nicht den Hamster der Tochter heimlich auf der Straße ausgesetzt, wäre der Film nach zwanzig Minuten vorbei.

Nancy Cowan (Kate Winslet) ist eine andere Art von Frau: weniger hektisch, eine sinnliche Verführerin. Oder doch die genervte Ehefrau, die am liebsten das ewig klingelnde Handy ihres Mannes zerstören würde? Christoph Waltz spielt schließlich den charismatischen und zynischen Alan Cowan, dessen Jugendidol John Wayne auch im Erwachsenen noch gut erkennbar ist. Ganz der harte Kerl zeigt er keinerlei Respekt vor den Gastgebern und telefoniert laut mit der Pharmafirma, dessen Anwalt er ist.

Das kammerspielartige Stück hätte leicht zu einem bloßen Wortgefecht reduziert werden können, doch Roman Polanski beweist auch hier Gespür für die große Leinwand. Mal schaut die Kamera aus der Froschperspektive von schräg unten auf die Personen und verleiht selbst diesen so „normalen“ Menschen einen bedrohlichen Touch. Dann wieder werden Portraits im starken Weitwinkel gezeigt, was die Gesichter dezent verzerrt und zum allgemeinen „irgendetwas stimmt hier nicht“- Gefühl beiträgt.

„Der Gott des Gemetzels“ ist ein Fest, ein grandioser Schlagabtausch. Er erlaubt den Blick hinter die Fassade und entlarvt Erwachsene, die sich kein bisschen verändert haben und sich wie ihre Kinder die Schaufel um die Ohren hauen. Eine böse und brüllkomische Komödie.

Bewertung: 4 von 5 Sternen

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(Text: Anna Franz / Zeichnungen Christina Koormann)

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