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„Freund statt fremd“ – ein Besuch im Asylantenwohnheim

Reportage aus einem Flüchtlingswohnheim im fränkischen Roßdach

Zum Himmel hoch jauchzend bis zu Tode betrübt: so fühlt sich ein Besuch im Flüchtlingswohnheim an. Einerseits erlebt man Erfolgsgeschichten voll strahlender Augen und glücklichen Gesichtern. Auf der anderen Seite muss tiefster Schmerz, bitterste Enttäuschung und große Angst erduldet werden.

Die Deutschlehrerin Lucia bereitet mich bereits im Vorfeld über den psychischen Zustand vieler Flüchtlinge vor: „Einige sind hochmotiviert und begeistert, sich so schnell wie möglich in die deutsche Gesellschaft zu integrieren. Andere sind stark resigniert und in sich gekehrt. Meist verursacht durch die schlimmen Erlebnisse in ihrem Heimatland oder auf der Flucht, aber auch durch das langwierige und nervenzerrende Asylverfahren in Deutschland“. Lucia arbeitet ehrenamtlich für die im Jahre 2010 gegründete Initiative „Freund statt fremd“ und betreut Asylsuchende in der Region Oberfranken.

Flüchtlinge in Deutschland - "Freund statt fremd"

Mit ihr und einer weiteren ehrenamtlichen Helferin fahre ich zu einem abgelegenen Gutsgasthof in grüner Idylle. Das ehemalige Gasthaus liegt weit abgeschieden in der blühenden fränkischen Hügellandschaft. Es ist kein Nachbarhaus, kein Kino oder gar eine Bar in Sicht. Der nächste Bus würde erst wieder am Abend zurück in eine größere Stadt fahren. Die Grillen zirpen und der Duft von Gras steigt einem in die Nase.

Der Schein trügt!

Das Gebäude der Flüchtlingsunterkunft sieht von außen gepflegt aus. Es wirkt beinahe schon heimelig mit seinen niedrigen Dachgiebeln und den gefegten Hof. Als wir jedoch die von insgesamt fünfzig Asylsuchenden bewohnte Unterkunft von innen betreten, ändert sich dieses Bild rasch.
Die Wände sind stark verschmutzt und die Gemeinschaftsunterkünfte nur mit dem Allernötigsten ausgestattet. So ist das wenige Mobiliar entweder zu alt oder zu kaputt, um es noch ordentlich verwenden zu können. Die Küche ist ebenso mit mangelhaften Gegenständen ausgestattet, nämlich mit einem alten Herd und einem schäbigen Waschbecken.

Der einzige Luxus, den diese Behausung bieten kann, sind die Einzelbäder, die in jedem Zimmer integriert sind. Die ehemaligen Hotelzimmer werden von jeweils zwei Asylsuchenden bewohnt. Oft teilen sich zwei Bewohner ein Doppelbett, die sich weder kennen, noch Religion oder Kultur gemeinsam haben. Dies kann häufig zu Konflikten führen, zum Beispiel im muslimischen Fastenmonat Ramadan. Zum einem ist der nicht muslimische Mitbewohner über schlaflose Nächte und frühes Aufwecken verärgert, weil der Gläubige betet und es ihm laut dem Koran erlaubt ist, nur nach Einbruch der Dunkelheit zu essen. Zum anderen wird dem Fastenden die Ausübung seiner Religion erschwert, da er auf die Belange der anderen Bewohner stark Rücksicht nehmen muss.

Auf und Ab der Gefühle

„Manchmal fällt im Winter die Heizung aus“, berichtet mir Lucia, während wir die Treppen in den dritten Stock hinaufsteigen, „zweimal ist dies sogar am Wochenende passiert. Dann müssen die Bewohner bis Montag warten. Erst dann kann die Heizung repariert werden“.

Als wir oben ankommen, begrüßt uns ein freudestrahlender dunkelhäutiger Mann. Mohamed (Name von der Redaktion geändert) kann gut lachen. Schließlich wurde ihm vor wenigen Wochen die Aufenthaltsgenehmigung zugestellt. Er wird Bayern bald verlassen und sein Glück in Dortmund versuchen.
Anders sieht es für das Ehepaar Fatima und Achmed (Name von der Redaktion geändert) aus. Sie erhielten letzte Woche ihren Abschiebebescheid. Fatima möchte um ihr Recht kämpfen. Aber schnell wird klar, dass es eigentlich keine Chance für sie gibt. Ein Gerichtsverfahren würde nur unnötige Kosten verursachen und eigentlich wäre ein positives Urteil nur dann zu erwarten, wenn die Ausreise wegen einer Krankheit nicht möglich wäre. Reisen sie jedoch freiwillig in ihr Ursprungsland zurück, können sie es ein weiteres Mal als Asylbewerber in Deutschland versuchen.

Flüchtlinge in Deutschland - "Freund statt fremd"

Zurück nach Polen!?

Die Mitarbeiterinnen von „Freund statt fremd“ erklären mir, dass Fatima und Achmed deshalb abgeschoben werden, weil sie keine stichhaltigen Beweise ihrer Verfolgung und ihrer Todesangst aus ihrem Ursprungsland erbringen können. Dies ist allerdings auch bei anderen Asylanten ein Problem, denn ein Mensch auf der Flucht, denkt nicht daran, Papiere mitzunehmen und Fotos von seinen Verfolgern zu schießen.

Trotz der aufgeregten Atmosphäre wird uns von den Bewohnern ein Platz und Kaffee angeboten. Es wird über Sorgen debattiert und Fotos von der im Heimatland zurückgelassenen Familie gezeigt. Immer wieder springen Fatima und Achmed auf. Sie sind aufgebracht. Trotz Beschwichtigungsversuchen seitens der ehrenamtlichen Helferinnen haben sie große Angst nach Polen abgeschoben zu werden. Dies wäre nach dem sogenannten Dublinverfahren rechtlich möglich, wenn Polen das Einreiseland gewesen wäre. Alle Flüchtlinge schütteln den Kopf, legen den Finger an die Lippen und sagen: „Nicht Polen, nicht Polen“. Die Angst ist förmlich zu spüren. Die Ehrenamtlichen wissen nicht, was genau in Polen mit abgeschobenen Flüchtlingen geschieht.

Deutsch lernen!?

Dann beginnt der Deutschunterricht. Es werden Stühle gerückt und ein Kreis gebildet. „Eines der größten Probleme ist es, dass es so viele unterschiedliche Lernniveaus gibt“, berichtet mir Lucia. Während einige Flüchtlinge gutes Deutsch sprechen, sind andere Analphabeten.
Der Deutschkurs mit ungefähr sechs Schülern findet ohne größere Hilfsmittel statt. Lucia zeichnet Figuren auf ein Blatt Papier, wie zum Beispiel ein Bett oder ein Herd und lässt ihre Schüler einen einfachen Satz bilden. Erstaunlicherweise ist die Verständigung untereinander sehr gut. Denn Lucia spricht langsam, nutzt viel Gestik und Bilder zur Erklärung der Begriffe.

Eigentlich wirken die Schüler entspannt und aufmerksam. Aber Lucia berichtet, dass dies nicht immer so ist. „Mein schlimmstes Erlebnis war definitiv, als ich die Begriffe der Familie durchgenommen habe“, erzählt die eigentlich immer lächelnde Frau ernst. „Jeder sollte mir von seinen Geschwistern und Eltern berichten, was eigentlich alle gemacht haben. Außer einer, der nur auf den Boden blickte und schwieg. Ich fragte ihn nochmals. Dann blickte er mich ernst an und sagte: Familie, Geschwister: buff buff buff. Seine sieben Geschwister wurden im Krieg vor seinen Augen ermordet“.

Die Initiative „Freund statt fremd“ versucht mit dem Sprachkurs eine erste Integration der Asylsuchenden in Deutschland zu ermöglichen. Dies geschieht auf ehrenamtlicher Basis. Derzeit bezahlt die Bundesrepublik einen Kurs erst nach neunmonatigem Aufenthalt. Die Kommunikation mit dem Amt verläuft allerdings ausschließlich auf Deutsch. Auch hier interveniert „Freund statt Fremd“ und leistet unbezahlte Dolmetscherarbeit.

Der schwierige Draht zu Deutschen

„Wann kommt ihr wieder?“ wollen alle Flüchtlinge nach dem Unterricht wissen. Die Deutschstunde ist nämlich nicht nur willkommene Abwechslung im tristen Alltag des Bangens, sondern stellt auch den einzigen Kontakt zur deutschen Bevölkerung dar.

Als ich Lucia zum Abschied frage, was sie an der Asylgesetzgebung ändern würde, antwortet sie direkt: „Ich würde mir wünschen, dass nicht nur die Politik sich dem Thema Flüchtlinge öffnet, sondern auch die einheimische Bevölkerung verständnisvoller und offener mit fremden Kulturen umgeht“.

 

(Text & Fotos: Magdalena Braun)
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