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„Du studierst doch Germanistik, du musst das doch wissen..“

Über das schwere Los der Linguisten

Manch einer streift, sobald er von Uni oder Arbeit nach Hause kommt, sofort die Jeans ab und wirft sich in die bequeme Jogginghose, um sich in dieser aufs Sofa zu pflanzen. Wie schön wäre es, wenn das auch mit Grammatik und Rechtschreibung möglich wäre.

Emails, SMS und Facebookkommentare – private schriftliche Kommunikation hat heute viele und vor allem schnellere Wege als noch vor vielen Jahren. Wenn wir heute Briefe, Postkarten oder Grußkarten schreiben, wählen wir unsere Worte mit Bedacht, überlegen uns vorher, was wir schreiben und verfassen unsere Worte aufmerksam.

Das ist bei alltäglicher Kommunikation nicht immer der Fall. Da wird die SMS schnell an der Bushaltestelle geschrieben oder die Email in der Hast hinuntergetippt. Die Tastatur macht dabei nicht immer, was man selbst will und so bildet sich nicht selten Wortsalat. „Bin abreiten“ statt „bin arbeiten“ ist dabei noch ein humorvoller Verschreiber, der zwar nicht unkommentiert bleibt, aber die Umwelt eher belustigt als zu hämischen Kommentaren hinreißt.

Nicht nur solche Fehler fallen einem Germanisten ins Auge.“Ich bin gerade abreiten!”
Nicht so offensichtliche Flüchtigkeitsfehler und Verschreiber, die zwar das Wort verunstalten, aber dennoch Leserlichkeit gewährleisten. Als Germanistin kann ich aus tiefstem Herzen sagen: Es nervt! Wir Germanisten dürfen auch Fehler machen. Und wir wissen auch (meistens) und erkennen sehr oft selbst, dass es eigentlich anders geht.

Von der Möglichkeit, Germanisten auf Rechtschreibfehler und Grammatikfehler hinzuweisen, machen übrigens nicht bloß Freunde und Bekannte Gebrauch. Selbst von meinen eigenen Eltern musste ich mir schon Sätze wie „Sag mal, Frau Germanistikstudentin, kannst Du auch einen Satz ohne Fehler schreiben?“ anhören.

Habe immer einen Germanisten in deiner Nähe
Außerdem sind Germanisten automatisch als wandelnde Wörterbücher verschrien. Wenn es um Ausdrücke und Formulierungen, Rechtschreibung und Grammatik geht, sind wir die erste Adresse. Sätze wie „Kann man das so schreiben?“, „Wird das eigentlich zusammen oder getrennt geschrieben?“ und die Frage, ob bei dem Haus von Lukas ein Genitivapostroph gesetzt wird, beschäftigen Freunde, Kommilitonen und Kollegen im Büro.

Ich bin ein ungeheuer hilfsbereites Individuum und nutze diese Möglichkeiten auch gerne, um mein eigenes Wissen zu überprüfen. Doch wie gehe ich vor? Nachschlagen. Heutzutage weniger in der Papierform, sondern eher online, aber das Resultat ist dasselbe: Ich bekomme eine Antwort. Diese Möglichkeit scheint für die Mitmenschen, die einen Germanisten im Umfeld haben, oftmals zu anstrengend. Lieber den oder die direkt fragen. Und mein allerliebster Lieblingssatz lautet dann bei einer für den Fragensteller unbefriedigenden Antwort: „Wieso weißt du das denn nicht? Du bist doch Germanist!“

Wir Germanisten reißen uns auch zusammen!
Nein, dieses andauernde Hinweisen auf Unzulänglichkeiten, die offensichtlich durch die Studienfach- und Berufswahl unentschuldbar sind, haben wir Germanisten nicht verdient. Auch, wenn ich zugeben muss, das uns auch eine unangenehme Eigenschaft eigen ist. Die meisten von uns erkennen jeden kleinsten Fehler in Texten und wir können nur mit Mühe dem Drang widerstehen, auf diese hinzuweisen.

Ja, liebe Mitmenschen, wir wissen, dass wir uns damit unbeliebt machen. Nichts ist so unliebsam und unsexy wie andere Menschen auf soeben gemachte Grammatikfehler hinzuweisen. Wir glauben euch, dass ihr wisst, dass es das „einzigste“ nicht gib oder, dass ihr lieber „machen“ als „tun“ wollt und, dass der Komparativ „als wie“ höchstens bei Heidi Klum erlaubt ist – weil da eh nichts mehr zu retten ist.

Aber wir können nun einmal nicht anders. Der Ornithologe belästigt seine Mitmenschen auch mit der Info, welcher Vogel dort gerade trällert und der Kunsthistoriker ist nicht verlegen darum, zu erklären, dass die Kunstwerke dieses Newcomers auffallend kubistische Züge aufweisen. So ist das nun mal, wir können da nicht aus unserer Haut. Wir können lediglich davon absehen, euch jedes Mal auf grammatikalische Unzulänglichkeiten hinzuweisen – erwarten dafür aber im Gegenzug auch eure Rechtschreibtoleranz. In diesem Falle machen… äh tun wir das natürlich gerne.

Weitere Artikel zum Titelthema KOMMUNIKATION:
Über die Veränderung unserer täglichen Kommunikation durch das Internet
Kommentar zur niedrigen Toleranzschwäche von Germanisten
Sinn und Unsinn von Mitleidsbekundungen auf Facebook
Ein Blick auf die Jugendsprache.

(Text und Fotos: Julia Radgen)

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Kommentare (1)

  • Melanie

    Klasse! Der Artikel hat meine Situation erfasst! Die Menschen in meinem Umfeld glauben leider immer noch, dass Germanisten im Studium lediglich Literatur lesen, ein paar Aufsätze verfassen und dabei nebenbei die Rechtschreibung schulen. Von recht anspruchsvollen und komplexen Gebieten der Sprachwissenschaft beispielsweise haben Außenstehende keine Ahnung/ kein Verständnis. So erfährt man bei alltäglichen Schreibfehlern zwar große Häme, jedoch für wirkliches Fachwissen wenig Anerkennung.

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Über den Autor

Julia Radgen
Ressortleiterin Gesellschaft

Julia Radgen lebt in Mainz und schreibt am liebsten über Kultur- und Gesellschaftsthemen - und interessante Menschen. Sie ist Social Media-süchtig und verzichtet nur freiwillig auf Internet und Handy, wenn sie zu einem Festival fährt. Wenn sie groß ist, will Julia mal Journalistin werden.

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