Packende Geschichtsaufarbeitung

„Eine offene Rechnung” überzeugt mit allem, was einen gelungenen Film ausmacht: einem tollen Drehbuch, überzeugenden Schauspielern, einem geschichtlichen Hintergrund und filmischen Können. Lediglich an Action mangelt es dem Film an machen Stellen.


Auf zwei Zeitebenen wird die Geschichte der Agentin Rachel (Helen Mirren) erzählt, einer Heldin des israelischen Mossad-Geheimdienstes. Voller Stolz veröffentlicht deren Tochter ihr erstes Buch, das vom Leben ihrer Mutter handelt. Mit zwei Teamkollegen stellte Rachel vor vielen Jahren den berüchtigten Nazi-Verbrecher „Chirurg von Birkenau”.

Der Film zeigt rückblickend das Jahr 1966, als die drei jungen Agenten ihre Mission beginnen. In Ostdeutschland spüren sie den KZ-Verbrecher auf, der inzwischen als Frauenarzt arbeitet. Sie sollen ihn nach Israel bringen, wo ihm der Prozess gemacht werden kann, damit „die Welt sieht, was er getan hat”. Es gelingt, ihn gefangen zu nehmen, doch die Agenten scheitern an der innerdeutschen Grenze.

Die Gruppe sitzt in Ostdeutschland fest. Auf kleinem Raum in dieser ausweglosen Situation entstehen immer größere Spannungen zwischen den Agenten. Und der „Chirurg von Birkenau” tut sein Bestes, um diese Spannungen noch zu schüren.

Die Mission nimmt einen ganz anderen Verlauf, als Rachels Tochter es dreißig Jahre später in dem Buch als „heldenhaft” schildert. Eingeholt von der eigenen Vergangenheit muss ihre Mutter die offene Rechnung in ihrem Leben begleichen.

Die Differenzen innerhalb der Gruppe gehören zu den stärksten Stellen des Films. Sie wirken authentisch und lassen den Zuschauer fröstelnd zurück. Die subtile Manipulation durch den stets gefassten und kühlen „Chirurg” sorgt für Psycho-Thrill.

Und doch kommen Freunde des „typischen” Agenten-Films nicht auf ihre Kosten. Zu sehr wird die Handlung in die Länge gezogen, zu selten gibt es wirklich spannende Verfolgungsjagden. Fehlplatziert wirken die gelegentlichen Stereotypen wie die Silhouetten der drei Helden, die aus dem Flugzeug ins helle Licht stolzieren. Diese Hollywood-Filmsequenz passt nicht zu dem eher nachdenklichen Ton der Geschichte.

„Pädagogisch wertvoll” darf der Film sich hingegen auf seine Fahne schreiben. Schließlich basiert er auf wahren Gegebenheiten. Auch wenn es den Schlächter von Birkenau sowie die drei Agenten Rachel, David und Stefan so nie gegeben hat, spielten sich doch ähnliche Situationen in der Nachkriegszeit ab.

Ebenso wichtig wie die politische Frage nach ausgleichender Gerechtigkeit für das jüdische Volk nimmt der Film eine persönliche Frage unter die Lupe: Kann ein Mensch mit einer Lüge leben? Oder wird er immer danach streben, dass die Wahrheit ans Licht kommt, selbst wenn er damit anderen Menschen schadet?

Subtiler Psycho-Thrill vor historischem Hintergrund, allerdings mit Längen. Jesper Christensen spielt sehr überzeugend den stets ruhigen und unsagbar fiesen „Chirurg von Birkenau” – die drei Agenten bleiben ihm gegenüber eher blass. Da hilft auch Helen Mirren als alternde Rachel nicht.

Bewertung: 3 von 5 Sternen

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(Text: Anna Franz / Zeichnungen: Christina Koormann)

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