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Ein ungleicher Kampf um die Krone

Wird Stefan Bradl doch noch Motorrad-Weltmeister?

18 Jahre ist der letzte Weltmeisterschaftsgewinn eines deutschen Motorrad-Rennfahrers her. Es folgte eine Zeit der Tristesse. Kein potenzieller WM-Siegeskandidat in Sicht – bis diese Saison der Stern von Stefan Bradl aufging. Er fĂŒhrte lange die Weltmeisterschaft mit einem beruhigenden Vorsprung an. Seit dem letzten Rennen in Japan fĂŒhrt sein grĂ¶ĂŸter Rivale, Marc Marquez.


Eben jener Marquez hat den Vorteil, ĂŒber ein deutlich höheres Budget als der Deutsche zu verfĂŒgen. Obwohl fast alles fĂŒr den Spanier spricht, kann es bis zum Schluss ein enges Duell um die WM-Krone werden.
Es sieht jedoch nicht gut aus fĂŒr Stefan Bradl in der Moto 2-Kategorie der Motorrad-Weltmeisterschaft. Der Bayer fĂ€hrt seine siebte Saison. Die Dominanz der ersten Rennen ist lĂ€ngst verflogen. Mit einem ungefĂ€hrdeten Start-und Ziel-Sieg startete Bradl im April in Qatar in die Saison seines Lebens. Bis zum siebten Lauf im niederlĂ€ndischen Assen holte der 21-JĂ€hrige weitere Rennsiege in Estoril, Barcelona und Silverstone.

Die WM-FĂŒhrung baute er kontinuierlich aus. In Assen dann der Wendepunkt: Der Kalex-Pilot stĂŒrzte drei Runden vor Rennende. Der Spanier Marc Marquez, amtierender Weltmeister der 125ccmÂł-Klasse, siegte und rĂŒckte auf den zweiten Rang der WM-Tabelle vor.

Zwischenzeitlich 62 Punkte Vorsprung
Trotz des Fauxpas in Assen hatte Bradl beruhigende 57 Punkte Vorsprung auf Marquez, wenn man bedenkt, dass es fĂŒr einen Rennsieg wie in der Formel 1 25 Punkte gibt. Zwischenzeitlich betrug der Vorsprung auf Marquez sogar 62 Punkte, da der Spanier bei den ersten drei Rennen entweder ausschied oder nicht die PunkterĂ€nge erreichte. Seit Assen ist Marquez fĂŒr Bradl wie ein stĂ€ndig nĂ€her rĂŒckender Schatten. Ein Rivale, den der Bayer auf der Strecke seitdem nicht mehr schlagen konnte. Das Ausnahmetalent aus Spanien ist Bradls einzig verbliebener WM-Gegner. Rechnerisch hat kein anderer Fahrer mehr die Chance auf den Gewinn der zweithöchsten Klasse der Motorrad-WM.
Die Form des Spaniers zeigt stetig nach oben, wÀhrend Bradls bergab geht. Seit acht Rennen ist der Bayer sieglos, hat weiter vier Siege auf seinem Konto, wÀhrend Marquez acht Mal ganz oben auf dem Treppchen stand.

Marquez neuer GesamtfĂŒhrender
Seit dem letzten Rennen im japanischen Motegi zog Marquez mit einem zweiten Platz an Bradl in der Gesamtwertung vorbei, der Platz vier belegte. Der Spanier hat einen Punkt Vorsprung auf den Deutschen. Drei Rennen stehen noch aus. Der nĂ€chste Grand Prix findet auf Phillip Island in Australien statt. Eines von Bradls Lieblingsrennen. Trotzdem spricht momentan alles fĂŒr Marc Marquez.

FĂŒr den grĂ¶ĂŸten Vorteil gegenĂŒber Bradl kann Marquez nichts. Es ist sein Heimatland. In Spanien wird Motorrad gelebt. Der Zweiradsport ist einer der Beliebtesten des Landes. Zu den Heimrennen pilgern tausende von fanatischen Fans an die Strecken. Bestes Beispiel ist der Lauf im Mekka des Motorrad-Rennsports in Jerez, der jĂ€hrlich ĂŒber 200.000 Zuschauer am Rennwochenende anlockt.
Abgesehen davon stellt das Land die meisten Fahrer in den drei Klassen der Motorrad-Weltmeisterschaft. In der Königsklasse Moto GP sind es alleine fĂŒnf Fahrer – bei einem Starterfeld von 17 Piloten. Der amtierende Weltmeister der Klasse ist Jorge Lorenzo, auch ein Spanier. Außerdem gastiert der Rennzirkus auf vier spanischen Strecken. Das liegt insbesondere daran, dass der Vermarkter der WM, die Dorna, ihren Sitz auf der iberischen Halbinsel hat.

Potenzieller Nachfolger von Rossi

Vor allem fĂŒr spanische Sponsoren ist die Motorrad-WM reizvoll. Und das spielt Marquez in die Karten. Er wird in der Szene als neuer Valentino Rossi gehandelt. Der Italiener ist neunfacher Weltmeister und fĂŒr viele Experten der beste Motorradfahrer aller Zeiten. „Der Doktor“ ist der mit Abstand beliebteste Pilot bei den Fans auf der ganzen Welt und das AushĂ€ngeschild seiner Sportart.
Um in Rossis Fußstapfen treten zu können, wird in Spanien alles unternommen, um Marquez optimal auf seinen Weg in die Moto GP zu unterstĂŒtzen. Der Hauptsponsor seines Teams ist der spanische Ölkonzern Repsol. Das Unternehmen finanziert seit Jahren das Honda-Werksteam in der Moto GP, fĂŒr das der derzeit WM-FĂŒhrende Australier Casey Stoner sowie Marquez Landsmann und dreifache Weltmeister Dani Pedrosa fahren.

Marquez findet in seiner Moto 2-Mannschaft die besten Voraussetzungen vor. Um sich optimal auf die ausstehenden Saisonrennen vorzubereiten, war der erst 18-JĂ€hrige Mitte September drei Tage lang in Valencia testen, wĂ€hrend Stefan Bradl zum Zuschauen verdammt war. Seinem deutschen Team Viessmann Kiefer Racing fehlt dafĂŒr das nötige Geld. Bradls Teamchef Jochen Kiefer ist der Meinung, dass seine Truppe nicht einmal ĂŒber die HĂ€lfte des Budgets verfĂŒgt, was Marc Marquez und seine Mannschaft besitzen.
Wegen dieser gravierenden Unterschiede ĂŒberlegt Bradl, nĂ€chstes Jahr in einem anderen Moto 2-Team zu fahren. Der Bayer erwartet bei einer Vertragsunterschrift von seinem aktuellen Arbeitgeber mehr ProfessionalitĂ€t in vielen Bereichen wie der Planung von Testfahrten und Reisen.

Bradls Moto GP-Traum zerplatzt
Das Problem der Finanzierung hat vor ein paar Wochen Bradls großen Traum zerstört. Er wollte ursprĂŒnglich mit seinem Viessmann Kiefer Racing-Team in die Moto GP aufsteigen. Eine Honda wurde bereits reserviert. Das Unternehmen Viessmann ließ den sicher geglaubten Aufstieg des grĂ¶ĂŸten deutschen Motorrad-Talents der letzten Jahre aufgrund der zu hohen Kosten urplötzlich platzen. Ein neuer Hauptsponsor ist nicht in Sicht. Bradl muss in der nĂ€chsten Saison weiter mit der Moto 2-WM vorlieb nehmen, da in den meisten Moto GP-Teams die PlĂ€tze vergriffen sind oder eine Mitgift in Form von Sponsoren erwartet wird.
Bradls Problem: Er ist ein Top-Talent in einer Sportart, die in seiner Heimat kaum Beachtung findet. Nur so ist es zu erklĂ€ren, dass es nur wenige Talente in die Weltmeisterschaft schaffen. Aufgrund der zu hohen Kosten ist es fĂŒr deutsche Fahrer schwer, Top-Material zu finanzieren sowie Sponsoren zu finden. Deswegen ist Bradls Leistung in diesem Jahr nicht hoch genug einzuschĂ€tzen.

Bradl glaubt weiter an den Titel
Trotz der unterschiedlichen Voraussetzungen und dem erneuten RĂŒckschlag im Kampf um die Moto 2-Krone, glaubt der 21-JĂ€hrige weiter an seinen ersten Titel. „Ich habe zwar die WM-FĂŒhrung verloren, aber noch nicht die WM“, sagte der Bayer dem Sender Sport1 kĂ€mpferisch.
Der Bayer möchte es besser machen als sein Vater Helmut, der damals auch in der Weltmeisterschaft fuhr. Bradl junior hat sich das ehrgeizige Ziel gesetzt, einen Platz in der Endabrechnung besser zu sein als sein Vater. Der wurde 1991 in der 250ccm³-Klasse Vizeweltmeister.

(Text: Marlo Mintel)

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