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Auf der Suche nach den letzten Zeitzeugen

back view im GesprÀch mit einem WiderstandskÀmpfer im Zweiten Weltkrieg
Angesichts der Millionen Opfer, die der Zweite Weltkrieg forderte, und den unglaublichen Verbrechen des NS-Regimes fragen wir uns heute: Wie konnte so etwas geschehen? Warum hat keiner etwas getan? Aber es gab sie. Die Menschen, die nicht akzeptieren wollten, was um sie herum geschieht und deren Taten bis heute oftmals nur wenig bekannt sind.

back view begab sich auf die Suche nach den letzten Zeitzeugen und fĂŒhrte ein GesprĂ€ch mit einem deutschen WiderstandskĂ€mpfer, um zu erfahren, wer diese Menschen waren und was sie antrieb. Einer von ihnen ist Hans Heisel. Er zĂ€hlte zu Frankreichs fremden Patrioten – denn er war ein deutscher Soldat in der RĂ©sistance, der französischen Widerstandsbewegung zur Zeit des Dritten Reichs. Doch wie kam es dazu, dass ein Deutscher an der Seite des Erbfeindes gegen die eigenen LandsmĂ€nner kĂ€mpft? Ein Portrait ĂŒber die Entwicklung eines Mannes vom naiven MitlĂ€ufer bis zum ĂŒberzeugten KĂ€mpfer.

Wenn Hans Heisel ĂŒber die erlebten Jahre unter dem Hitlerregime spricht, spiegelt sich in seinen Augen eine Mischung aus Abscheu und Kampfgeist wider. Er denkt mit gespaltenen GefĂŒhlen an seine Erfahrungen im Dritten Reich zurĂŒck. „Um ehrlich zu sein, ich war nicht gerade einer dieser gebildeten Menschen. Ich absolvierte lediglich die Volksschule und meine Eltern waren einfache, arme Angestellte. Sie beeinflussten mich in politischer Sicht in keinster Weise. Wie alle anderen gehörte auch ich obligatorisch der Hitlerjugend an. Irgendwann beschloss ich aber, dass ich ein anderes Leben fĂŒhren und die Welt entdecken will.“

„Ich war so froh, in Paris zu seiwiderstandskaempfer_01n, ich stellte keine Fragen“
Dieser Wunsch ging schließlich schneller in ErfĂŒllung, als gedacht. Seine Chance, der Arbeiterstadt Leverkusen und seiner Ă€rmlichen Situation zu entkommen, bekommt er im Juni 1940. Denn mit dem Beginn des Zweiten Weltkrieges wird der siebzehnjĂ€hrige Hans Heisel als Marinesoldat nach Paris abkommandiert. Eine fĂŒr ihn zunĂ€chst Ă€ußerst glĂŒckliche Wendung. Noch heute muss der 88-JĂ€hrige schmunzeln, wenn er an diese Zeit zurĂŒckdenkt.

„Ich war ausgesprochen froh ĂŒber meine Einsatzstelle als Fernschreiber in Paris und fĂŒhlte mich wie die meisten Deutschen zunĂ€chst einmal wie Gott in Frankreich. Endlich ein eigenes Bett! Ich stellte keine Fragen nach dem Grund unserer Anwesenheit. Der Wein war gut und die MĂ€dchen waren schön“. Doch schon bald setzt auch ihm der brutale Besatzungsalltag immer mehr zu und in Hans Heisel beginnt ein langsamer Wandlungsprozess.

„Ich erkannte, dass ich ein Komplize einer staatlich organisierten Mörderbande bin“
Ausschlaggebend war letztlich die Begegnung mit einem französischen Friseur und spĂ€ter einem französischen Schneider im Jahr 1941. Diese fĂŒr Hans Heisel so liebenswĂŒrdigen Menschen stellen ihm viele Fragen. Fragen ĂŒber den Grund ihrer Anwesenheit, die Ziele der Okkupation, ĂŒber Konzentrationslagern und Deportationen.

Das zwingt den jungen Marinesoldaten zum Nachdenken und entfacht in ihm immer mehr einen inneren Gewissenskampf und prĂ€gt sein politisches Bewusstsein. „Aus heutiger Sicht mag es merkwĂŒrdig klingen, aber damals war es eine große Sache, mit einem Franzosen mehr als die nötigsten Worte zu wechseln. Ein deutscher Soldat freundet sich nicht mit dem Feind an.“

Doch diese GesprĂ€che öffnen ihm schließlich die Augen. „Ich erkannte, dass ich ein Komplize einer staatlich organisierten Mörderbande bin. Das wollte ich nicht mehr sein und so beschloss ich, mich dem Widerstand anzuschließen.“  Die beiden Franzosen stellen nun fĂŒr ihn den Kontakt zur französischen RĂ©sistance her, fĂŒr die Hans Heisel schrittweise unter dem Decknamen Albert Roche zu arbeiten beginnt.

„Aber was macht man denn eigentlich so als WiderstandskĂ€mpfer? Was genau waren Ihre Aufgaben in der RĂ©sistance?“, frage ich ihn nach dem zweiten StĂŒck Kuchen. Was wir uns heute kaum mehr vorstellen können, war fĂŒr Hans Heisel tĂ€gliche RealitĂ€t. „Prinzipiell hatten die deutschen Mitglieder der RĂ©sistance eindeutig definierte Aufgaben. Ihre Sprachkenntnisse wurden gezielt eingesetzt, vor allem zur Kontaktaufnahme zu den Landsleuten in Uniform.“

Die Überzeugung und AufklĂ€rung von deutschen Soldaten war auch die Hauptaufgabe von Hans Heisel. Er spricht mit ihnen und versucht, die Kritischen unter ihnen herauszufinden. „Das war nicht immer gerade einfach, da die meisten entweder eh ĂŒberzeugte HitleranhĂ€nger waren, oder sich nicht trauten, sich öffentlich negativ zu Ă€ußern. Schließlich konnte ich jedoch noch zwei weitere Kameraden in meiner Abteilung fĂŒr den Widerstand gewinnen und arbeitete seit diesem Zeitpunkt mit diesen zusammen.“

widerstandskaempfer_02„Ich war so ĂŒberzeugt, dass ich ohne zu zögern Risiken einging“
Ab 1943 verteilten die drei Wehrmachtssoldaten heimlich FlugblĂ€tter, die den Krieg verurteilten. Sie platzieren sie ĂŒberall dort, wo sich deutsche Soldaten aufhalten. Hans Heisel trĂ€gt immer Propagandamaterial bei sich und lĂ€uft somit stĂ€ndig Gefahr, bei Durchsuchungen aufzufallen. Teilweise geht er sogar noch weiter: „Wenn  in irgendeinem CafĂ© junge MĂ€nner regimekritisch diskutierten, steckte ich denjenigen einfach Flugblatt zu.

Dabei hĂ€tten die ja auch einfach nur Provokateure und Spitzel sein können. Zugegebenermaßen war ich damals mit meinen 20 Jahren nicht immer sonderlich klug, sondern sehr unvorsichtig. Aber ich war so ĂŒberzeugt, dass ich ohne zu zögern Risiken einging.“

Meistens hatte Hans Heisel bei seinem riskanten Spiel großes GlĂŒck – doch nicht immer. Eine weitere Taktik bestand darin, auf Toiletten von beispielsweise deutschen Restaurants kleine FlugblĂ€tter in die Klopapierrollen zu stecken. Hans Heisels Augen lachen neckisch bei dem Gedanken an diese Vorgehensweise, denn sie war clever und simpel zugleich. Doch dann wird er ernst und aufgeregt.

Noch heute steckt ihm der Schock in den Knochen: „Einmal wurde ich dabei erwischt, wie ich Propagandamaterial in die Rollen stopfte. Mein Verfolger wollte mich natĂŒrlich sofort melden. Mein Herz raste so unglaublich schnell und bevor ich ĂŒberhaupt klar denken konnte, riss ich ihm die Beweisrolle auch schon aus der Hand, richtete meine Pistole auf ihn und rannte um mein Leben. Nie wieder setze ich auch nur einen Fuß in dieses GebĂ€ude. Es gab mehrere solcher gefĂ€hrlichen Situationen. Das ich heute noch lebe, ist eigentlich nur GlĂŒckssache.“

Eine andere Aufgabe des jungen Marinesoldaten war die Beschaffung von Waffen fĂŒr die RĂ©sistance. „Einmal war beispielsweise eine Gruppe von Soldaten im Schwimmbad. Ich und mein Kollege nutzen diese Gelegenheit, schlichen uns in die Umkleidekabinen und packten mindestens ein Dutzend Pistolen ein.“
Mit Heisels Waffe wird auch 1943 der SS-Offizier Julius von Ritter, der die Zwangsarbeit von Franzosen in Deutschland organisierte und Razzien gegen die Juden in Paris durchfĂŒhrte, erschossen. Heisel leitet außerdem streng geheime Informationen, die er als Fernschreiber erhĂ€lt, an die RĂ©sistance weiter. „All diese TĂ€tigkeiten galten natĂŒrlich als Hochverrat und ich begab so ziemlich stĂ€ndig mich stĂ€ndig in Lebensgefahr. Aber ich hatte keine Angst. Dazu war keine Zeit.“

„Gebt auf, geht in Kriegsgefangenschaft, wir schenken euch Leben.“
Anfang August 1944. Kurz vor der Befreiung von Paris desertiert Hans Heisel schließlich. „Das war einer der schwersten Schritte in meinem ganzen Leben. Bisher fĂŒhrte ich ja stĂ€ndig ein Doppelleben zwischen Wehrmacht und RĂ©sistance.“
Die Befreiung um Paris und der Enthusiasmus ist fĂŒr Hans Heisel dann noch einmal eine besonders schöne, aber auch traurige Erfahrung. Noch heute macht ihm die Erinnerung an diese Tage zu schaffen. Der sonst im Verlauf des GesprĂ€ches so lebensfrohe und humorvolle Mann wird plötzlich ganz still. Bei den folgenden Erlebnissen fehlen selbst ihm die Worte, um auszudrĂŒcken, was er erlebte.
„Ich wurde ab diesem Zeitpunkt als Vermittler eingesetzt und ging mit der weißen Fahne zu den deutschen Einheiten und sagte ‘Gebt auf, geht in Kriegsgefangenschaft, wir schenken euch Leben.‘ Dabei lief ich jedes Mal Gefahr, erschossen zu werden. Ich wusste nie, ob ich gleich eine Kugel im Kopf haben wĂŒrde, wenn ich den Soldaten den RĂŒcken zukehre.“

widerstandskaempfer_03Er ging auch an die Fronten im Elsass und nach SĂŒdfrankreich, wo die Lage eigentlich schon geklĂ€rt war. Aber es hat nie funktioniert. Nur vereinzelt. „Die Nazis hatten meinen Landsleuten das Gehirn vernebelt und sie haben lieber MĂ€use und Gras in den letzten Kesseln gefressen, anstatt endlich zu kapitulieren.“ Diese Bilder belasten ihn noch heute. „Ich konnte nie verstehen, wie meine Landsleute so verbohrt sein können und in ihr Verderben rennen. Ich wollte ihnen wirklich helfen, aber keiner nahm meine Hilfe an.“

Nach dem Krieg kehrt Hans Heisel dann wieder nach Deutschland zurĂŒck. In Frankreich fĂŒr immer bleiben, war nie eine echte Option fĂŒr ihn, obwohl er das Land und seine Menschen sehr zu schĂ€tzen gelernt hatte. ZurĂŒck in seiner alten Heimat wird er allerdings bei den meisten pauschal als VaterlandsverrĂ€ter abgestempelt.

WĂ€hrend die französischen Mitglieder der RĂ©sistance in ihrem Land als Helden gefeiert werden, mĂŒssen die deutschen WiderstandskĂ€mpfer nach dem Krieg mit Hasstiraden rechnen. Außerdem fĂŒhrt Heisel die Arbeit der illegalen KPD fort, denn in seiner Zeit in der RĂ©sistance wurde er ĂŒberzeugter Kommunist. Heute lebt der 88-JĂ€hrige in Frankfurt und Main und geht ab und zu in Schulklassen, um von seinen Erfahrungen zu erzĂ€hlen.

An dieser Stelle endet auch schon unser GesprĂ€ch ĂŒber seine Vergangenheit als WiderstandskĂ€mpfer. Wir unterhalten uns noch ĂŒber alles Mögliche. Über den Kalten Krieg, ĂŒber die Politik in Deutschland und das Dasein als Rentner. Bei allen Themen wird schnell klar, dass die Kriegsjahre Hans Heisel prĂ€gten und noch immer einen großen Einfluss auf ihn haben. Dennoch ist er immer noch derselbe tolerante und weltoffene Mensch, durch den er ĂŒberhaupt zum Widerstand kam. Hans Heisel ist kein Prahler. Er sieht in dem, was er getan hat, nichts besonderes, sondern nur etwas fĂŒr ihn richtiges, das er damals tun musste.

Doch solche mutigen Menschen wie er prĂ€gen unsere Geschichte bis heute. Sie machen uns Hoffnung und dienen als Vorbilder. Denn auch wenn es nur ein kleiner Teil war, so war es dennoch nicht umsonst. Ein Mitglied der RĂ©sistance sagte einmal: „Die siegesbesoffenen deutschen Soldaten, die den Endsieg schon vor den Augen gesehen haben, mussten jedenfalls wissen, dass es selbst in dieser Situation noch Hitlergegner gibt.“

Hans Heisel ist jedenfalls durchaus ein bisschen stolz auf sich selbst und sagt entschlossen nach dem letzten Schluck Kaffee: „Wenn es eine Zeit in meinem Leben gibt, die ich nicht bereue, dann diese“.

(Text und Fotos: Julia Jung)
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Über den Autor

Stellvertretende Chefredakteurin und Ressortleiterin English

Hauptberuflich ist Julia Weltenbummlerin, nebenberuflich studiert sie Politik. Wenn sie nicht gerade durch Australien, Neuseeland, SĂŒdafrika oder Hongkong reist, schreibt sie ein paar Zeilen fĂŒr back view und das schon seit 2009.

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