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Aus Zweisamkeit wird Patchwork und Familie wird zum Co-Parenting

In den vergangenen Jahrzehnten hat sich die Familienstruktur stark ver√§ndert. Die Frau war Mutter und Hausfrau, und k√ľmmerte sich ma√ügeblich um den Zusammenhalt der kleinen Gemeinschaft. Unterst√ľtzung erfuhr sie von den Kindern, die fest in die h√§uslichen Arbeitsabl√§ufe integriert waren. Der Mann beschaffte das Geld und erledigte die k√∂rperlich schweren Arbeiten im Haus und Garten. Gab es einen Sohn, √ľbernahm er die Familiennachfolge, die Verantwortung, den Job und sp√§ter den Familienbesitz. Normal waren Drei-Generationen-Gemeinschaften, die eine effiziente Arbeitsteilung, Kindererziehung und Altenpflege in einer harmonischen und effektiven Einheit erm√∂glichten. Generell galt der Nachwuchs als Altersvorsorge ihrer Eltern. Vielleicht gab es aus diesem Grund f√ľnf oder mehr Kinder in einer durchschnittlichen Familie in unseren Territorien. Das ist heute alles anders.

patchwork

Von diesen alten Traditionen ist heute nicht mehr viel √ľbrig geblieben. Es ist schon fast eine Seltenheit, wenn eine Familie drei oder mehr Kinder hat. Der Durchschnitt liegt bei 1,53 Kindern. 20% der Gemeinschaften bleiben kinderlos. Dazu kommt, dass mit dem ge√§nderten Lebensrhythmus Frauen erst mit durchschnittlich 29,5 Jahren schwanger werden. Die nat√ľrliche Abfolge wird vernachl√§ssigt, die besagt, dass die fruchtbarsten Jahre einer Frau zwischen 20 und 24 Jahren liegen. Danach nimmt die Anzahl der lebensf√§higen Eizellen immer weiter ab und das Risiko f√ľr Problemschwangerschaften steigt.

Der Kinderwunsch steht l√§ngst nicht mehr an erster Stelle in der Lebensplanung. Zuerst kommen Job und Karriere, also die finanzielle Absicherung sowie die Freiheit, die nur ohne eigenes Kind ausgelebt werden kann. Generell bestimmt der Arbeitsmarkt die ver√§nderte Kinderplanung, wobei die Politik die Spielregeln vorgibt. Bei immer √§lter werdenden M√ľttern, die ihr erstes Kind bekommen, gibt es kaum noch biologischen Spielraum f√ľr ein weiteres Kind. Ein Ende dieser Entwicklung ist nicht abzusehen. So gehen Experten davon aus, dass trotz massiver Zuwanderung die Bev√∂lkerung weiter schrumpft. Laut einer Prognose stehen 2060 4,1 Millionen Deutsche unter 20 Jahren etwa 9 Millionen B√ľrgern gegen√ľber, die 80 Jahre oder √§lter sind. Das klingt nach einer sportlichen Herausforderung, die mit bisherigen Modellen der Altersvorsorge sicher nicht zu erreichen ist. Aber das ist ein anderes Thema.

Genau, wie der ge√§nderte Kinderwunsch hat sich die Einstellung zum festen Familienbund verlagert. Bis Mitte des 20 Jahrhunderts galt es als Ausnahme, unverheiratet zu sein, ein gemeinsames Leben, bis das der Tod uns scheidet, war die Regel. Derweil verschwimmt dieser Brauch im Tempo der Gesellschaftsstruktur, finanzieller Not, Flexibilit√§t und einer sogenannten individuellen Autarkie. Die wahre Liebe lebt in der Erinnerung weiter und die Filmindustrie befriedigt unsere Sehns√ľchte als fiktiver Begleiter.

Heute gelten andere Werte, wie der schnelle, anonyme Koitus, der Zweckverband und ein geplantes Zusammensein auf Zeit. Alleinerziehende M√ľtter oder V√§ter geh√∂ren zum allt√§glichen Bild, genau wie die M√∂glichkeit, die Kinder tags√ľber bequem loszuwerden. Tagesst√§tten und Tagesm√ľtter sind gefragt. Die Erziehung √ľbernehmen andere. Wir arrangieren uns mit der multiplen Patchwork-Familie, wodurch wir unglaublich flexibel sind. Die Kinder haben zwei oder drei M√ľtter und V√§ter, k√∂nnen sich breiter informieren, differenzierte Meinungen b√ľndeln und vielf√§ltige Wege erfahren. Die verstaubte, konsequente Erziehung bleibt auf der Strecke und vermittelt weder Geborgenheit noch Orientierung. An diese Stelle tritt eine gewisse, innere Zerrissenheit, die vortrefflich Energien f√ľr den Arbeitsmarkt freisetzt.

Mit den ge√§nderten Werten und Ansichten haben sich die Lebensf√ľhrung und die Vorstellungen zur Erziehung der Kinder modifiziert. Dieser Wandel formt ganze Kulturen neu und l√§uft mit einer innovativen Mobilit√§t im Einklang, sowie der Entwicklung eines weltweiten, formellen Zusammenhalts.

Nichts bleibt, wie es ist. Das Leben ist Veränderung. Was heute richtig erscheint, ist morgen falsch und definiert Relevanzen neu. Co-Parenting, Patchwork und verschiedene Modelle, Single zu bleiben, ersetzen den alten Ehevertrag. Aktuell sind immerhin noch zwei Drittel der Deutschen der Meinung, dass ein traditionelles Familienbild das Wichtigste im Leben bedeutet Рund das auch ohne eheliche Verbindung. In Zukunft wird sich die uneingeschränkte Flexibilität, Selbstverwirklichung und Unabhängigkeit stärker in den Vordergrund drängen, und die Vorstellungen von Ehe und Selbstbestimmung weiter verschieben.

Eine Umkehr von diesem Trend sehe ich ausschlie√ülich in der materiellen Denkweise, in Notsituationen und schweren Krisenzeiten. Erst dann werden immaterielle Aspekte und die Vorteile einer Familie wieder an Bedeutung gewinnen. Denn die Sehnsucht nach einem Seelenpartner und die Suche nach der Sicherheitszone unter vertrauten Menschen steckt einprogrammiert und fest verwurzelt in unserem Gef√ľhlsleben ‚Äď egal, wie wir unser Leben ausrichten.
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