Taugenichtse im Tor

Am Sonntag kehrt im Heimspiel gegen Leverkusen mit Hans-Jörg Butt wohl wieder der Routinier ins Tor des FC Bayern zurück. Interims-Coach Andries Jonker hat diesen Schritt bereits angekündigt. Thomas Kraft schaut in die Röhre, die Vorschusslorbeeren sind vergessen. Seine schwankenden Leistungen kann sich der FCB nicht weiter erlauben – Michael Rensing lässt grüßen.

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Die Talfahrt der Bayern war laut Präsident Uli Hoeneß auch ein Hauptverdienst des geschassten Louis van Gaal. Spielerische Armut und eine fragile Abwehr hatte er zu verantworten. Doch neben dem grantigen Holländer haben die Bayern-Bosse einen zweiten Schuldigen gefunden: Mit Thomas Kraft ist der zum wiederholten Male im Tor zu finden.

Torwartwechsel als Ursache
Mit dem Torwartwechsel, der explizit über die Köpfe der Verantwortlichen hinweg durchgesetzt wurde, „begann die Scheisse erst“. Harte Worte von Hoeneß, immerhin kam Kraft in eine weitestgehend verunsicherte Mannschaft. Zudem sprengt die Erwartungshaltung, die auf jungen Bayern-Keepern lastet, scheinbar jeden Rahmen.

Schon Michael Rensing wurde mit dem brutalen Geschäft konfrontiert. Die Bayern-Oberen fabulierten Rensing in die Nationalmannschaft, da hatte dieser noch keine drei Spiele am Stück gespielt. Als Kahn dann abtrat, sollte die Stunde des Nachfolgers schlagen. Wie wenig Zeit der große FCB bei neuen Projekten hat, musste Rensing nach einigen Unsicherheiten am eigenen Leib erfahren. So schnell wie er emporschoss, so krachend war der Absturz.

Überbordender Druck
Romantik-Autor Joseph von Eichendorff hat die transzendentale Obdachlosigkeit in der Novelle seines Taugenichts vorbildhaft dargestellt. Ähnlich planlos und losgelöst von der Umwelt müssten sich auch Kraft und Rensing fühlen. Beide, einst als Nachfolger Kahns gehandelt, wurden Opfer der bayern-üblichen Mechanismen bei ausbleibendem Erfolg. Der überbordende Druck, das Korsett der Erwartungen schnürte zu sehr ein.

Hoeneß traute beiden – ganz Taugenichts-typisch – nicht mehr viel zu. So reiste zunächst Rensing 2010 rastlos von dannen, um sein Glück fern der Heimat zu finden. Der 26-jährige war in bayerischen Gefilden derart gebrandmarkt, dass er nach einem halben Jahr der Selbstfindung ins entfernte Köln zog. In der Domstadt zeigt er nun erstklassige Leistungen, hier kann er sich mit einer zweiten Chance im Rücken ausleben.

Kraft – neuer Anlauf in Hamburg?
Ein ganz ähnliches Schicksal droht nun auch Thomas Kraft. Seine Reise ins Ungewisse dürfte jedoch etwas kürzer ausfallen, der Vertrag des 22-jährigen läuft am Saisonende aus – der HSV soll bereits Interesse gezeigt haben. Mit dem Abschied aus München in die weite Welt hinaus könnten sich auch für ihn neue Möglichkeiten entwickeln. Der Erwartungsdruck in Hamburg ist sicherlich enorm, im Vergleich zur Spannung in München jedoch noch dankbar. In der Hansestadt könnte er wieder Torwart sein, nicht nur Spurensucher von Oliver Kahn.

Dass die Abnabelung und eine lange Reise durchaus von Erfolg gekrönt werden, demonstriert schon Eichendorffs Taugenichts. Dieser findet schlussendlich seine lang gesucht Traumfrau. Zwar nicht in Köln oder Hamburg, aber die Philister hat er dennoch hinter sich gelassen.

(Text: Jerome Kirschbaum)

 

Jerome K.

Jerome schreibt am liebsten über Sport, wenn er denn nicht selbst auf einem Platz steht. Seit Oktober 2010 verdingt sich Jerome als Schreiberling für back view, neben den Leibesübungen widmet er sich sich auch politischen Themen. Im wahren Leben musste Jerome zahlreiche Semester auf Lehramt studieren, um dann schlussendlich doch etwas ganz anderes zu werden.

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