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Im Castingfieber

gntm_533Wie wird man „Germany’s Next Topmodel“? Ein Selbstversuch
DĂŒrre Beinchen, Kleidermaße 34 und mindestens 1,80m groß – so mĂŒssen Topmodels aussehen. Als wandelnder KleiderstĂ€nder bewerben kann sich allerdings jeder. Selbst ich mit meinen viel zu dicken Schenkeln und einem gesundem BMI (Body-Mass-Index). Warum also nicht? Ein Selbstversuch bei Germany’s Next Topmodel.


Ich sitze heute Mittag nichts ahnend im BĂŒro, als von unserer SekretĂ€rin eine Mail in den PostfĂ€chern landet: „Heidi Klum ist in der Stadt! Casting fĂŒr Germany`s Next Topmodel (GNT)-Staffel 62546″ Mein erster Gedanke: „Ähm ja. Interessant.“ Mein zweiter: „Geil, da mach ich mit!“ Jedoch weniger, weil ich hoffe, dass meine Teenager-TrĂ€ume vom erfolgreichen Model-Dasein endlich in ErfĂŒllung gehen. Dass ich keine Chancen habe, ist mir klar. Aber ich bin neugierig. Wie lĂ€uft diese Lachveranstaltung ab? Wie muss man sich blamieren, um als nĂ€chstes Klappergestell genauso schnell im Nichts zu verschwinden, wie man aufgetaucht ist?

„Hiermit ĂŒbergebe ich all meine Rechte an Pro7 „
Also Google Maps gefragt und den Ort des Geschehens gefunden: Maritim Hotel MĂŒnchen. Dann mache ich mich mal auf den Weg. Da es zwei Minuten zuvor in Strömen geregnet hat, ist so gut wie keiner da. Sehr gut, auf langes Anstehen und Blicke Ă  la „Seit wann dĂŒrfen hier denn auch Übergewichtige mitmachen?“ habe ich ĂŒberhaupt keine Lust.
Mal eben eine EinverstĂ€ndniserklĂ€rung unterschrieben, dass mich die Pro-7-Kamera auch bis aufs Klo begleiten darf. Abgeben, dem GNT-TĂŒrsteher-Proll meinen Ausweis zeigen, und los geht’s.

281 – Nummer zur Topmodel-Karriere?
Wir bekommen erst einmal schicke Aufkleber aufgedrĂŒckt. 281. Ist das etwa meine Nummer zum GlĂŒck? Ist das die Zahl, die mir die TĂŒren ins Model-Business öffnet? Naja, wohl eher nicht. Mit vier anderen „Mitstreiterinnen“ geht es dann zur ersten HĂŒrde: Cat Walk vor der Kamera. Die anderen Bewerberinnen werden auf einmal kreidebleich. Sie sind aufgeregt wie vor der ersten Nagelpflege. Eine war extra aus Wien angereist und eine andere verbrachte die letzte halbe Stunde auf dem Klo, um sich die einzelnen HaarstrĂ€hnen zurecht zu zupfen.

Modelhirne auf dem Schlauch
Eine kleine hysterische Mitarbeiterin erklÀrt uns, was wir zu tun haben: Links, rechts, geradeaus und Drehung. Was!? Allgemeine Verwirrung, bitte nochmal. Wo soll ich mich jetzt hinstellen? Auf den schwarzen Strich, aha. Und wann darf ich loslaufen? Wenn du das Kommando hörst. Aye aye Chef!

Purzelbaum auf dem Laufsteg
Ich darf zuerst ran, juhu. Guter Dinge schlendere ich also ĂŒber den wunderschönen roten Teppich. Am anderen Ende glotzen mich drei gelangweilte Pro7-Mitarbeiter an. Hier wird noch nicht bewertet. Die Aufnahmen dienen lediglich fĂŒr spĂ€ter, falls man es in die nĂ€chste Runde schafft. Ich bin kurz davor, einen Purzelbaum zu machen oder ein Rad zu schlagen. Oder wie wĂ€re es mit ein bisschen Moon-Walk? Schließlich kommt nur ins Fernsehen, wer auffĂ€llt. Hat uns die nette Frau erzĂ€hlt. Aber nein, so mediengeil bin ich dann doch nicht. Nach mir sind die anderen MĂ€dels dran. Dass sie vor lauter NervositĂ€t ĂŒberhaupt noch geradeaus laufen können, ist ein Wunder.

„Ihr werdet schon nicht sterben“
Super, erste Runde geschafft, also ab in den nĂ€chsten Raum. Hier erwarten uns drei Juroren und ein etwas zu klein geratener schwuler Boris Entrup Verschnitt. Wir dĂŒrfen brav unsere Namen aufsagen und einmal durch den Raum watscheln. Wir werden schon nicht sterben, hatte uns die nette Frau noch mit auf den Weg gegeben. Puh, GlĂŒck gehabt. Ich muss also nicht nach Gnade winselnd vor den Mode-Moguln auf die Knie gehe. In der Tat verlĂ€uft alles schmerzlos. Mister Model-Scout sagt, dass fĂŒr vier von uns fĂŒnf hier leider „Endstation“ sei. Etwas lĂ€sst mich allerdings kurz zweifeln.

Das wackelnde Nilpferd
Neben mir steht das perfekte Topmodel: Super dĂŒnn, ungefĂ€hr zwei Meter groß und ein strahlendes FernsehlĂ€cheln. Sie sieht schon aus wie eine kĂŒnftige Gewinnerin. Aber sie kommt nicht weiter. Setzen die Macher von GNT etwa doch nicht nur auf Perfektion? Kann man auch als Nilpferd seine HĂŒften schwingen, so lange die Ausstrahlung reicht? Komischerweise kam ich ĂŒbrigens auch nicht in die nĂ€chste Runde.

Show bleibt Show
Prinzipiell ist die Heidi-Pieps-Show doch nichts als – Show eben. Es freut mich ĂŒberaus fĂŒr die KleiderstĂ€nder-Gewinnerin, ganze zwei Wochen lang bekannt zu sein. Aber wer gewinnt oder nicht ist mehr Laune der Macher und Quoten-Auswertung, als wahre Talentsuche. Apropos Talent, da fĂ€llt mir ein: Ich glaube ich gehe nochmal zum Casting. Ich und kein Topmodel!? Bei meinen perfekten 100-75-120-Maßen. Das kann gar nicht sein. Die mĂŒssen sich bestimmt vertan haben. Ist ja auch verstĂ€ndlich, bei so vielen Menschen. Die haben mich nur nicht richtig gesehen… Ganz sicher!

 

(Text: Julia Jung / Foto: ds1987)
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Über den Autor

Stellvertretende Chefredakteurin und Ressortleiterin English

Hauptberuflich ist Julia Weltenbummlerin, nebenberuflich studiert sie Politik. Wenn sie nicht gerade durch Australien, Neuseeland, SĂŒdafrika oder Hongkong reist, schreibt sie ein paar Zeilen fĂŒr back view und das schon seit 2009.

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