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Zwischen Paradiesvorstellungen und Angst

Auf der Suche nach der Sicht von Kamerunern auf Deutschland

Ich bin in Buea, einer kleinen Stadt am Fuße des Mount Cameroon. Nach der Arbeit will ich noch kurz zum Markt, um Obst und Brot für den nächsten Morgen zu kaufen. White men, white men, give me money. Verdammt ich bin doch eine Frau, warum white MEN? Aber auf den ersten Blick bin ich wohl einfach nur weiß.

Menschen in AfrikaStatt zu Fragen ob ich ein Mann bin, frage ich lieber, warum mein Gegenüber Geld haben will. Als Antwort bekomme ich, „Du bist doch reich“. Zweite Lektion des Tages: Ich bin nicht nur weiß, ich bin auch reich. Vielleicht auch weiß = reich.

Mit vielen Kamerunern rede ich über Begegnungen wie diese. Diskussionen über Europa kommen hoch. Europa, das ist der Kontinent, der in der Wahrnehmung vieler Kameruner als ein Tor zum Paradies, zu Geld und Glück gilt. Viele denken nicht weiter. Was kommt, nachdem man durch dieses Tor geht?

Wie toll ist Europa eigentlich?

Einige denken weiter und erzählen mir, dass sie Angst vor Europa haben. Sie haben gehört, dass sie als Schwarzer nicht Bus fahren können, ohne angepöbelt zu werden. Ich kann das nicht glauben und bekomme als berechtigte Entgegnung: „Du bist ja auch nicht schwarz.“ Ich lerne Europa von einer anderen Seite kennen, ohne dort zu sein. Ich lerne, es mehr zu lieben und zu hassen.

Oft werde ich mit Unverständnis gefragt, warum ich in Kamerun bin, wenn ich doch auch in Europa sein kann. Ich antworte, dass ich hier glücklich bin und treffe auf noch mehr Unverständnis. Und auf ein bisschen stolz. Stolz darüber, dass jemand gerade Kamerun Europa vorzieht.
Wörter, die ich hier im Zusammenhang mit Europa höre, reichen von Glück, Reichtum, Sauberkeit, Technologie und perfekte Straßen bis hin zu Rassismus und Hitlergruß.

Ich frage mich, woher dieses, meist idealisierte Bild von Europa, kommt. Eine Antwort finde ich im Fernsehen. Fast jede Familie, die es sich auch nur irgendwie leisten kann, hat einen Fernseher. Ob mit Strom oder Batterie betrieben, läuft der Fernseher rund um die Uhr. Die meisten Personen, die zu sehen sind, sind weiß, leben in wunderschönen Häusern, sind reich, verliebt und nach einigen Problemen kommt immer das Happy End. So wird eine Sehnsucht geweckt, auch so sein zu wollen, wie die Charaktere aus der Lieblings Telenovela.

Phantasie ist Trumpf!?

Menschen und Länder, die man nicht kennt, kann man sich nur vorstellen. Die Lücken, die man in seinem Wissen über diese Länder hat, füllt man mit Phantasie aus. Das Wissen kommt aus Zeitungen, Fernsehen und Berichten von Freunden. Hier in Kamerun sind das meist Telenovelas und Hollywoodfilme. In Europa Dokumentationen und Werbung von „Hilfsorganisationen“.

Wie gefährlich und schade es ist, nur diese eine Sichtweise auf einen ganzen Kontinent zu haben kann man überall sehen, in Europa und in Afrika, in der Flüchtlingspolitik und der Berichterstattung über Ebola.

Viele Europäer haben die Möglichkeit, andere Länder und Kontinente zu bereisen. Können mit eigenen Augen sehen und entdecken und diese eingeschränkte Sichtweise um 1000 Eindrücke erweitern. Die meisten Afrikaner können das nicht. So wird ihre Sicht auf Europa so bleiben, wie sie jetzt ist. Irgendetwas zwischen Paradiesvorstellung und Angst.

(Text: Paula Aschenbrenner / Foto: KW)

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