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Zwischen Kobaltblau, Domkapitel und Morphologie

Ein ganzer Tag in Hörsaal drei

Als ich zum Experiment „Einen Tag alle Vorlesungen an der Uni absitzen“ antrat, war ich noch voller Zuversicht, dass es ein interessanter Tag werden könnte. Zumal ich mir schon immer dachte „Als Rentnerin studiere ich mal Kunstgeschichte“. Doch will ich nach diesem Tag überhaupt noch 67 werden?


Mein Tag begann bereits um sechs Uhr mit schlechter Musik aus dem Radiowecker. Nichts gegen die 80er, aber um diese Uhrzeit muss das nicht sein und schon gar nicht, wenn ich eigentlich noch drei Stunden schlafen könnte. Aber heute muss ich alle Vorlesungen in ein und demselbem Hörsaal besuchen.
Als ich dann um acht Uhr in der Uni ankomme, erwarten mich im Hörsaal drei circa 30 Leuten und etwas, dass ich in meiner Studentenlaufbahn noch nie erlebt hatte: absolute Stille. Und das während der gesamten Vorlesung. Ob es an der Uhrzeit, am gedämmten Licht oder schlicht am Interesse der Studenten lag, weiß ich nicht. Aber schön ist es.

Aufgrund des per Beamer an die Wand geworfenen mittelalterlichen Bildes nehme ich an, dass es wirklich interessant werden könnte und machte mich bereit mitzuschreiben. Doch bereits nach zwei Minuten muss ich einsehen, dass es schlicht nicht funktioniert. Mein Hirn wird mit mir fremden Fachbegriffen überflutet, von denen ich nicht mal ein Beispiel aufschrieben kann, weil es alles viel zu schnell geht, und so male ich nur ein großes Fragezeichen auf mein Blatt. Sehr kreativ.

An den Stellen, wo „normales“ Vokabular auftaucht, habe ich Hoffnung, doch noch etwas Anderes als das Gefühl „dumm zu sein“ mitnehmen zu können. Aber auch diese Hoffnung zerschlägt sich, nachdem alles, was ich als blau, rot oder als „da ist doch gar nichts“ identifiziere, als kobaltblau, purpurn und „malerische Unordnung“ bezeichnet wird. Vielleicht habe ich Letzteres aber auch irgendwie verwechselt.

Studienbezogene Vorlesungen sind doch die besten

Nach dieser Pleite folgt zum Glück Landesgeschichte mit dem Schwerpunkt „Adel in Franken“.  Diese Vorlesung besuche ich an sich regelmäßig, da ich demnächst meine Spezialisierungsmodulprüfung schreiben werde und hier fühle ich mich auch nicht mehr fehl am Platz. Denn, obwohl ich nicht katholisch bin, ist mir das Domkapitel näher als Akanthusranken oder Malventöne. Hier ist meine vertraute Umgebung und der ständig einschlafende und laut vor sich hin schnarchende ältere Herr ist auch wieder da.

Anschließend habe ich von zwölf bis vierzehn Uhr frei und nutze die Zeit für ein weiteres Experiment: Kaffee. Normalerweise trinke ich keinen, aber durch das für einen Donnerstag zu frühe Aufstehen, was zudem noch mit zu spätem Schlafengehen gepaart war, macht sich Müdigkeit breit.
Also hole ich mir in der Cafeteria ein solch angebliches Wundergetränk gegen Müdigkeit, denn den Automaten hier traue ich nicht mehr, nachdem der letzte Ausflug zum Kakao holen mit einem Fehler auf meiner Chipkarte geendet hatte. Mit Nase zuhalten, anschließendem unschönen Geschmack im Mund und dem Gefühl, dass es nichts genützt hatte, gehe ich um vierzehn Uhr zum Seminar „Russland in Geschichte und Gegenwart „.

Anders als erwartet ist das Ganze höchst informativ und interessant, was mich dazu veranlasst, mir einen Wolf zu schreiben. Amüsant sind zudem die von der Dozentin, scheinbar selbst Russin, passend zu den vorgetragenen Referaten erzählten Anekdoten aus Russland.
So wird zum Beispiel im Anschluss an das Referat darüber berichtet, dass wohl alle Russen gerne schnell unterwegs sind. So auch Alexander III., der den Schaffner des Zarenzuges, entgegen der Warnung eines Angestellten, veranlasste, schneller zu fahren. Doch die Stabilität und Sicherheit der damaligen Züge hielt dieser Belastungsprobe nicht stand und der Zug entgleiste. Viele Menschen wurden dabei verletzt, nicht aber die Zarenfamilie, denn Alexander stabilisierte das Dach des Waggons und rettete so seine Familie davor, zerquetscht zu werden. Ein temperamentvoller russischer Superman also.

Höhepunkt ade
Der wirklich spannende Teil des Tages war damit abgehakt, denn nun folgen nur noch mir bereits bekannte Inhalte der Sprachwissenschaft in Form von zwei einstündigen Tutorien und einer zweistündigen Vorlesung. Im ersten Tutorium werden Sätze analysiert und dann im zweiten – mit Hilfe von Baumgraphen – bis ins letzte Glied seziert. Eine Erklärung dieses Verfahrens mit Wörtern wie „Nominativergänzung“ oder „Modalverben“ erspare ich mir an dieser Stelle gern.

In der anschließenden Vorlesung, zu der erstaunlich wenige Studenten kommen (acht an der Zahl) wurde der Semantische Wandel in all seinen Ausprägungen behandelt. Informativ, keine Frage. Aber trotzdem wünsche ich mir jetzt Kunstgeschichte zurück, da gab es wenigstens hübsche Bilder. Nach circa zwanzig Minuten kann ich mir nicht weiter einreden, dass mich das alles wahnsinnig interessiert und fahre nach Hause.

Obwohl ich nur zwei fachfremde Veranstaltungen an diesem Tag erlebt habe, weiß ich nun drei Dinge: Erstens, dass ich definitiv das für mich Richtige studiere. Zweitens, dass ich im nächsten Semester unbedingt ein Seminar zur russischen Geschichte belegen möchte und vor allem drittens, dass ich hoffentlich 67 und älter werde, aber definitiv OHNE Kunstgeschichte.

(Text: Julia-Friederike Barbier)
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Über den Autor

Julia-Friederike Barbier
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