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Zusammenhänge nicht ausgesprochen

Robert Reiche kommentiert und analysiert das berüchtigte Interview

Seinen Rücktritt vom Amt des Bundespräsidenten begründete Horst Köhler mit der Respektlosigkeit, die ihm aufgrund einiger Äußerungen in einem siebenminütigen Radiointerview entgegengebracht wurde. Aber warum wurde eine Aussage über die Sicherung deutscher Handelswege in so einer Weise missverstanden? Das entscheidende Interview Köhlers zeigt, was für einen Einfluss nur wenige Worte auf eine ganze Nation haben können.

Das Unheil begann auf dem Rückflug Horst Köhlers von Masar-i-Scharif nach Deutschland. Der Radioreporter Christopher Ricke, tätig beim Deutschlandradio, stellte Horst Köhler vier Fragen über den Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan, den Respekt gegenüber den Soldaten, die Meinung der deutschen Bevölkerung. Horst Köhler antwortet routiniert mit allgemein gehaltenen, eher spontanen und unvorbereiteten Phrasen.

horstkhlerNur selten kommen entscheidende Wörter in seinen Äußerungen vor. Köhler vermeidet es strikt, über das Mandat selbst und die Konfliktbezeichnung für den Afghanistan-Einsatz zu reden. Stattdessen beschränkt er sich auf wenige Schlüsselwörter wie „Respekt“, „Anerkennung“ und „Fortschritte“. Worte, die in den Ohren der Hörer noch keine Kritik aufkommen lassen.

Doch mit seiner dritten Frage schneidet Interviewer Ricke selbst ein Thema an, das seit Monaten durch die deutschen Medien geistert. Er spricht plötzlich selbst davon, dass „wir uns in einem Krieg befinden“ – und meint damit den Bundeswehreinsatz in Afghanistan.

Auch hier bleibt Köhler zunächst seiner Linie treu und antwortet ausgelassen, nicht auf die Konfliktbezeichnung eingehend. Lediglich die Schlagworte „Korruptionsbekämpfung“ und „Bekämpfung dieser Drogenökonomie“ bringt der damalige Bundespräsident als Teil der zivilen Aufbauhilfe ins Spiel – und redet hier auch immer wieder von der deutschen „Verantwortung“.

Der Kernpunkt der dritten Frage bezog sich ganz deutlich auf das Mandat selbst und auch auf den politischen Diskurs über den Einsatz in Afghanistan. Doch bei der Hälfte seiner Antwort beginnt Köhler, plötzlich abzuschweifen, ohne dies zu kommentieren.

Was nun folgt ist ein einziger, komplexer Satz mit insgesamt elf Kommata und einer Folge von Begriffen, die gesellschaftlich weit höher bewertet werden als alles, was in Köhlers Interview zuvor gesagt wurde. Besonders die Kombination von „Außenhandelsabhängigkeit“, „militärischer Einsatz“ und die Notwendigkeit „unsere Interessen zu wahren“ birgt von der ersten Minute an eine Gefahr des Missverständnisses.

Diese Äußerungen sind im Allgemeinen nicht verkehrt. Der deutsche Marineeinsatz vor Somalia dient ausschließlich der Sicherung der Seehandelswege. Und, dass der deutsche Außenhandel nicht existenziell von Afghanistan abhängig ist, dürfte auch klar sein. Dennoch liegt es in dieser abrupten Richtungsänderung des Interviews, dass sich die Gefahr eines Missverständnisses enorm erhöht.

Die Auffassung vieler Journalisten, dass Deutschland bald soweit wäre, Wirtschaftskriege zu führen, entbehrte sich von Anfang an jedes Fünkchens Realität – und das müsste eigentlich klar gewesen sein. Auch, wenn Köhler bis zum Ende des Interviews eine Referenz zwischen seinen Äußerungen und dem Somalia-Einsatz schuldig blieb, so ist die Unterstellung einer Wirtschaftskriegspolitik gegenüber einem Bundespräsidenten mehr als unangebracht.

(Text: Robert Reiche / Foto: Deutscher Bundestag)
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Wenn Robert mal groß ist, will er es auch bleiben. Bis dahin verbringt er seine Zeit in virtuellen Welten und denkt, redet und schreibt über Filme, Spiele sowie über Gesellschaftsthemen. Der studierte Historiker arbeitet dazu noch als IT-Berater und verreist gern mit dem Fahrrad, um Länder und Leute kennenzulernen.

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