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Zu kalt für Boxershorts?

Senf der Woche: Politisches Petting

Draußen ist es kalt. Saukalt. „Zeit zum Kuscheln”, dachten sich wohl auch Merkel und Sarkozy in der vergangenen Woche. Verbales Petting auf höchstem Niveau. Ganz ohne Hintergedanken und Wahlkampf natürlich. Doch die frierenden Menschen am Bahnsteig interessiert eine weiße Boxershort viel mehr.


Es ist Winter. Es ist richtig kalt. Es ist so kalt wie seit Jahren nicht mehr. Es ist 20 Uhr. Es ist eine Geschichte vom Frankfurter Hauptbahnhof. Es ist natürlich Frankfurt am Main. Es ist aber sowieso nur wichtig, dass ich am Bahnsteig stehe und auf eine leuchtende Reklamewand blicke, auf der die Nachrichten des Tages durchlaufen.

„Merkozy so eng wie nie”, lautet die Schlagzeile. Das reimt sich sogar. Und was sich reimt, ist gut – das lehrte mir schon als Kind der rothaarige Pumuckel. Wie gut die beiden Politiker miteinander können, demonstrierten sie uns diese Woche in ihrem ersten gemeinsamen Fernsehinterview.
Merkel liebt Frankreich und Sarkozy liebt Deutschland – das ist die Moral von dem verbalen Fummel-Gespräch, welches mit einem deutschen und einem französischen Journalisten geführt wurde. Selbstverständlich geht es dabei absolut nicht um irgendeine Wahlkampfunterstützung der Bundeskanzlerin für Sarkozy, der sich bald um eine neue Amtszeit des Präsidenten bewirbt.

Senf der WocheSchon irgendwie merkwürdig, wie sich der Franzose an Merkel ran wirft. Obwohl ganz Europa, ja die ganze Welt, sich über ihn lustig macht. In Karikaturen hängt er schon lange an der kurzen Leine der Bundeskanzlerin – die ungekrönte europäische Kaiserin.
Apropos Leine: Hier am Bahnhof ist gerade ein kleiner, brauner Hund vorbeigelaufen. Auch an der kurzen Leine. Bei dem Gedränge hier aber durchaus sinnvoll. Ich werfe ihm noch einen bewundernden Blick hinter her, weil er mir für diese niedrigen Temperaturen ziemlich übertrieben gelassen vorkommt. Und das, obwohl er keinen Schal, keine Fußschuhe, keinen Pelzmantel trägt. Ja verdammt, friert der nicht?

Friert der nicht? Diese Frage stelle ich mir auch bei dem großen Werbeplakat, an dem ich beim letzten Gedanken an eine Hundeheizdecke hängen bleibe. Denn David Beckham posiert in Lebensgröße an jedem zweiten Bahnsteig des Frankfurter Hauptbahnhofs und macht Werbung für Boxershorts. 14,95 Euro – gar nicht mal so teuer.
Ehrlich gesagt, ist mir gerade aber nicht danach, beim Warten auf den Zug halbnackte Männer zu bewundern. Mir ist kalt. Und bei minus 15 Grad muss dieser Halbgott in schwarz-weiß doch auch frieren! Ob dem so ist, kann ich aber nicht aufklären. Er deckt nämlich beide Brustwarzen – leicht geniert – mit seinen Armen zu. Steife Nippel, das wäre ein Indiz für seine Körpertemperatur gewesen. Keine Ahnung warum ich seine Oberweite nicht sehen darf – hat er es seiner Frau nachgemacht und seine Brüste operieren lassen? Hat er ein Piercing, von dem keiner etwas weiß?

Die zwei Blondinen neben mir auf dem Bahnsteig verschwenden ihre Energie scheinbar nicht auf solche lebensnotwendigen Fragen. Ihnen ist der durchtrainierte Bauch viel wichtiger. Für solche Objekte der Begierde ist es wieder gut, dass Mister Beckham uns hier eine Boxershort und keinen Rollkragenpullover präsentiert.

„Seit wann macht der eigentlich Werbung für H&M?” Eine berechtigte Frage der Blondine, die schon immer auf Beckham scharf sei. Schon seitdem sie 14 war und ihr erster Freund Poster von dem Engländer über seinem Bett hängen hatte. Okay – wichtige Notiz für mich: Sollte ich in die Vergangenheit reisen können, sollte ich mein Zimmer nicht mit halbnackten Fußballern tapezieren. Das schafft nur unnötige Konkurrenz.
Wobei, ich hatte sowieso nur Michael Schumacher an der Wand kleben. Und der hatte glücklicherweise immer einen schicken und bis oben hin zugeschnürten Overall an. Oft sogar noch einen Helm. Im Nachhinein eine verdammt gute Taktik von mir. Wichtige Notiz für mich aus der Vergangenheit: Alles richtig gemacht.

Zurück in der Realität wische mir die laufende Nase an meinem schwarzen Handschuh ab und drehe mit meinen Augen voller Stolz eine Runde durch den Bahnhof. Tja Leute, ich hatte es eben schon früh drauf.
Am Ende des Bahnsteigs fällt mir der Nachrichtenbanner wieder ins Auge: „Merkozy so eng wie nie”. Beckhams Bauchmuskeln scheinen mich doch mehr zu beschäftigen, als mir lieb ist. Denn meine Gedanken schweifen etwas ab. Angela Merkel und Nicolas Sarkozy – die könnten doch auch mal Werbung für Boxershorts machen.

Für die Bundeskanzlerin wäre das auch schon mal ein perfektes Wahlplakat für 2013: Angie mit tiefem Ausschnitt und einem kurzen Schwarzen. Sarkozy drückt sie lasziv an ihre Brust. Die französische Nasenspitze umkreis spielerisch die Wölbungen der Kanzlerin… okay. Schluss jetzt. Es ist einfach zu kalt, um klare Gedanken zu fassen!

(Text: Konrad Welzel / Zeichnung: Christina Koormann)

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Über den Autor

Konrad Welzel
Gründer und Chefredakteur von back view

Konrad hat back view am 06. April 2007 gegründet - damals noch in diesem sozialen Netzwerk StudiVZ. Mittlerweile tobt sich Konrad ganz gerne im Bereich Social Media aus und versteht Menschen ohne ein Facebook-Profil nicht - dafür ist er viel zu neugierig!!!

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