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YouPorn: Abstumpfen oder neue offene Möglichkeiten?

Ein Kommentar zur Sexualität im Netz

Sexualität ist mit der Globalisierung des Internets ebenso zur Massenware verkommen wie Filme, echte Freundschaften und gehaltloser Zeitvertreib. Die Exklusivität, die Sex einst barg, ist durch den einfachen Zugang unzähliger pornographischer Videos im Internet, verloren gegangen.


Wer kennt sie nicht noch, die abgetrennten Bereiche in den Videotheken, wo sich hinter einem diskreten Vorhang der Traum einsamer Männerherzen verbarg und unzählige Videos und DVDs zu einer Reise in das Land der Lust einluden. Den Vorhang beiseite zu schieben und einzutreten, erforderte etwas Mut, denn wer wusste schon, ob nicht der Nachbar oder der Kollege dort anzutreffen war, der innerhalb von Sekunden Bescheid weiß, dass man die Abende gerne mit „heißen Großmütter“ verbringt.

Wer früher in besagte Hinterzimmer von Videotheken gehen oder in Sexshops die Regale durchstöbern musste, kann nun anonym an seinem Laptop zu – man möchte behaupten – jeder Vorliebe einen pornographischen Film im Netz finden. Von Analverkehr bis zu zügellosem Gruppensex umfasst das Online-Angebot alles, was einem Lustsuchenden die selbige verschaffen kann.

Doch was bedeutet dies für das heutige Verständnis von Sexualität und deren Wertschätzung, insbesondere bei der Generation Web 2.0, die mit der Welt des Internets großgeworden ist und eine ständige und allumfassende Medienvielfalt gewohnt ist?

Auf Schulhöfen kursiert schon seit längerem ein Trend speziell unter den männlichen Heranwachsenden: Smartphones werden verwendet, um sich in der Pause gegenseitig Videos mit pornographischem Inhalt vorzuspielen. Gerne dürfen diese auch gewaltverherrlichend sein. Je mehr Aufsehen ein Video erregt  und umso mehr moralische Grenzen es überschreitet, desto höher ist die Gier danach unter den Gleichgesinnten. Schon hieran kann man feststellen, dass derartige Inhalte nicht hinterfragt werden und Bilder, die intimste Momente zwischen zwei oder mehr Menschen zeigen, entwertet und demoralisiert betrachtet werden.

Nun ist das im Falle von YouPorn offiziell nicht ganz so gravierend zu sehen. Hier werden Inhalte zwar von den Verantwortlichen gefiltert und geprüft. Trotzdem werden dem Zwecke der Website zu Folge Videos mit sexuellen Handlungen veröffentlicht, von denen manche meiner Generation im jugendlichen Alter noch gar nicht zu träumen wussten. Die von den Verantwortlichen von YouPorn eingerichtete Sperre, die Jugendliche abhalten soll auf die Inhalte dieser Seite zuzugreifen, beschränkt sich auf eine simple Altersabfrage. Mit einem Klick ist die bestätigt und niemand kann eine sichere Aussage über das tatsächliche Alter des Besuchers treffen.

Alles für den Mann
Die Rolle der Frau ist auf YouPorn klar vorgegeben und definiert sich in der Regel als die Untergebene und als das alleinige Lustobjekt eines oder mehrerer Männer. Fokus in den Filmwelten sind auch eindeutig die weiblichen Geschlechtsmerkmale. Der sexuelle Akt zeigt sich selbstverständlich wenig liebevoll, was bei Pornographie meist naheliegend ist. Dennoch muss man feststellen, dass sich das herauskristallisierende Bild der Sexualität – und innerhalb diesem die Rolle der Frau – prägend auf Heranwachsende auswirken kann.
Wir lernen durch das, was wir sehen und natürlich durch Erfahrung. Die sexuellen Erfahrungen sind im jugendlichen Alter jedoch vergleichsweise gering im Vergleich zu der Fülle an Bild- und Videomaterial im Internet. Das kann auf den Lernprozess, auch im Bereich der Sexualität, erheblichen Einfluss nehmen und ihn nachhaltig prägen. Klar, dass das nicht immer zwingend positive Folgen haben muss. Dass Eltern meist wenig Ahnung und Einfluss darauf haben, welche Seiten ihre Kinder in der virtuellen Welt besuchen, kommt erschwerend hinzu.

Allerdings darf auch der Nutzen nicht außer Acht gelassen werden, dass Jugendliche sich auf anonyme und intime Weise mit dem Thema Sexualität und ihrer eigenen Rolle auseinandersetzen können. Viele Fragen, die sich bei Heranwachsenden stellen und viele Ängste, die ein Pubertierender in sich birgt, können beantwortet und gelindert werden. Der Umgang mit der eigenen Sexualität und den persönlichen Neigungen kann so – die Peinlichkeit umgehend jemanden persönlich fragen zu müssen – beantwortet werden.

Lust kann virtuell ausgelebt und die sexuellen Neigungen erprobt werden. Übersehen darf man dabei in Bezug auf Portale wie YouPorn dennoch nicht, dass sie vorwiegend die Interessen des männlichen Geschlechts stillen. Frauen und deren Bedürfnisse rücken deutlich in den Hintergrund. So ergibt sich eine breite Schere zwischen den sexuellen Bildern und Vorstellungen im Kopf der männlichen und weiblichen Jugendlichen.

Abschließend lässt sich sagen, dass es durchaus zur Abstumpfung in Bezug auf Sexualität beitragen kann, sich zu früh und zu häufig mit derartigen Inhalten zu befassen. Allerdings ist dies ähnlich mit Vorsicht zu betrachten wie das generelle Vorurteil, dass aggressive Computerspiele die Zahl der Amokläufer erhöhten. Jede Entwicklung des Geistes wird immer noch maßgeblich von dessen Besitzer bestimmt und lässt so keine allgemeingültige Aussage über die Auswirkung pornographischer Inhalte im Internet zu. Faktisch ist es wie bei allen Dingen im Leben: In Maßen ist vieles erlaubt, wer übertreibt und nicht in der Lage ist, zu reflektieren und einen vernünftigen Weg zu finden, wird dadurch Veränderungen in Kauf nehmen müssen, wie auch immer diese im Einzelnen aussehen.

Vielleicht lohnt es sich doch ab und zu mal wieder den roten Vorhang in der Videothek nebenan beiseite zu schieben und sich einzulassen auf einen Ort, an dem weniger Anonymität herrscht als im World Wide Web. Aber der kleine Nervenkitzel und das Gefühl gerade etwas – zumindest ein bisschen – Verbotenes zu tun, ist doch auch etwas Schönes.

(Text: Catrin Vogt)
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