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Wo die Narren zu Hause sind

Ein Rundblick über die Hochburgen des deutschen Karnevals

„Danze, schunkele un lache“: Tausende Jecke strömen Jahr für Jahr in die Karnevalshochburgen, um vor allem zwischen Altweiber und Aschermittwoch die fünfte Jahreszeit ausgelassen zu feiern. Besonders entlang des Rheins hat sich eine feste Karnevalstradition entwickelt.

So besuchen zur Saison Narren aus ganz Deutschland die Städte Köln, Monheim, Düsseldorf, Mainz, Euskirchen, Mönchengladbach, Krefeld, Duisburg, Eschweiler, Koblenz, Aachen, Andernach, Bonn und Mayen. Dort entstand der Karneval während der französischen und preußischen Besetzung aus Umzügen der entwaffneten Bürgerwehren, die zum Protest gegen und als Parodie über die Besetzer in komisch bunten Uniformen und Gewehrimitaten mit Blumen im Lauf durch die Stadt marschierten.

Für alle Nicht-Karnevalisten empfehlen wir das back view Faschings-ABC

So feiert man die tollen Tage im Rheinland und in Rheinhessen
In Düsseldorf beginnt die Karnevalssaison bereits am 11. November (Martinstag). An diesem Tag wird traditionell der Hoppeditz um 11.11 Uhr geweckt. Er wird immer von einem renommierten Düsseldorfer Karnevalisten verkörpert und hält eine Rede vor dem Düsseldorfer Rathaus zu. Am Aschermittwoch wird der Hoppeditz unter großem Jammern und Wehklagen wieder beerdigt. Viele Düsseldorfer verabschieden ihn mit einem Leichenschmaus in die Fastenzeit.

Zum Auftakt der tollen Tage gibt es in Düsseldorf ebenfalls eine besondere Tradition: An Weiberfastnacht stürmen die Frauen (so genannte „Möhne“) um 11.11 Uhr das Rathaus, um dem Oberbürgermeister symbolisch die Krawatte abzuschneiden. Viele Frauen tun es ihnen gleich und gehen mit Scheren an ihren Arbeitsstätten ebenfalls auf Trophäenjagd. Ab Altweiber wird in Düsseldorf vor allem auf den Straßen gefeiert. Größter Anziehungspunkt ist für die Jecken die Düsseldorfer Altstadt. Dort „bützen“ sich die Karnevalisten auch mal recht gern – gemeint ist hiermit das närrische Verteilen von Küssen.

Besondere Höhepunkte des Straßenkarnevals sind vor allem die Feiern auf der Königsallee am Sonntag und der Rosenmontagszug, der zu den größten Deutschlands gehört. Tausende Narren erscheinen kostümiert und mit geschmückten Handwagen oder Fahrradaufbauten, die als Stauraum für Verpflegung dienen. In den umliegenden Städten am Niederrhein werden diese Traditionen ebenfalls gepflegt – meist ist auch dort der Rosenmontagszug der Höhepunkt des närrischen Treibens. Einzig in Mönchengladbach findet der traditionelle Umzug erst am Veilchendienstag statt.

Als Symbol der närrischen Zeit führen einige Karnevalsvereine ein Dreigestirn, Prinz oder Prinzenpaar. Zur Begrüßung rufen sich die Jecken ein fröhliches „Helau“ (abgeleitet von „Hallo“) zu. Dieser Ruf kann jedoch in den umliegenden Städten variieren, so ruft man beispielsweise in Mönchengladbach „Halt Pohl“, in Erkelenz hingegen „Maak Mött“. Neben den üblichen Karnevalssitzungen erfreuen sich auch die kleineren Karnevalsumzüge in unterschiedlichen Stadtteilen großer Beliebtheit.

Auf der anderen Rheinseite – in Köln – feiern die Jecken ebenfalls fröhlich von Weiberfastnacht bis zum Aschermittwoch. Statt „Helau“ rufen sich die Karnevalisten jedoch „Kölle Alaaf“ („Es lebe Köln“) zum Gruß entgegen. Während der fünften Jahreszeit veranstalten viele Vereine Karnevalssitzungen und -bälle mit Auftritten von Büttenrednern sowie Tanz- und Musikgruppen. Kennzeichen des rheinischen und besonders des Kölner Karnevals ist das Miteinander zwischen Akteuren auf Bühne und Wagen und den Zuschauern.

Bei den Rosenmontagzügen werfen die Karnevalisten „Kamelle“ in die Menschenmenge – was vor allem die Kinder freut, da es sich bei den süßen Wurfgeschossen meist um Bonbons handelt. Die Motive der Rosenmontagswagen nehmen aktuelle Geschehnisse aus Politik und Wirtschaft satirisch aufs Korn.

Karneval gefeiert wird jedoch auch in Westfalen. Von Bedeutung für Westfalen ist das Münsteraner und Münsterländer Narrentreiben. Besondere Karnevalshochburgen sind dort die Stadt Beckum mit vier (Weiberfastnacht, zwei am Karnevalssonntag und Rosenmontag) und die kleine Gemeinde Recke mit zwei Umzügen. Einen der größten Umzüge mit über 100.000 Besuchern hat die Stadt Bocholt.

Die Mainzer Fastnacht
Die Mainzer Fastnacht gehört zu den traditionsreichsten und größten Veranstaltungen dieser Art. Die Mainzer Fastnacht hat eine besondere politisch-literarische Komponente. Eingeleitet wird die Saison mit der alljährlich stattfindenden Verlesung der elf Fastnachtsgesetze durch den Oberbürgermeister vom Balkon des Osteiner Hofes am 11.11. um 11.11 Uhr. Die Fastnachtssitzungen beginnen erst nach dem Umzug der Narren am Neujahrstag und steigern sich bis zum Rosenmontagszug. Das Wahrzeichen der Mainzer Fastnacht ist der Fastnachtsbrunnen am Schillerplatz. Wie auch in Düsseldorf und Köln feiern die Mainzer sowohl Sitzungs- als auch Straßenkarneval.

In der Prunksitzung aber auch auf dem Rosenmontagszug wird das politische Treiben zur Zielscheibe närrischer Kritik. Derb und in schrillen Farben überzeichnen Traditionsfiguren oder großformatige Umzugwagen in Mainz kleine und große Fehlleistungen von Regierenden und Oppositionellen, gleich ob aus Mainz oder Berlin. Als Geburtsjahr der Mainzer Saalfastnacht gilt das Jahr 1838. In den vergangenen Jahrzehnten hat sich die Veranstaltung grundlegend organisatorisch und inhaltlich gewandelt. Durch die bundesweite Ausstrahlung der Fastnachtssitzung im TV „Mainz bleibt Mainz, wie es singt und lacht“ wurde die Mainzer Fastnacht schließlich in ganz Deutschland berühmt.

Doch auch in anderen hessischen Städten wird geschunkelt und gelacht. Neben Frankfurt am Main ist Fulda eine weitere Karnevalshochburg. Die Fulder Foaset kann auf eine über 500-jährige Tradition zurückblicken. In Wiesbaden gibt es ebenfalls eine ganze Reihe an Umzügen. Der Fastnachtssamstag beginnt mit einem Kinderumzug in der Innenstadt und einem Umzug in einem Vorort, zu dem sich alljährlich rund 10.000 Besucher einfinden. Der Höhepunkt ist der am Fastnachtssonntag stattfindende Umzug durch die Innenstadt.

Bundesweit wird zudem auch in den anderen Bundesländern in einigen Städten Fasching gefeiert – doch die größte Lobby hat der Karneval mit Sicherheit im Rheinland. Wer in diesen Tagen dort mit dem Auto unterwegs ist, der sollte sich darauf gefasst machen, dass gerade in kleineren Ortschaften Kinder und Jugendliche Autofahrer um den so genannten Narrenzoll bitten. Hierzu sperren sie kleinere Straßen mit Seilen oder Holzlatten, und verlangen von den anhaltenden Autofahrern einen kleinen Obolus für die Weiterfahrt, meist in Form von Süßigkeiten oder Münzgeld.

back view Linktipp:
www.koelnerkarneval.de
www.mainzer-fastnacht.de

(Text: Julia Nix, Fotos: Julia Radgen)
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Über den Autor

Julia Radgen
Ressortleiterin Gesellschaft

Julia Radgen lebt in Mainz und schreibt am liebsten über Kultur- und Gesellschaftsthemen - und interessante Menschen. Sie ist Social Media-süchtig und verzichtet nur freiwillig auf Internet und Handy, wenn sie zu einem Festival fährt. Wenn sie groß ist, will Julia mal Journalistin werden.

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