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Wir sind Karrieresingles

Warum es heutzutage einfacher ist, Single zu sein

Keine Verpflichtungen, sondern einfach komplett unabh√§ngig von einem anderen Menschen in den Tag hineinleben: das Singleleben klingt verlockend. Welche Vorteile es noch bietet und, warum wir es uns in der heutigen Zeit erlauben k√∂nnen, Single zu sein, dar√ľber schreibt back view-Redakteurin Ronja Heintzsch.


Wenn Marie mal wieder von ihren Freunden gefragt wird, warum sie immer noch nicht mit dem Richtigen zusammengezogen ist, lautet ihre Antwort simpel: ‚ÄěEs ist einfacher.“ Die 21-j√§hrige Studentin f√§hrt morgens zur Universit√§t, ohne dass SMS-Nachrichten mit dem Inhalt ‚ÄěIch vermisse dich jetzt schon“ ihren Weg pflastern.

Auch das Ausgehen mit Freundinnen f√§llt deutlich leichter, wenn man an niemanden gebunden ist. Keine Sperrzeiten, keine akribischen Fragen bez√ľglich der Bars, in denen sie waren. Und kein nachtragendes Schmollen, wenn sie doch erst um f√ľnf Uhr morgens wieder heimkehrt.

Als sie f√ľr ein Jahr mit ‚ÄěWork & Travel“ durch Australien reiste, sp√ľrte Marie deutlich, welchen Vorteil sie als Single im Gegensatz zu Anderen hatte. ‚ÄěIch weinte abends nicht wie ein Schlosshund meinem Freund hinterher, sondern konnte mich ganz auf mich konzentrieren und das Jahr voll auskosten. Etwas Besseres gibt es nicht.“

M√§nner ziehen aus dem Singleleben fast noch gr√∂√üere Vorteile, m√∂chte man denken, wenn man an das Paradebeispiel Charlie Harper aus ‚ÄěTwo and a Half Men“ denkt. Jedes Wochenende eine andere Frau, keine Eifersuchtsszenen (meistens zumindest), keine Abh√§ngigkeiten: der typische ‚Äěewige Junggeselle“.

In Deutschland leben 25 Prozent der 18- bis 45-J√§hrigen als Single und kommen in den Genuss all jener Freiheiten, die sich Alleinstehenden bieten. Fr√ľher h√§tte man √ľber all diese positiven Aspekte des Single-Daseins die Stirn gerunzelt.

Schlie√ülich bot eine feste Partnerschaft √ľber lange Zeit insbesondere Frauen finanzielle Stabilit√§t und Sicherheit. Doch in Zeiten von Globalisierung und wirtschaftlicher St√§rke braucht manch einer keine Beziehung mehr, um sich zu ern√§hren. Frauen sind in der Lage, sich unabh√§ngig von ihrem Partner im Berufsleben zu behaupten.

Ferner mutet eine Beziehung beinahe als Hindernis an, wenn man sich vor Augen f√ľhrt, in welche entlegenen Ecken der Welt die wirtschaftliche Verflechtung uns tr√§gt. Kann ein Banker oder Jurist, der von Bangkok nach Marokko jettet, noch eine Familie in Deutschland haben?

Klar kann er, denn nach wie vor bieten ein fester Wohnsitz und eine Familie genau jenen R√ľckzugspunkt, den sich viele Workaholics w√ľnschen. Doch bei zahlreichen Karrieristen bleibt keine Zeit daf√ľr, sich in Ruhe nach der Liebe des Lebens umzuschauen.

Soziale Netzwerke helfen an dieser Stelle meist noch nach. Wer mit 800 Freunden auf Facebook gl√§nzt, dem d√ľrfte es doch eigentlich nicht schwer fallen, einen Partner oder eine Partnerin zu finden. Doch gerade jene komplizierten Beziehungsgeflechte, die wir uns √ľber die letzten Jahre aufgebaut haben, bieten eine F√ľlle an Entscheidungsm√∂glichkeiten, mit denen wir √ľberfordert sind.

Mit jeder neuen Person, die wir √ľber drei Ecken kennen lernen, manifestieren sich Gedanken im Raum wie: Soll ich mich wirklich f√ľr die Eine respektive den Einen entscheiden? Ist so etwas endg√ľltig? Es ist, als w√ľrde eine Frau vor ihrem √ľberf√ľllten Kleiderschrank stehen und m√ľsste sich f√ľr das Outfit ihres Lebens entscheiden. Eines, das sie jeden Tag tragen muss, egal ob es regnet, oder ob die Sonne scheint. Aber die Kombinationsm√∂glichkeiten sind schier unendlich und letztendlich resigniert manch einer vor dem Kleiderschrank, bis er wirklich wei√ü, was ihn am zufriedensten macht.

Das Singleleben bleibt somit zumindest während des Hinaufkletterns der Karriereleiter und des Selbstfindungsprozesses eine attraktive Lösung. Wir können den Weg in den Beruf erfolgreich meistern, die Welt entdecken, eine Existenz aufbauen und dies anschließend mit jemandem teilen. Ideal wäre es, wenn wir ein wenig Singlefreiheit in die Beziehung mitnehmen könnten.

(Text: Ronja Heintzsch)
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√úber den Autor

Ronja Heintzsch
Ressortleiterin Kultur

Konstruktive Kritik in bitterscharfen Kommentaren √ľben, die Welt bereisen, auf aktuelle Problematiken hinweisen - all dies sind Gr√ľnde, aus denen Ronja beschloss, sich dem Metier Journalismus zu verpflichten. Schlie√ülich gibt es noch einige unaufgedeckte Watergate-Aff√§ren in dieser Welt.

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