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„Wir dürfen nicht mutlos werden“

Daniel Stahl spricht über seinen offenen Brief an deutsche Zeitungsverleger

In einem offenen Brief wendet sich der 26-jährige Daniel Stahl an die Zeitungs- und Zeitschriftenverleger und fordert eine faire sowie angemessene Bezahlung für Nachwuchsjournalisten. Grund sind die aktuellen Tarifverhandlungen und geplanten starken Lohnkürzungen. Mit back view spricht Daniel über die Hintergründe seiner Initiative.

Daniel, hast Du persönlich Angst vor deiner beruflichen Zukunft? Wie siehst Du Deine Jobaussichten?
Ich habe keine Angst, ich zweifle höchstens manchmal ein bisschen. Aber es gibt noch genug interessante Jobs für Journalisten, die in ihrem Beruf etwas bewegen wollen. Das werden vielleicht ein paar weniger in den kommenden Jahren. Aber es gibt gute Jobs. Ich habe ja eher die Sorge, dass es dafür bald kaum noch Bewerber gibt, einen Fachkräftemangel im Journalismus.

Wie kamst Du auf die Idee, einen offenen Brief zu schreiben und eine Petition zu starten?
Das ist relativ spontan passiert, zwei Abende vor einem Fußballturnier der Journalistenschulen. Ich habe die Streiks und die Tarifverhandlungen bei den Tageszeitungen beobachtet. Die Kollegen bei den Zeitungen streiken ja auch für uns Nachwuchsjournalisten. Wenn wir streiken würden, würde das ja keinen interessieren. Ich wollte versuchen, zusammen mit ein paar anderen Leuten, unserer Position Gehör zu verschaffen und die Kollegen zu unterstützen.

In deinem offenen Brief monierst Du die Sparmaßnahmen in der Medienbranche, die auch folgen auf die Berufsaussichten der nachkommenden Journalisten-Generation haben. Denkst Du, dass die Qualität nachlassen wird?
Ich denke, die Qualität lässt schon nach. Aber wenn Zeitungen und Medien allgemein für ihre Leser wirklich relevant bleiben wollen, dürfen sie daran nicht weiter sparen. Alle Zeitungen, überregionale und lokale, müssen in den kommenden Jahren zum Beispiel mit fundierten Kommentaren, exklusiven Recherchen und guten Autoren punkten. Reine Nachrichten gibt es überall im Internet. Das sind ja alles Binsenweisheiten. Die richtigen Schlüsse daraus ziehen die Verleger aber meiner Meinung nach nicht. Eine drastische Kürzung der Tarife ist ein falsches Signal, das gute Journalisten abschreckt. Und ohne gute Journalisten kann man keine Qualitätszeitung machen. Eigentlich ist das auch eine Binsenweisheit.Auszug aus Stahls offenem Brief

Burkhard Schaffelt, Justiziar des Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger, kreidet Dir an, dass es bei den aktuellen Tarifverhandlungen nicht um eine Reduzierung des Gehalts um 30 Prozent sondern um 15 Prozent gehe. Spielt das eine Rolle für die grundlegende Problematik?
Ich beziehe mich auf Zahlen der Journalisten-Gewerkschaften. Die kommen auf bis zu 30 Prozent weniger Geld, wenn man Kürzungen beim Arbeitgeberanteil zur Presseversorgung und solche Dinge miteinbezieht. An der Problematik würden aber auch ein paar Prozent weniger nichts ändern. Viele Journalisten machen ihr ganzes Berufsleben lang Wochenenddienste, Abendtermine und viele Überstunden. Und das machen sie gerne, weil sie ihren Beruf mögen. Aber an irgendeinem Punkt muss man sagen, das ist es mir nicht mehr wert. Und dieser Punkt ist für viele junge Leute schon erreicht oder kommt bald.

Sollten die Löhne nicht gekürzt werden, dann werden die Zeitungen und Verleger dies doch damit ausgleichen, Personal abzubauen. Ist es nicht besser, überhaupt einen Job in der hart umkämpften Medienbranche zu ergattern – dafür dann mit geringerem Lohn?
Das sehe ich nicht so. Wenn man keine Familie gründen will, weil das Geld fehlt und der Job nicht sicher ist, wie ich es von vielen Nachwuchsjournalisten höre, macht es keinen Sinn mehr, seinem Traumberuf nachzulaufen.

Bisher hast Du schon über 1500 Unterzeichner für dich gewinnen können, welches persönliche Ziel hast Du für die kommenden vier Tage – so lange die Petition noch läuft?
Ein persönliches Ziel habe ich nicht. Mir geht es um die Sache und darum, dass die Position von uns jungen Journalisten gehört wird. Viele machen sich Sorgen um die Zukunft, aber auch um den Journalismus an sich. Klar hoffe ich, dass noch möglichst viele Menschen die Petition unterschreiben. Ich will mich dann darum kümmern, dass die Petition mit der Liste der vielen Unterzeichner auch bei den Verlegern ankommt.

Welche Erwartungen hattest Du im Vorfeld deiner Initiative? – hattest Du mit dieser Resonanz gerechnet?
Nein. Ich hatte gedacht, es wäre sicher schon ein Erfolg, wenn 500 Leute den offenen Brief unterstützen. Die Solidarität unter uns Nachwuchsjournalisten freut mich.

Viele Nachwuchsjournalisten bekommen heute bei jedem Praktikum und Studium eingebläut, wie schlecht es um die Branche und die Jobaussichten steht. Die Folge sind negative Zukunftsaussichten. Glaubst Du, dass alleine diese Entwicklung schon Auswirkungen auf die Arbeit und das Wirken unserer Generation hat?
Viele Leute lassen sich lange Praktika oder Ausbildungsverhältnisse aufzwingen, von denen sie nicht einmal ihre Miete bezahlen können. Das sind die direkten Auswirkungen: Kaum einer traut sich, zu solchen Bedingungen nein zu sagen. Die Angst ist zu groß, am Ende gar keinen Job zu haben. Aber wir dürfen nicht mutlos werden und uns unter Wert verkaufen.

Link zum offenen Brief: „Offener Brief von Nachwuchsjournalisten an die deutschen Zeitungsverleger“

(Interview: Konrad Welzel)


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Über den Autor

Konrad Welzel
Gründer und Chefredakteur von back view

Konrad hat back view am 06. April 2007 gegründet - damals noch in diesem sozialen Netzwerk StudiVZ. Mittlerweile tobt sich Konrad ganz gerne im Bereich Social Media aus und versteht Menschen ohne ein Facebook-Profil nicht - dafür ist er viel zu neugierig!!!

Anzahl der Artikel : 158

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