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Willkommen in der Türkei

Ein Kommentar über das faszinierende Land

Die Türkei macht in den letzten Monaten fast ausschließlich negativ von sich reden. Während man sich an gewisse Krisenherde ja fast schon gewöhnt hatte, erreichen uns nach dem missglückten Putschversuch immer mehr schockierende Meldungen. Die Demokratie scheint sich ihrem Ende zuzuneigen, so scheint es. Aufgrund der Terroranschläge und der beunruhigenden politischen Situation sind die Tourismuszahlen erheblich zurückgegangen, es ist das Bild eines rückschrittlichen Landes entstanden, dessen EU-Beitritt in unendliche Ferne rückt. Zeit eine Lanze für dieses faszinierende Land zu brechen, das mehr ist als nur Recep Tayyip Erdoğan.

Was sie an der Türkei so sehr liebt, kann die Wahl-Antalyanerin Angelika Groß eindrücklich schildern. Sie ist eine von momentan etwa 50.000 Deutschen, die sich entschlossen haben, ihren Lebensmittelpunkt in die Türkei zu verlagern. Hauptsächlich handelt es sich dabei um mit türkischen Ehepartnern verheiratete Deutsche. Auch Angelika Groß Auswanderung geschah der Liebe wegen- allerdings der Liebe zum Land.

Vor etwa drei Jahren löste die Hannoveranerin ihre Wohnung in dem hippen Stadtteil Hannover Linden endgültig auf und kehrte Deutschland den Rücken. Seitdem lebt sie in Antalya und bereut- nichts! Doch wie kam es zu diesem Schritt?

Türkei Besuch

Der Grundstein für ihre Liebe zur Türkei wurde bereits 1974 gelegt

In diesem Jahr machte sie mit ihrem damaligen Freund eine Reise in die Türkei. Das junge Paar hatte sich einen R4 zum Wohnwagen umgebaut und machte damit eine Tour durch Europa. Endziel sollte die Türkei sein. Die Reise führte sie durch das ehemalige Jugoslawien, nach Griechenland und dann in den europäischen Teil der Türkei. „So ein Individualistenurlaub war damals unter uns Studenten total in. Für mich war es wahnsinnig abenteuerlich- wir passierten viele schroffe Hänge und überall sah man Skelette der verunglückten Reisebusse, die von den ungesicherten Straßen abgekommen waren. Die hungerarmen Gebiete in Albanien- sowas hatten wir vorher noch nie gesehen.

Insgesamt waren wir dreieinhalb Monate unterwegs. Überall haben wir viel Gastfreundschaft erlebt, aber am überwältigendsten war es in der Türkei!“ Besonders im Gedächtnis geblieben sei ihr der frappierende Unterschied zwischen Griechenlad und der Türkei: Die Griechen erlebte sie sehr ruhig, in der Hitze des Sommers sei das Leben sehr schleppend vonstatten gegangen. „Als wir die Grenze passiert hatten änderte sich zunächst nichts, die Gebäude ähnelten sich, ebenso wie die Kleidung, die Landschaft und das Wetter. Aber es herrschte eine ganz andere Geschäftigkeit. Wohin man auch kam, überall wurde etwas GEMACHT. „Und diese Gastfreundschaft“ schwärmt Angelika Groß.

„In einigen Dörfern wurden wir ein paar Tage eingeladen, in ganz einfachen kleinen Wohnungen wurden wir von fremden Menschen so herzlich aufgenommen, sogar an Hochzeiten haben wir teilgenommen. Ich weiß noch ganz genau, wie in Istanbul ein Schuhputzer seinen zusammenklappbaren Laden zusammenpackte und einem Kollegen übergab und eine Tour mit dem Taxi mit uns machte, um uns „seine“ Stadt zu zeigen. Er wollte sich das partout nicht bezahlen lassen und lud uns im Anschluss noch zu sich nach Hause ein.“

Tatsächlich klingen die Erinnerungen von Frau Groß nicht unbedingt so wie das, was wir aus dem hektischen Treiben in Deutschlands Großstädten gewohnt sind- von Fremden angesprochen werden will am liebsten keiner und wenn es denn doch passiert, spielt oft zunächst eine gewisse Skepsis mit. „In meinem Herzen habe ich mir eine Sehnsucht nach der Türkei und vor allem nach türkischen Menschen immer bewahrt.“ Bis diese Sehnsucht gestillt werden konnte, sollte es aber noch einige Zeit dauern. „Erst über 30 Jahre später, als ich wieder alleine war und das Familienleben praktisch abgeschlossen hatte, war es Zeit, dort wieder genau hinzuschauen.“ Die Affinität zur türkischen Mentalität hatte sich der pensionierten Lehrerin schon zuvor im Umgang mit türkischen Familien gezeigt, im Berufsalltag und im Rahmen ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit als Integrationslotsin.

Zum Ende ihres Berufslebens sei ihr wieder die alte Sehnsucht in den Sinn gekommen, sicher auch bedingt durch den vermehrten Umgang mit türkischen Menschen.
Trotz 30 Jahren „Abstinenz“ sei die Erinnerung immer noch lebendig gewesen. So wollte sie sich dann vergewissern, dass ihr Traum von der Türkei nicht nur eine verklärte Jugenderinnerung war- es sollte eine ganz normale Reise werden. „Vor meiner ersten Reise in die Türkei machte ich einen Sprachkurs. Ich finde das gehört aus Respekt vor Land und Leuten einfach dazu. Auch wäre eine Pauschalreise nie in Frage gekommen.“

Zunächst erkundigte sie sich, wo die besten Sprachkurse angeboten wurden. „Es ging dann nach Izmir. Dort lebte ich vier Wochen bei meinem Sprachlehrer, also wieder mittendrin. An den Wochenenden wurde man mitgenommen zu den Verwandten. Da ging es dann mit der Gastfreundschaft schon soweit, dass man sich für unsere Verhältnisse schon fast ein bisschen in Acht nehmen musste“ schmunzelt sie.

„Ich übernachtete mit lauter fremden im Wohnzimmer auf Klappbetten. Von der Schwiegermutter, die einen staatlichen Gözleme-Stand hatte, lernte ich diese zuzubereiten.
Trotz emotionaler Überforderung hat mich diese Herzlichkeit sehr berührt.“ Und dann war das Türkei-Fieber wieder entfacht: In immer kürzeren Abständen brach die Türkei-Liebhaberin zu neuen Sprachreisen auf, nach Side, Antalya etc., immer mit Intensivkurs und Unterkunft in kleinen Pensionen. Sie schloss viele Freundschaften, die Zeiten, in denen sie sich in der Türkei aufhielt wurden immer länger. Sie legte sich ein Fahrrad zu, dass sie in einer Pension deponierte und begann unterbewusst nach Wohnungen am Meer zu suchen.
Jedoch noch ohne echten Umsiedlungsgedanken, wie sie immer wieder betont.

Sie schaute nach „Zu vermieten“ Schildern am Meer

Bei einem ihrer unterbewusst gelenkten Such-Streifzüge am Meer muss ihr Blick wohl so sehnsuchtsvoll gewesen sein, dass ein Haubesitzer sie gleich wissen ließ„Bei uns wird eine Wohung frei!“ Schon am nächsten Tag hatte Angelika Groß den Mietvertrag unterschrieben- und das ohne je die Wohnung gesehen zu haben. „Beste Lage in Antalya, 100 qm mit 9 Metern Festerfront aufs Meer, was hätte ich da falsch machen können?“. Im Oktober unterschrieb sie den Mietvertrag und im Januar sah sie ihre Wohnung das erste Mal. Und zog ein, mit einer Matratze, einem Tisch und zwei Stühlen. Der Umzug erfolgte peu a peu. Erst 2013 fiel dann die Entscheidung: Ich bleibe hier! „Ob das eine bewusste Entscheidung gewesen ist? Nein, das hat sich von allein entschieden. Wie übrigens auch bei allen anderen meiner ausgewanderten Freunde. Das Leben in der Türkei lässt einem kaum eine andere Wahl.“
Schnell habe sie neue Leute kennengelernt, durch den Wanderverein, die Badestelle vorm Haus.

Es sei ein bisschen wie in der Lindenstraße, jeder kenne sich, abends werde häufig gegrillt, mit dem Kaufmann, dem Friseur, dem Hausmeister wie dem wohlhabenden Hausbesitzer.
„Ich mag dieses Entspannte so sehr“ gerät sie ins schwärmen. „Wie der Tierarzt draußen mit seinen Kumpels Backgammon spielt, bis der nächste Patient kommt. Und der Kaufmann und der Friseur draußen stehen und schwätzen, bis mal wieder was passiert. Dennoch scheinen sie sich jeden Tag wieder etwas zu erzählen zu haben. Und es gibt einfach nicht diesen negativen Stress. Die Menschen hier sind glücklich mit dem was sie haben.“ Es gebe viele Möglichkeiten in sozialen Netzwerken für Ausländer, an denen sie sich aber wenig beteilige-(die Deutschen gründeten teilweise Betroffenenforen zu den merkwürdigsten Dingen, die ihnen fehlten, zum Beispiel Leberwurst!) am wichtigsten sei für sie der Kontakt zu den Einheimischen, deshalb besucht sie auch nach mittlerweile drei Jahren in der Türkei immer noch zweimal die Woche einen Sprachkurs.

„Da bin ich schon ehrgeizig. Und es ärgert mich, wenn die Leute in Kindersprache oder Händen und Füßen mit mir reden. Andererseits sind die Türken es natürlich nicht anders gewohnt, soviele Deutsche leben hier seit etlichen Jahren in deutschen Kolonien und bemühen sich nicht die Sprache zu lernen.“

Doch nicht nur das Klima und die Herzlichkeit machen das Leben in der Türkei für die 68 jährige so reizvoll. „Es gibt ein wahnsinnig vielfältiges kulturelles Angebot. Theater oder Kino kostet für mich vielleicht fünf bis zwölf Lira, vieles ist auch kostenlos, da ich ja schon über 65 bin. Für alle gibt es kostenlose Mal- Töpferkurse und und und…“ Ich sage, dass ich es sehr mutig finde, in dem Alter in ein anderes Land, mit einer ganz anderen Sprache und Kultur auszuwandern. Was heißt in dem Alter! Ich bin über 30 Jahre jünger und dennoch schlottern mir bei dem Gedanken die Knie!Türkei Besuch

„Mutig? So habe ich das nie empfunden.“ sagt sie nachdenklich. „ Meine Wahrnehmung ist tatsächlich eher so, dass hier vieles für mich leichter ist. Ich habe mich ja nie entschlossen auszuwandern, sondern ich war einfach von Land und Leuten betört. Diese Leichtigkeit des Seins und diese Unbeschwertheit, obwohl die Leute meist viel weniger Geld zur Verfügung haben als wir in Deutschland- das hat mich einfach umgehauen. Vieles spielt sich auf der Straße ab, das ist für einen Single wie mich nicht schlecht.“ sagt sie lächelnd. Beeindruckt habe sie vor allem diese positive Lebenseinstellung. Wenn Türken sich auf der Straße unterhielten höre man ständig „cok güzel“- sehr schön- und nicht „ist das alles furchtbar.

Die Türken fänden fast alles cok güzel, ganz anders als die Deutschen. Inzwischen sei sie immer wenn sie in Deutschland ist erstaunt über die Griesgrämigkeit der Leute- immer werde nur nach dem Haken, nach dem Haar in der Suppe gesucht, dabei sei doch so vieles einfach cok güzel! Wenn sie ein Problem habe regele sich vieles von ganz allein, einfach nur durch das darüber sprechen, ohne jede Intention dahinter. „Wenn ich sage, dass mir etwas fehlt, zückt mein türkischer Gesprächspartner meist schnell eines seiner drei Handys, ruft irgendwen an, der ruft wieder irgendwen an und wenig später klingelt das Telefon und irgendjemand kümmert sich darum. Alle kümmern sich um mich, wenn die Leute aus meiner Straße mich nicht sehen, rufen sie an oder klingeln, ständig hagelt es Einladungen. Das Zusammengehörigkeitsgefühl ist ein anders. In meiner Wohnung könnte ich nicht wochenlang verschimmeln, wie man es oft in deutschen Medien hört.“ lacht sie.

Sie wird nachdenklich

„Das Selbstverständnis ist einfach ein ganz anderes. In Deutschland wird der Ausländer meist eher erstmal kritisch beäugt. In der Türkei wird er besonders gut behandelt, denn er ist Gast. Als ich einmal einen kleinen Auffahrunfall hatte, sagte der Polizist „Zunächst einmal haben sie Recht, denn sie sind Gast in unserem Land. Unabhängig davon hatte ich tatsächlich Recht. Fremde Leute kamen auf mich zu und umarmten mich. Als meine Tochter mich fragte, ob ich diese Leute kennen würde, musste ich dies verneinen- es waren fremde Menschen, die mich umarmten, weil sie es als besonders schlimm empfanden, als Ausländer in einem fremden Land einen Unfall zu haben und mich deswegen trösten wollten.“ Apropos Tochter- wie schwer fiel denn der Abschied von Freunden und Familie?
Besonders für ihre jüngste Tochter sei es zunächst schwer gewesen, kein „Kinderzimmer“ mehr zu haben. Doch inzwischen sei sie sehr froh, so oft wie möglich Urlaub in Antalya zu machen. „Ansonsten fiel mir der Abschied sehr leicht- das liegt sicher daran, dass ich so unglaublich herzlich empfangen wurde. Von Freunden bekomme ich auch oft Besuch und Hannover ist ja nun auch nicht aus der Welt. Die Sommermonate sind mir ohnehin zu heiß, die verbringe ich dann gerne bei Freunden in der alten Heimat. Aber dann vermisse ich schon immer sehr schnell das Meer…
Jetzt gerade befindet sich Angelika Groß auf Heimaturlaub. Seit sie Antalya im Juni für den Sommer verlassen hat, ist in der Türkei viel passiert, allen voran der missglückte Putsch-Versuch und die Reaktionen Erdogans auf diesen. „Trotz allem ist es ein Glück, dass der Putschversuch nicht erfolgreich gewesen ist. Für die meisten Menschen in der Türkei wäre eine Militärregierung das Schlimmste gewesen. Man darf nicht vergessen, dass das Volk Erdogan demokratisch gewählt hat“, sagt die Türkeiliebhaberin.

„Als überzeugte Demokratin ist es jawohl klar, was ich von Erdogan und seiner Politik halte. Man muss aber leider anerkennen, dass er das Ganze sehr geschickt anstellt. Ich habe schon einige Reden von Erdogan gehört und bin des türkischen inzwischen so mächtig, dass ich sie gut verstehen kann. Er ist sehr eloquent, kann die Zuhörer in seinen Bann ziehen und bestärkt sie in ihren Gefühlen und Wünschen. Er stellt sich taktisch sehr klug als ihr Führer dar, der ihre Wünsche in Erfüllung gehen lasse möchte, sie dabei aber um ihre Hilfe bittet gegen seine politischen Widersacher. Das ist rhetorisch sehr geschickt. Er zieht eher bildungsferne Menschen an, die bisher das Gefühl haben, zu kurz gekommen zu sein. Das lässt sich vielleicht ein bisschen mit dem AFD-Phänomen in Deutschland vergleichen. Er wirkt wie ein Rattenfänger. Die Reden wecken bei mir jedenfalls Erinnerungen an die Adolf Hitlers aus dem Dritten Reich.”

Ihre Freunde seien im Übrigen alle Erdogan-Gegner! Dass das Erdogan-Regime von etwa der Hälfte der Menschen in der Türkei strikt abgelehnt werde, gehe ihres Erachtens in den internationalen Medien oft ein wenig unter. Dass er in der Bevölkerung so großen Anklang finde, sei für uns Deutsche völlig absurd, unter Berücksichtigung des geschichtlichen Kontextes jedoch durchaus verständlich. Auch hier ließe sich eine Parallele zu dem Erfolgs Adolf Hitlers in den 30er Jahren in Deutschland ziehen:

„Die Türken haben der Politik Erdogans den wirtschaftlichen Aufschwung im Allgemeinen zu verdanken, den Ausbau der Infrastruktur. Wenn man die heutige Türkei mit der vor 15 Jahren vergleicht, dazwischen liegen Welten, das Land hat sich total herausgeputzt. Im Übrigen hat er sozialen Wohnungsbau vorangetrieben, die Arbeitslosenzahl ist stark zurückgegangen, es gibt inzwischen Sozialversicherungen. Das alles vergessen die Menschen ihm nicht.“

Man dürfe außerdem nicht außer Acht lassen, dass die religiös eingestellte Bevölkerung unter der kemalistischen Regierung sehr gelitten habe. Sie sei weitestgehend von Bildungsmöglichkeiten ausgeschlossen gewesen. Es habe ein Kopftuchverbot gegeben, wer es sich leisten konnte habe seine Kinder im Ausland studieren lassen. „Das rächt sich jetzt natürlich“ konstatiert die frühere Deutsch-Lehrerin.

Nach den ersten Nachrichten sei es ihr erster Gedanke gewesen, nur zurückzukehren, um ihre Sachen zu packen und den Aufenthalt dort zu beenden, da sie nicht in einem totalitären Regime leben wolle. Jedoch wollten sie ihre türkischen Freunde ausnahmslos davon abhalten, nun überstürzt zu reagieren. Sie sei nun entschlossen, die Entwicklungen abzuwarten und nähere Informationen zu bekommen, da sich einige politische Hintergründe nicht durch die deutschen Medien erschließen ließen und nur vor Ort in Erfahrung zu bringen seien.

„Ich möchte die Hoffnung nicht aufgeben, dass sich noch alles zum Guten wendet. Dieses wunderschöne Land darf einfach nicht vor die Hunde gehen. Meine Liebe für die Türkei ist jedenfalls ungebrochen“, sagt sie in die Ferne blickend und sitzt in ihren Gedanken ohne Zweifel schon auf ihrer Terrasse mit dem unglaublichen Blick auf das Meer und die Berge.

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