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Wie war das noch mit den inneren Werten?

Kommentar zum Schönheitsideal, das sowieso nie erreicht wird

Von den meisten Menschen auf dieser Welt existieren weder Poster in Lebensgröße, noch haben sie eine Miss-Wahl-Schärpe daheim herumhängen oder wurden jemals von einem Modelscout auf der Straße angesprochen. Und doch haben sie etwas Schönes an sich. Klar – es gibt ja noch die inneren Werte und so.


Falls ich jemals ein Kind bekommen sollte, werde ich auf der Bestellliste beim Storch folgende Kriterien ankreuzen: Braune Haut, schmales Gesicht, dunkle und schmale Augenbrauen, lange und dunkle Wimpern, keine Augenringe, hohe Wangenknochen, schmale Nase sowie volle und gepflegte Lippen.

Entscheide ich mich bei meiner Wahl für einen Jungen werde ich als Randbemerkung außerdem angeben, dass das Kind nur einen kleinen Abstand zwischen Augenlid und Lidfalte haben darf sowie weder Geheimratsecken noch Falten an Nase und Mundwinkel besitzen sollte. Mit dieser Checkliste müsste ich auf der sicheren Seite sein, ein Kind zu bekommen, das dem heutigen Idealbild von Schönheit entspricht – denn das sind zumindest die Eigenschaften, die die Attraktivitätsforschung zur Beurteilung angibt.

Checkliste zum Schönsein
Da es keine objektive Definition für Schönheit gibt und wahrscheinlich niemals geben wird, versucht die Attraktivitätsforschung durch die sogenannte Morphing-Methode konkrete Merkmale des menschlichen Aussehens zu systematisieren und zu bewerten. Blickt man also mal auf deren Beauty-Check kann man überprüfen, inwieweit man dem Ideal entspricht. Es scheint, als sei Schönheit messbar.

Mal ganz abgesehen von allen theoretischen Normen, sieht die Realität aber immer anders aus. Kaum einer kann von sich behaupten, alle aufgestellten Eigenschaften in sich zu vereinen und dem allgemeinen Ideal dadurch nahe zu sein. Jedoch hat man heutzutage zumindest viele Möglichkeiten, ein bisschen mehr so auszusehen, wie man es sich selbst oder die Gesellschaft wünscht. Hat man krumme Zähne, geht man zum Kieferorthopäden; werden die Haare langsam grau, besorgt man sich eine Tönung.

Tagtäglich wird nicht nur mit Glätteeisen gearbeitet, Falten mit Spangen abgeklemmt und Bauch-Weg-Strumpfhosen angezogen, sondern auch Push-Up-Jeans gekauft und Schönheitspillen geschluckt. In unserer heutigen Zeit kann man in TV-Shows live dabei sein, wenn Menschen vor laufender Kamera eine Fettabsaugung an sich vornehmen lassen. Oder man kann beim Betrachten von Werbeplakaten rätseln, ob man sich auch ohne Photoshop um die Barbie-ähnlichen Püppchen mit den dünnen Beinchen aber viel zu großen Brüsten Sorgen machen müsste, dass sie das Gleichgewicht verlieren.
innere werte
Wie schön bist du?
Schönheitsideal hin oder her – jeder muss sich wohlfühlen und dabei sollte man selbst entscheiden, welche Methoden und Hilfsmittel man anwendet, um seinen eigenen Vorstellungen des idealen Aussehens zu entsprechen. Nur sollte man über dem Kalorienzählen und Durchforsten von Nährwertangaben nicht das Leben vergessen und vielleicht akzeptieren, dass man mit einer Körpergröße von 1,55 Metern im Alter von 30 Jahren nicht mehr wachsen wird.

Die Merkmale, die die Attraktivitätsforschung aufgestellt hat sind allgemeine Durchschnittswerte, an denen man sich orientieren kann. Doch mögen die Wimpern noch so lang, der Bauch noch so flach und die Wangen noch so hoch sein, es ist weder eine Garantie zum Schön- noch zum Glücklichsein. Auch die Frau mit der kleinen, süßen Stupsnase, der glatten Haut und den langen blonden Haaren hat ab und zu einen schlechten Tag und zieht manchmal ein Gesicht, als hätte es mindestens drei Tage durchgeregnet. Dagegen kann es sein, dass man den pummeligen Typen mit den weit auseinanderstehenden Augen den ganzen Tag anstarren könnte, weil er einfach irgendetwas – aber nicht auf fest definierbare Kriterien – Schönes an sich hat.

Hübsch ist nicht gleich schön
Hat man je eine tolle Stadt bei Regen und Sturm gemocht, wird man sie bei strahlendem Sonnenschein lieben. Hat man je einen hübschen Menschen angeschwärmt, wird man ihn bei einem netten Wesen bewundern. Steht das Grundgerüst erst mal, sind es die kleinen Details, die ein stimmiges Bild zeichnen und den Reiz ausmachen. Schönheit entfaltet sich in ihrem vollen Glanz erst, wenn eine gesunde Balance zwischen äußeren Merkmalen und inneren Werten gefunden wird. Es ist die Ausstrahlung, die nicht nur eine Stadt, sondern auch einem Mensch dieses gewisse Extra verleiht.

Wahre Schönheit kommt von innen – der Spruch ist so alt und ausgelutscht, und doch so wahr. Natürlich betrachtet jeder gerne hübsche Menschen auf Postern, in Zeitschriften und auf der Straße. Aber wer nie eine gewisse Zufriedenheit und Ausgeglichenheit in seinem Leben erreicht, wird eben nie von innen strahlen, so gut er auch den Beautycheck besteht. Jeder hübsche Mensch kann mit einem hässlichen Charakter sehr schnell seinen „Marktwert“ verlieren, da kann die Attraktivitätsforschung noch so konkrete Merkmale aufstellen. Vielleicht sollte ich das Ding mit den inneren Werten noch irgendwo auf meiner Bestellliste an den Storchen vermerken.

(Text: Christina Hubmann / Foto: Tobias Mittmann by jugendfotos.de)
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Über den Autor

Christina Hubmann
Redakteurin

Christina Hubmann wollte eigentlich mal Busfahrer werden, ehe sie sich entschloss, doch "irgendwas mit Medien" zu machen. Schreiben tut sie nämlich schon immer gern. Und wie das Leben ohne dieses Internet funktioniert hat, fragt sie sich schon seit Längerem - erfolglos.

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