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Wer trägt hier die Verantwortung?

Kulturecke: „An Inspector Calls“ im Theater

Dem Theaterstück „An Inspector Calls“ von J. B. Priestley wird in England hohe Bedeutung zugeschrieben. Nicht nur zeigt es gekonnt Unterschiede zwischen Jung und Alt, sondern überrascht zudem mit einem offenen Ende, das sprachlos macht.

Familie Birling sitzt an einem schönen Frühlingsabend im Jahre 1912 beisammen, um die Verlobung ihrer Tochter Sheila mit ihrem zukünftigen Ehemann Gerald Croft zu feiern. Sheilas Vater zeigt sich angetan von der Tatsache, dass ihm wirtschaftliche Vorteile durch die Kooperation mit Geralds Vater von Croft Industries winken, während Eric, Sheilas Bruder, den einzigen Vorteil des Zusammenkommens im Alkohol sieht.

Nicht lange lässt eine der allseits bekannten Reden von Mr. Birling auf sich warten. Das Familienoberhaupt erklärt in all seiner Naivität, dass die Titanic unsinkbar sei, ein Krieg niemals ausbrechen werde und alsbald überall auf der Welt Wohlstand herrschen würde, „ausgenommen in Russland, das schon immer spät entwickelt war“. Selbstbewusst und großspurig verdeutlicht er der jüngeren Generation, Gerald und Eric, wie ein Fabrikbetreiber zu wirken habe: Indem er darauf achtet, Profit zu machen und als erstes sich selbst fördert.

Wie aufs Stichwort steht ein Inspektor vor der Tür, der in dem Fall einer Frau ermittelt, die soeben auf dem Weg ins Krankenhaus gestorben sei. Inspektor Goole eröffnet der ahnungslosen Familie Birling und Gerald, dass es sich um Selbstmord handele und er einige Fragen stellen müsse.

Nach und nach muss sich jedes der Familienmitglieder der harten Prozedur des Inspektors unterziehen. Ein Foto der jungen Frau, Eva Smith, und gezielte Fragen veranlassen die Aufdeckung ihrer dunkelsten Geheimnisse.

Eva Smith wurde nach einem von ihr initiierten Streik in der Fabrik Mr Birlings von diesem gekündigt. Auch ihr nächster Job ist nicht von langer Dauer. Das Bekleidungsgeschäft Milward‘s wirft sie aufgrund des wirtschaftlichen Druckes von Sheila Birling raus. Sheila gesteht unter Tränen, dass Eva ein Kleid besser gestanden und sie aufgrund dessen ihre Kündigung veranlasst habe.

Im zweiten Akt folgt das Geständnis von Sheilas Verlobtem Gerald Croft. Auch er hatte seine Finger mit in dem Spiel, was Inspektor Goole später als „Handlungskette“ beschreibt. Im letzten Sommer lernte Gerald Eva Smith unter dem Namen Daisy Renton kennen und quartierte die obdachlose Schönheit in einer Wohnung ein. Dabei blieb es jedoch nicht. Gerald trennte sich zum Ende des Sommers von Daisy und ließ diese erneut ohne Zukunftschancen zurück.

Anschließend machte Eric Birling die Bekanntschaft von Daisy und schwängerte die junge Frau, woraufhin Daisy Hilfe bei der Wohltätigkeitsorganisation von Erics und Sheilas Mutter suchte. Mrs Birling verwehrte Daisys Antrag auf Hilfe jedoch, nachdem sich diese als Mrs Birling ausgegeben hatte.

Eine unglückliche Folge von Handlungen, die in den Selbstmord einer verzweifelten Frau resultierte. Inspektor Goole, eine Art moralisches Gewissen, will den Charakteren aufzeigen, dass es nicht darum geht, sich am eigenen Wohl zu orientieren. Er vertritt die Ansicht, dass alles miteinander zusammenhängt, jeder für seine Mitmenschen verantwortlich ist und sich seiner Handlungen bewusst sein sollte.

Als er schließlich aus dem Haus der Birlings verschwindet, atmen Mr und Mrs Birling auf. Sie sehen nicht ein, ihre Handlungen zu hinterfragen und den Instruktionen des Inspektors Folge zu leisten. Leichtfertig versuchen sie, das Geschehene herunterzuspielen. Doch ihre Kinder protestieren. Sheila und Eric sind sich der Mitschuld bewusst, die sie tragen.

Währenddessen findet Gerald heraus, dass es sich bei dem Mann nicht um einen Inspektor handelte. Wer war er? Existierte Eva Smith überhaupt? Woher sollten die fünf wissen, dass es sich bei der Frau auf dem Foto um ein und dieselbe Person handelte? Es durften niemals zwei zur gleichen Zeit das Foto betrachten.

„An Inspector Calls“ ist zurecht eine der wichtigsten englischen Tragödien. Das Stück wirft moralische Fragen wie Verantwortung auf, ist ein Abbild von England im 20. Jahrhundert und schafft es nebenbei, mit einem offenen Ende, wie man es nicht erwartet hätte, den Leser völlig fassungslos im Ungenauen zu lassen.

(Text: Ronja Heintzsch)
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Über den Autor

Ronja Heintzsch
Ressortleiterin Kultur

Konstruktive Kritik in bitterscharfen Kommentaren üben, die Welt bereisen, auf aktuelle Problematiken hinweisen - all dies sind Gründe, aus denen Ronja beschloss, sich dem Metier Journalismus zu verpflichten. Schließlich gibt es noch einige unaufgedeckte Watergate-Affären in dieser Welt.

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