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Wenn Spiegel, taz und Bild sich einig wären

Über die Macht der Medien

„Wer mit Bild im Aufzug nach oben fährt, der fährt auch mit ihr nach unten“, hat Springer-Vorstand Mathias Döpfner einmal gesagt. Und genau das erlebt gerade Bundespräsident Christian Wulff. Aber hat die Bild-Zeitung – haben die Medien – tatsächlich so viel Macht? Braucht man zum Regieren, wie Bundeskanzler a.D. Gerhard Schröder einst sagte, nur Bild, BamS und die Glotze? Neuere Studien zeigen: Medien haben weitaus weniger Macht als angenommen.

Rund zwölf Millionen Leser, eine Reichweite, die man sonst nur von Weltmeisterschaftsspielen der deutschen Fußballnationalmannschaft kennt, Meinungsführer, meist zitiertes Medium in Deutschland 2009 und größte Zeitung Europas. Das ist die Bild-Zeitung. Es verwundert also nicht, dass viele dem Boulevardblatt vorwerfen, Manipulation zu betreiben, und bestimmte Denkweisen vorzugeben, nach denen sich die Leser richteten. Eckart Spoo schrieb 1968 im Buch „Imperium Springer“: „Bild-Schlagzeilen sind mehr als bloße Schlagzeilen, sie sind fette schwarze Macht.“

Die Forschungsmeinung hat sich gewandelt
Gerade in den 1968ern war weit verbreitet, dass Medien beeinflussen, manipulieren und lenken können. Die Bild-Zeitung galt als das große Böse. Eine Medienmacht, ein Imperium, das bekämpft werden muss. Auch Forscher gingen davon aus, dass Medien eine große Macht haben. Inzwischen sieht die Wissenschaft das etwas differenzierter. Einigkeit gibt es zwar nur darüber, dass man nicht weiß, wie viel Macht Medien tatsächlich haben, es gibt aber auch Ansätze, die Medien wenig bis gar keine Macht zuschreiben.

Über Bild-Zeitung teilt sich die Lesermeinung.

Auf Werte und Einstellungen haben Medien demnach beispielsweise kaum Einfluss. Um das Bewusstsein zu verändern, so schreibt Gudrun Kruip in dem Buch „Das Welt-Bild des Axel-Springer-Verlags“, müsse es eine gleichlautende Beeinflussung über einen längeren Zeitraum auf mehreren Ebenen geben. Ein Medium allein reicht also nicht aus, um eine Bewusstseinsveränderung herbeizuführen – oder anders ausgedrückt: Spiegel, taz und Bild müssten sich schon einig sein.

Eine Lenkung der Leser ist kaum möglich
Das hängt auch damit zusammen, dass politisch eher Linksorientierte in der Regel nicht zu den als konservativ eingestuften Zeitungen Frankfurter Allgemeinen Zeitung oder Die Welt greifen, sondern eher zu als links eingestuften Zeitungen wie der Frankfurter Rundschau oder taz. So stimmen die Eindrücke der Zeitung häufig auch mit den Eindrücken der Leser zusammen, eine Lenkung ist in vielerlei Hinsicht kaum möglich.

Kein Wissenschaftler bestreitet aber, dass Massenmedien grundsätzlich Gefühle und Emotionen – auch sehr starke – auslösen können. Auch, wenn viele Bürger empört sind über das, was Christian Wulff im Zuge der Kredit- und Medienaffäre getan hat, für den Bundespräsidenten sieht es im Moment dennoch ganz gut aus. Obwohl medienübergreifend über seine Verfehlungen berichtet wird und ihm über sämtliche Medien hinweg auch offen der Rücktritt nahegelegt wird, wollen ihm laut einer aktuellen Umfrage rund 60 Prozent der Bundesbürger eine zweite Chance geben.

Das widerspricht der Theorie der Schweigespirale, die Elisabeth Noelle-Neumann in den 1970er Jahren berühmt machte. Sie ging davon aus, dass Menschen bei gewissen Themen wider ihrer eigenen Meinung diese öffentlich verbreiten, wenn sie von den Massenmedien vorgelebt werden – und der öffentliche Druck überwiegt.

Das Internet verändert die Nachrichtenauswahl
Dennoch – den Medien eine gewisse Macht abzusprechen, ist nicht richtig. Medien bestimmen, welche Themen auf der Agenda sind und, wie lange sie dort bleiben. In der Forschung wird dieser Ansatz Agenda Setting genannt. Es ist die Aufgabe von Journalisten, aus allen Informationen diejenigen auszuwählen, die veröffentlicht werden.

Aber: Der Agenda-Setting-Ansatz hat sich durch die Verbreitung des Internets verändert. Werden beispielsweise in Blogs oder Onlinemedien gewisse Informationen gestreut, kommen Print- und Rundfunkmedien nicht drum herum, ebenfalls darüber zu berichten, um ihre Glaubwürdigkeit zu behalten. Es obliegt also nicht mehr allein den Massenmedien Print, Hörfunk und Fernsehen, welche Themen auf der Agenda sind.

Ebenfalls ist richtig, dass sich beispielsweise durch Medienkonsum die Hirnstrukturen und damit auch Denkweisen verändert. Menschen, die viel fernsehen, nehmen das Fiktive als real an. Sie haben beispielsweise häufiger Angst, Opfer von Verbrechen zu werden, als Menschen, die weniger Fernsehen schauen. Forscher sprechen hier von der Kultivierungsthese.

Hinzu kommt, dass das Mediensystem in Deutschland sich selbst kontrolliert. Wenn Bild eine Kampagne betreibt, ist sie darauf angewiesen, dass auch andere Medien mitmachen. Das passiert in vielen Fällen aber nicht. So hatte der ehemalige Bundeswirtschafts- und -verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg die Unterstützung der Bild-Zeitung.

Diese Unterstützung könnte gar zu Entlassungen von langjährigen Mitarbeitern geführt haben, was definitiv ein Anzeichen für Macht ist. Die Macht erreichte aber bald ihre Grenze. Als es zur Plagiatsaffäre kam, berichteten auch alle anderen Medien intensiv über die Verfehlungen Guttenbergs. Die Aufrufe der Bild, dem Minister zu verzeihen, reichten nicht aus. Guttenberg musste trotz anhaltender Unterstützung der Bild zurücktreten. Da halfen auch alle Gefälligkeiten nichts.

TITELTHEMA: „WER LENKT DEUTSCHLAND“
Die Rolle und Funktion des Bundespräsidenten
Wie soziale Netzwerke uns täglich lenken
Über die Märkte und die Wirtschaft
Wie Werbung auf allen Wegen auf uns einprasselt
Über den täglichen Kampf am und um den Briefkasten

(Text: Miriam Keilbach, Foto: Julia Radgen)
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Über den Autor

Miriam Keilbach
Redakteurin

Miriam war 2007 im Gründungsteam von backview.eu. Sie volontierte beim Weser-Kurier in Bremen und arbeitet seit 2012 als Redakteurin bei der Frankfurter Rundschau. Ihre Themen: Menschen, Gesellschaft, Soziales, Skandinavien und Sport.

Anzahl der Artikel : 59

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