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Wenn „Liken“ wirklich hilft

Über Sinn und Nutzen der virtuellen Anteilnahme

Fast jeder kennt das Phänomen von Facebook Fanseiten, die der Anteilnahme an großen Ereignissen dienen. Dort können Facebook-Nutzer durch „Liken“, „Teilen“ und „Kommentieren“ einem Ereignis innerhalb der Netzwelt Bedeutung verleihen. Doch welches Ziel verfolgen die Urheber der Fanseiten, welche Reichweite und Wirkung haben sie und wie sieht es mit dem Nutzen für Betroffene und User aus?

Kommunikationsforum Internet
Das Internet ist trotz des Merkelschen #Neuland-Kommentars keine neue Form der Kommunikation. Dennoch stiegen vor allem in den letzten Jahren mit der größer werdenden Verbreitung auch die Möglichkeiten, welche soziale Netzwerke wie Facebook, Twitter und andere hinsichtlich der Kommunikation im Internet bieten.

Neue Bereiche des alltäglichen Lebens spiegeln sich nun auch in der Online-Welt wieder. Neben Crowdfunding und Online-Petitionen sind das vor allem Anteilnahmen und Beileidsbekundungen, die sich in Kommentaren oder ganzen Fanseiten ausdrücken können. Die tatsächliche Bedeutung und Reichweite von Posts und Likes kann für den gewöhnlichen Facebook-User auf den ersten Blick nicht immer direkt deutlich werden. Denn nur für die Administratoren einer Fanseite wird sichtbar, wie viele Menschen ein Posting tatsächlich gesehen haben. back view untersucht Resonanz und praktischen Nutzen an drei Beispielen.

Die Anschläge in Norwegen – virtuelle Anteilnahme
Als Anders Breivik 2011 in Norwegens Hauptstadt Oslo erst einen Bombenanschlag und dann auf der Insel Utøya ein Massaker in einem Feriencamp der norwegischen Sozialdemokratischen Partei verübte, war das weltweite Entsetzen groß. Anlässlich dieses tragischen Ereignisses wurde eine deutsche Facebook Fanseite mit dem Titel „Anteilnahme – Trauer – Den Opfern der Anschläge in Norwegen vom 22.07.2011“ ins Leben gerufen. Diese Seite haben 192 Menschen geliked. Sie enthält insgesamt nur drei Posts und eine Umfrage, an der sich in der Folge wenige User beteiligten.

Das selbsterklärte Ziel, diese Seite durch „Liken“ und „Teilen“ als Kondolenzbuch zu verwenden, kann angesichts der geringen Resonanz als wenig erfolgreich angesehen werden. Tatsächlich scheint das Liken einer Fanseite die ausschließlich der Anteilnahme dient und wenig Bezug zur eigenen Person hat, keinen großen Nutzen zu entfalten.

ScreenshotgeziOccupy Gezi – virtuelle Berichterstattung
Im Zuge der Proteste in der Türkei, die sich an einem Bauprojekt im Istanbuler Gezi-Park entzündeten und nun eine allgemeine Protestbewegung darstellen, entstand ebenfalls eine Fanseite auf Facebook. Das selbstformulierte Ziel der Betreiber ist es, die Reaktionen der Social Media-Kanälen und der regulären Medien über die Proteste rund um den Gezi-Park zu bündeln und darzustellen.

Sie weisen darauf hin, dass es sich bei den Protesten selbst, um einen Aufschrei gegen die Unterdrückung der freien Rede, Menschenrechte und Korruption in der Türkei handelt. Die Seite hat knapp 60.000 likes und ungefähr 59.000 Personen sprechen im Durchschnitt darüber. Hierbei ist vor allem in der Woche vom 1. bis zum 6. Juni der Höhepunkt, mit 100.000 Personen die darüber sprachen, erreicht worden.

Der Nutzen eines Likes dieser Seite wird bei der Betrachtung der geposteten Beiträge deutlich. Die Weigerung der türkischen Medien umfassend und ausgewogen über das Ereignis zu berichten, kann über die Vernetzung auf dieser Fanseite umgangen werden. Durch die umfangreiche Darstellung entsteht ein deutlich differenzierteres Bild der Anliegen der Protestbewegung. Auffällig ist, wie häufig die geposteten Inhalte selbst durch nochmaliges Teilen weiterverbreitet werden.

Fluthilfe Dresden – virtueller Austausch
Das Ziel der Seite zur Fluthilfe in Dresden ist mit „Ihr braucht Hilfe oder Ihr möchtet gerne helfen?“ kurz und prägnant formuliert. Wie der Gründer der Seite, der 26-jährige Fachmann für Online Marketing Daniel Neumann betont, sollte vor allem die Vernetzung von Hilfsangebot- und Nachfrage gefördert werden. Das Ziel der Information, zum Beispiel über Pegelstände, war von nachgeordneter Bedeutung.

Insgesamt haben fast 49.000 Menschen die Seite geliked. Es sprechen zwar zurzeit nur noch 1.800 Menschen darüber, in der Zeit vom 31. Mai bis 9. Juni sind es jedoch im Durchschnitt ca. 160.000 Menschen gewesen. In diesem Zeitraum hatte der Pegel in Dresden den Höchststand erreicht. Nach Angaben des Betreibers sahen in dieser Woche 2,4 Millionen Menschen die Posts und Beiträge.

Auch hinsichtlich der Hilfe vor Ort konnte der Betreiber Neumann ein positives Fazit ziehen. So sei es zum Beispiel durch die Koordination via „Postings“ gelungen, an einer Stelle einen Dammbruch zu verhindern, indem Helfer und Sandsäcke für die betroffene Stelle bereitgestellt und koordiniert werden konnten. Neben den zahlreichen, öffentlich sichtbaren Danksagungen erhielt Neumann auch viele persönliche Danksagungen von betroffenen Einrichtungen und Menschen.

Hat das Like einen Sinn?
Drei Seiten hat back view für Euch unter die Lupe genommen. Seiten zur Anteilnahme, wie ein virtuelles Kondolenzbuch, scheinen sich weder einer großen Beliebtheit zu erfreuen noch hat das Liken und Teilen scheinbar einen wesentlichen Nutzen. Occupy Gezi hat durch das Ziel der Bündelung und Weiterverbreitung von Informationen einen größeren Mehrwert. Die hohe Nutzerzahl, die Fülle der Beiträge und die Aktualität machen einen „Like“ durchaus attraktiv.

Die Seite der Fluthilfe Dresden hat darüber hinaus wohl den größten Effekt. Hier kann der Facebook-User kann mit seinem „Gefällt mir“-Button einen ganz praktischen Nutzen spenden. Wie der Betreiber Neumann betont, ist vor allem die ausgelöste Kettenwirkung durch „Likes“ und „Teilen“ und die damit verbundene Erhöhung der Reichweite ursächlich für den Erfolg der Seite und für die Betroffenen vor Ort gewesen.

Daher scheinen sich in einem begrenzten geografischen Raum durch Facebook-Fanseiten große Mobilisierungseffekte erzielen zu lassen. Das Farbe-Bekennen mithilfe eines Facebook-Likes kann sich also für Euch und die Betroffenen, wenn es der Informationsverbreitung und Vernetzung dient, durchaus lohnen.

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(Text: Marcel Stübner)
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Kommentare (1)

  • Avatar

    Phine Freiwild

    Vom Einzelnen auf das Allgemeine schließen – ich meine hier die ‚beleuchtete‘ Unwirksamkeit der Fanpages, deren Hauptziel Anteilnahme ist – da kräuseln sich der Wissenschaftstheorie doch glatt die Fußnägel.

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Über den Autor

Marcel Stübner
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