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Weg mit der East Side Gallery!

Kommentar zur Debatte um die Berliner Mauerreste

Als Ur-Berliner bin ich immer wieder erstaunt über die Diskussionen um den Erhalt der East Side Gallery. Gefühlt äußern sich vor allem viele zugezogene „Neu-Berliner“,  die Keule von nebenan bleibt hingegen still. Jenseits der Gentrifizierungsdebatte gibt es in der der aufgeheizten Diskussion eine andere wichtige Perspektive  – die der lebendigen Stadt.

East Side Gallery #2; Julia Radgen  Diese Perspektive beginnt im „damals“, als die Berliner Mauer noch nicht Ausdruck des neuen, coolen Berlins war, sondern ein Symbol für Teilung, Unterdrückung und Mord. Zahlreiche Menschen begannen nach dem Mauerfall lieber früher als später das so verhasste Monument der Unterdrückung zu beseitigen. Viele „Mauerspechte“ entnahmen Bruchstücke in der Erwartung und vielleicht auch der Hoffnung, die elendige Grenze jedweder Freiheit niemals wieder zu sehen.

Welche bremsende Wirkung diese weltweit einzigartige Teilung auf die Entwicklung der Stadt hatte, wurde erst in den folgenden 20 Jahren sichtbar. Ehemalige Areale des Todesstreifens am Potsdamer Platz, Brandenburger Tor, Osloer Straße, Anhalter Bahnhof usw. wurden neu gestaltet, mit neuer Architektur und neuem Leben versehen. Es war eine herrliche Aufbruchsstimmung, die uns Jungberlinern das Aufwachsen in einer der lebendigsten Städte Europas ermöglichte. Die ständige Veränderung des Stadtbildes ist damit bei vielen Berlinern, die diese Tage ebenso aufgeregt durchlebten, nicht als Einschränkung, sondern als Ausdruck von Freiheit und Lebensfreude im Gedächtnis verankert.

Und heute? Heute ist eine andere Zeit! Was zunächst banal klingt, ist nicht weniger als der Anbeginn einer neuen Berliner Zeit. Genau hier beginnt das Plädoyer für eine lebendige Stadt. Städte leben und entwickeln sich immer fort. Dass gilt im noch größeren Maße für Berlin, welches einem rasanterem Wandel vor allem dort unterliegt, wo die Mauer stand und noch heute steht. Und die East Side Gallery?

East Side Gallery, Julia RadgenAls ich eines Abends hinter der East Side Gallery mit Freunden einen gemütlichen Abend verbringen wollte, fiel mir ein Tourist auf, der gegen die Mauer urinierte. Kurze Zeit später fragte er mich, ob ich ihm sagen könne, wo die Berliner Mauer sei. Dieser am Akzent identifizierte Spanier wollte mich nicht auf den Arm nehmen. Er konnte sich nur wirklich nicht vorstellen, dass das, was er dort sah, tatsächlich „die Berliner Mauer“ sein sollte. Da begann ich nachzudenken. Er hatte recht. Mit der Mauer hat dieser bemalte Betonstreifen nicht mehr viel zu tun.

Auch die dahinter liegende Spreeidylle lässt nicht mal mehr im Ansatz erahnen, welche schreckliche Barriere der Geschichte hier vor mehr als 20 Jahren als Ausdruck des dunkelsten Kapitels deutscher Nachkriegsgeschichte stand. Dafür gibt es eine originalgetreue Rekonstruktion, die „Gedenkstätte Berliner Mauer“ mit Nachbildung von Wachtürmen, Stacheldraht und Selbstschussanlage. Wenn also die East Side Gallery als Stück ehemaliger Mauer kein Symbol der Teilung mehr ist, dann ist es nur ein anderthalb Kilometer lang bemalter Betonpfad, der die Erneuerung der Stadt behindert.

Weniger drastisch ausgedrückt bedeutet es, dass falls jemand eine bessere Verwendung für dieses Filetstück Berliner Baugrunds findet, er die Möglichkeit bekommen sollte, sie umzusetzen. Sicherlich lässt sich trefflich darüber streiten, ob das nun ein Wohnhaus mit Luxuswohnungen sein muss. Andererseits sind weitere Uferstücke in unmittelbarer Umgebung schon durch gemütliche Bars und die Anlage eines Uferwegs umgestaltet. Und wenn die chronisch klamme Stadt etwas benötigt, dann Geld für ihre zahlreichen, wenig ertragreichen Liegenschaften, die in der Unterhaltung Geld kosten.

East Side Gallery, Julia RadgenWie auch immer man speziell zu der Verwendung von Baugrund in bester Lage steht, die East Side Gallery selbst rechtfertigt weder historisch noch künstlerisch ihr unbedingtes Weiterleben an genau diesem Ort. Und das könnte ein Kompromissvorschlag in der Debatte sein. Überall in der Stadt stehen ehemalige Mauerstücke, so zum Beispiel am Potsdamer Platz. Eine Umsetzung der Mauerstücke ist technisch kein Problem. Vielmehr ermöglicht diese Idee eine künstlerische Auseinandersetzung und Aufwertung der East Side Gallery. Sie müsste weder vollständig zurückgebaut, noch weit entfernt umgesetzt werden. Würden die entfernten Teile genau gegenüber, etwa vor der O2 World, ihren Wert verlieren?

Diese Gedanken vereinen all das, was ich als Ur-Berliner gelernt habe und fühle, nämlich die heilsame Wirkung und Bedeutung einer lebendigen Stadt. Und vielleicht verstehen Neuberliner uns Ur-Berliner nun besser und lassen durch konstruktive Mitarbeit statt purem Protest die Veränderung ihrer neuen Heimatstadt ein Stück Geschichte ihrer Sozialisation werden, so wie die lebendige Stadt für uns eine Anekdote glücklicher Sozialisation ist.

(Text: Marcel Stübner, Fotos: Julia Radgen)

Mehr zur East Side Gallery bei back view gibt es hier!



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