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Weg mit den Klischees

Über die Darstellung von Sex in TV-Serien

Selbst wer Fernsehen verabscheut, liebt oft Fernsehserien. Vor allem US-Serien werden auch hierzulande viel und gerne im Original konsumiert. Egal ob realitätsnahe Comedyserie, Fantasy oder historischer Stoff, Sex gehört immer dazu – wird aber heute offener dargestellt als je zuvor.

Ein hingebungsvoller Kuss, eine leidenschaftliche Umarmung, dann das Sinken in die Kissen oder Verschwinden hinter der Zimmertür – Cut. Die nächste Einstellung zeigt die sich zuvor innig körperlich Verbundenen in die Bettwäsche – oder die obligatorischen weißen Bettlaken – gehüllt, die selbst beim Verlassen der Schlafstätte zwangsjackenartig um den nackten Körper geschnallt sind. So kennen wir die Darstellung von Sex aus amerikanischen Filmen und Serien gemeinhin.

Doch es scheint sich ein neuer Trend zur Freizügigkeit in US-Serien abzuzeichnen. Vor allem in Fantasy- und Historienserien rücken nackte Haut und Sex mehr in den Fokus. Das Paradebeispiel dafür ist die HBO-Serie „Game of Thrones“. Die TV-Serie, basierend auf der Romanreihe „Das Lied von Eis und Feuer“ von George R. R. Martin, feiert bei Fans und Kritikern große Erfolge.

Brüste, Blut und Gemetzel
Die Story in den fiktiven Königreichen von Westeros, das dem mitterlalterlichen Europa anmutet, strotzt nur so vor Gewalt und Sex. Viele Szenen sind so explizit, dass für das deutsche Fernsehen einige Folgen, um dem Jugendschutz Rechnung zu tragen, umgeschnitten werden mussten. Auf Videoplattformen finden sich unzählige Kompilationen aus zusammengeschnittenen Sexszenen der einzelnen Staffeln in beachtlicher Länge.

Dass mit viel Sex geht auch viel Gewalt einhergeht, schlägt sich auch in den Kritiken nieder. Da heißt es unter anderem, Game of Thrones sei ein „blutiges und freizügiges Mittelaltermärchen (Süddeutsche Zeitung), „reich an Blut und Brüsten“ (Frankfurter Rundschau) und voller „Gemetzel, Brüste und Drachen“ (Amy & Pink). „Die Tudors“, „Die Borgias“ „Rom“ und „Spartacus“ – alles Historienserien der vergangenen Jahre, die weniger Wert auf geschichtliche Fakten als auf Schlachten und Sex legen (allerdings auch nur mäßig erfolgreich waren).

Die momentan interessanteste Serie in Sachen Sex
Wem das zu weit entfernt von der realen Lebenswelt ist, dem sei die US-Serie „Girls“ an Herz gelegt – die momentan wohl interessanteste Fernsehproduktion, wenn es um die Darstellung von Sex geht. Die oft als realistisches Pendant zu „Sex and the City“ bezeichnete TV-Serie schont weder Augen noch Gemüt ihrer Zuschauer.

Nicht nur, dass die Hauptfigur Hannah, verkörpert von Drehbuchautorin, Produzentin und Regisseurin Lena Dunham, mit einigen Speckrollen und Tattoos äußerlich nicht dem optischen Schönheitsideal der Filmwelt entspricht. Immer wieder gibt es in der Serie merkwürdige Schlafzimmerszenen. Davon sind einige unfreiwillig komisch, (wenn sich Hannah bäuchlings auf dem Sofa liegend kurz vor dem Sex versucht, die Strumpfhose auszuziehen), andere irritierend, aber für manche noch zum Schmunzeln (wenn ihr Partner Adam zu ihr in die Dusche steigt und auf sie uriniert und er lacht während sie beginnt, zu kreischen).

Der Verdienst der Serie ist es aber, dass sie Szenen zeigt, die nicht im Geringsten komisch sind, sondern es dem Zuschauer ganz im Gegenteil ziemlich unbehaglich zumute sein lassen. In einer Szene spricht Adam eine sexuelle Fantasie aus – er stellt sich Hannah als minderjährige, alleingelassene Prostituierte mit einer kindlichen Frühstücksbox vor – Hannah verpatzt den „dirty talk“ durch Zwischenfragen.

Wenn sie am Ende merkwürdig monoton vor sich hinsagt, sie sei beinahe gekommen, wirkt es eher, als wolle sie sich selbst gut zureden und nimmt davon ohnehin scheinbar keine Notiz. Nicht nur für Hannah sind ihre Schlafzimmeraktivitäten in diesem Fall unbefriedigend, ihre Freundin ist vom Sex mit ihrem Langzeitfreund gar so gelangweilt, dass der Fernseher nebenher laufen muss und sie beinahe schon aggressiv wird.

Fans schätzen die Authentizität von „Girls“
So beleuchtet „Girls“ ein sonst kaum in Fernsehserien beachtetet Thema: Sie zeigt schlechten und unangenehmen Sex. Das ist in Zeiten von leidenschaftlichen Hochglanzbettszenen außergewöhnlich und erfrischend – und auch Teil des Serienkonzepts. Denn was die Zuschauer (und die Blogger) an „Girls“ schätzen, ist die Authentizität der Serie: Lena Dunham hat aus eigenen Erfahrungen und denen ihrer Freunde das Leben der Mittzwanziger eingefangen – in allen Bereichen wie es scheint – also eben auch mit einem schlecht bezahlten Job, einem ungeklärten Beziehungsstatus und miesem Sex.

Aber die Show geht sogar noch Foto: Antonia Lang / jugendfotos.deeinen Schritt weiter. In der Folge („Auf allen  Vieren“ / „On all fours“) fordert Adam seine neue Freundin Natalia auf, auf ihren Knien zum Bett zu kriechen, hat mit ihr Oralverkehr, obwohl sie Einwände erhebt und ejakuliert auf sie, obwohl sie ihn bittet es nicht zu tun. Genau genommen bittet sie ihn, es nicht auf ihr Kleid zu tun. Problematisch an dieser Szene ist die Kommunikation, denn streng genommen befolgt Adam alle Regeln, die sie vor dem ersten Verkehr aufgestellt hatte. Und trotzdem sitzt seine Partnerin am Ende verstört aussehend an der Bettkante und murmelt: „Das hat mir ganz und gar nicht gefallen.“

Diese Folge löste eine Kontroverse aus: Auf Blogs wurde diskutiert, ob es eine Vergewaltigung war oder nicht, ob die Serie einen Vergewaltiger gar romantisiert, wer von beiden Akteuer mehr Schuld an der Situation trägt, aber auch Dankbarkeit ausgedrückt, dass diese Problematik durch die Serie aufgegriffen wird. Auch in Deutschland, zum Beispiel auf dem Blog der Zeitschrift Neon, wurde die Aussage dieser Szene diskutiert.

Aber die Folge wirft nicht nur die Frage auf, wo die Grenzen zwischen passiver Partizipation dem Partner zuliebe und sexueller Gewalt, zwischen nicht einvernehmlichem und nur schlechtem Sex liegen. Vor allem stellt sie die Frage nach der Kommunikation über den Sex. In einem der Szene vorgelagerten Dialog zwischen den beiden gibt Natalia Adam klare Anweisungen, was sie im Bett möchte und was nicht. Adam lobt das und Natalie entgegnet: „Wie sollte man diese Dinge sonst klären?“

Doch wie sieht das in der Praxis aus? Kaum jemand umreißt Regeln für Sex wohl so genau wie Natalia, rattert einen Katalog an Do’s und Dont’s herunter. Vor allem bei neuen Partnern oder One-Night-Stands bleibt ein solches Abklären auf der Strecke oder es scheint fehl am Platz, gar bieder zu sein. Schneller als man denkt, befindet man sich in dieser Grauzone, bei der kein hundertprozentiger Konsens über die Handlungen besteht, man mitmacht und sich erst im Nachhinein das Unwohlsein einstellt.

Dass „Girls“ diese Grauzone zeigt, ist mutig und – das wird an den starken Reaktionen offensichtlich –  nahe am Leben der Zuschauer. Es stößt eine Diskussion über solche Situationen an, wenn es auch keine Lösung aufzeigt, und die Bewertung der Charaktere diskutabel ist. Trotz aller Kritikpunkte an der Serie muss man „Girls“ für diesen Mut einfach lieben.

HBO’s Girls Controversy – Analyse der „Girls“ Folge in der US-News-Show „The Young Turks“:

(Text: Julia Radgen / Foto: Antonia Lang by jugendfotos.de / Videos: HBO und The Young Turks)
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Über den Autor

Julia Radgen
Ressortleiterin Gesellschaft

Julia Radgen lebt in Mainz und schreibt am liebsten über Kultur- und Gesellschaftsthemen - und interessante Menschen. Sie ist Social Media-süchtig und verzichtet nur freiwillig auf Internet und Handy, wenn sie zu einem Festival fährt. Wenn sie groß ist, will Julia mal Journalistin werden.

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