Du bist hier: Home » Gesellschaft » Brennpunkte » Warum mir mein Outing schwer gefallen ist

Warum mir mein Outing schwer gefallen ist

David Renner ĂŒber die HĂŒrden des Outings

Es gibt einen Moment in meinem Leben, den ich wohl nie vergessen werde. Den Moment, in dem ich das erste Mal einem anderen Menschen offen gestanden habe, dass ich schwul bin. In meinen Erinnerungen kommt mir dieser Augenblick heute beinahe unwirklich vor. Eventuell auch deswegen, da es eine vollkommen spontane Entscheidung war.

Ich hatte zwar damals in unterschiedlichen Szenarien diese drei Worte geprobt, jedoch habe ich es nicht gewagt sie offen auszusprechen. Nicht einmal vor mir selbst. An diesem Tag kam es einfach aus mir heraus. Es kommt mir heute aber noch viel unwirklicher vor, dass es eine Zeit gab, in der ich mich vor mir und anderen verleugnet habe.

Denn heute weiß ich, dass sich nach außen zu verleugnen vor allem bedeutet, sich selbst nicht zu akzeptieren. Es ist schwer zu beschreiben, warum ich mich nicht selbst akzeptieren konnte. Ein Grund waren wohl die UmstĂ€nde, in denen ich mich damals befunden habe. Denn als ich das erste Mal bemerkt habe, dass meine Aufmerksamkeit in Liebesfilmen eher dem hĂŒbschen Mann als der Frau galt, war ich von der Vorstellung und mir selbst angeekelt. Damals war ich ungefĂ€hr 16 Jahre alt.

Gastbeitrag David RennerIch hatte vorher wenig Kontakt zum Thema HomosexualitĂ€t. Ich kannte maximal die lĂ€cherlichen Darstellungen von Schwulen wie Brisko Schneider oder die 90-minĂŒtige BĂŒck-dich-Parodie von Bully Herbig. Die ernsteste Darstellung von HomosexualitĂ€t war der Film „Philadelphia“, in dem es um die Aids-Erkrankung eines Schwulen geht. Das hat es nicht wirklich besser gemacht. FĂŒr mich war HomosexualitĂ€t etwas nicht Normales, etwas Problematisches und etwas, ĂŒber das man sich lustig macht. So wollte ich nicht sein und ich hatte das GefĂŒhl, dass etwas nicht mit mir stimmen kann, dass ich so geworden bin. Still und heimlich hatte ich die Hoffnung, dass es nur eine Phase sei und es bald vorbei ginge.

Es hat daher sehr lange gedauert bis ich eine positive Darstellung von Schwulen gefunden habe. FĂŒr mich war die Sitcom „Will & Grace“ die erste Serie, in der HomosexualitĂ€t, trotz völlig ĂŒberzeichneter Charaktere, nicht vollkommen abnormal und lĂ€cherlich dargestellt wurde. Zum ersten Mal hatte ich das GefĂŒhl mich mit den Charakteren identifizieren zu können. Viel spĂ€ter kam dann die Drama-Serie „Queer as Folk“ nach Deutschland. Schwules und Lesbisches Leben wurde zum ersten Mal fĂŒr ein Massenpublikum dargestellt (auch wenn die Serie im Nachtprogramm von ProSieben versendet wurde). Mit den Darstellungen vorher wollte ich mich jedenfalls nicht identifizieren.

Doch das war nur der erste Schritt. Denn nachdem ich gelernt hatte, mich zu akzeptieren, stellte sich fĂŒr mich die Frage, wem ich davon ĂŒberhaupt erzĂ€hlen kann. Und vor allem wann? In der Schule war ein Outing fĂŒr mich völlig undenkbar. In meiner Schulzeit – und ich glaube nicht, dass sich das geĂ€ndert hat – gehörte das Wort „schwul“ zu den beliebtesten Schimpfworten. Bei pubertĂ€ren oder postpubertĂ€ren Jugendlichen ist HomosexualitĂ€t eine Form der SchwĂ€che. Darum hĂ€tte ich niemals gewagt mich zu outen, solange ich noch auf der Schule war.

Warum ist die Schule ein so homophober Raum? Im Unterricht findet das Thema nicht wirklich statt. Im Deutschunterricht sprachen wir zwar ĂŒber das Buch „Tod in Venedig“, in dem es um eine pĂ€dophile Liebe eines Mannes zu einem Jungen geht. Wirklich sauber zwischen den beiden Themen wurde nicht getrennt. AufklĂ€rung bedeutet nicht im Sexualkundeunterricht zu erwĂ€hnen, dass Sex auch zwischen zwei Frauen oder zwei MĂ€nnern passieren kann, sondern muss in unterschiedlichen FĂ€chern stattfinden. Ansonsten fand das Thema nicht statt. Auch wenn alle Bildungsplan-Gegner aufschreien werden, hĂ€tte ich mir gewĂŒnscht, dass dieses Thema mehr in der Schule thematisiert wĂŒrde.

Doch auch nach der Schule habe ich mir schwer getan, offen zu meiner HomosexualitĂ€t zu stehen. Und das, obwohl ich das GlĂŒck hatte in einem vollkommen liberalen Elternhaus aufzuwachsen. Meine Eltern haben bei mir niemals den Eindruck erweckt, dass sie Schwule und Lesben verurteilen. Trotzdem hatten meine Eltern – das wusste ich – gewisse Erwartungen an mein Leben: Freundin, Hochzeit, Kinder. Diese Erwartungen zu enttĂ€uschen war ein belastendes GefĂŒhl.

Ich habe von vielen Freunden gehört, dass ihre Eltern schon lange ahnten, dass sie schwul seien. Bei mir war es nicht so. Dass ich mit 19 noch nie eine Freundin mit nach Hause gebracht hatte, schien meine Eltern nicht wirklich misstrauisch zu machen. Die Christina Aguilera Poster in meinem Zimmer schienen zumindest den Eindruck zu erwecken, dass ich auf halbnackte Frauen stehen könnte. Ich hĂ€tte mir damals gewĂŒnscht, dass sie mich einfach fragen und mir diesen Schritt abnehmen wĂŒrden. Denn wie sagt man seinen Eltern, dass man schwul ist? Eine wirklich gute Gelegenheit gibt es nicht. Es bleibt immer ein kĂŒnstlich herbeigefĂŒhrtes GesprĂ€ch. Meinem Vater habe ich es damals sogar zwischen TĂŒr und Angeln zugerufen und bin dann schnell geflĂŒchtet, da ich die Reaktion nicht ertragen konnte. Es gibt sicher bessere Varianten.

Der Moment, an dem ich es aber endlich einer anderen Person sagen konnte, wer ich bin, war fĂŒr mich eine große Befreiung. Von da an hat sich mein Leben grundlegend verĂ€ndert. Ich wĂŒrde heute sagen, dass ab diesem Zeitpunkt mein Leben eigentlich erst begonnen hat. Die negativen Erfahrungen, vor allem in meinem direkten Umfeld sind zu vernachlĂ€ssigen. Sie waren so unbedeutend, dass ich mich kaum noch an sie erinnere. Das Positive hat fĂŒr mich ĂŒberwogen. Ich weiß auch, dass das nicht die Regel ist und ich großes GlĂŒck hatte. Viele Lesben und Schwule stoßen nach ihrem Outing auf Ablehnung und Ausgrenzung.

Homosexuell zu sein verlangt es, sich frĂŒh mit der eigenen IdentitĂ€t und dem eigenen Umfeld auseinander zu setzen. Es geht darum, auszuloten, wie die nĂ€chsten Menschen auf das eigene Outing reagieren könnten. Denn auf das nĂ€chste Umfeld kommt es an, ob ein Kind schnell zu sich stehen kann. Wir können die Gesellschaft, in der homosexuelle Kinder aufwachsen gestalten und dafĂŒr sorgen, dass dieser Weg einfacher wird. Das fĂ€ngt mit dem Bild an, das Homosexuelle in unserer Wahrnehmung haben. Schwul oder lesbisch darf nicht mehr als SchwĂ€che oder AbnormitĂ€t gelten.

Akzeptanz fĂŒr andere Lebensstile muss konsequent in alle Bereiche des öffentlichen Lebens ĂŒbertragen. Dazu gehört fĂŒr mich neben einer völligen rechtlichen Gleichstellung auch die Integration des Themas in die Schule. Nicht nur, dass dort stĂ€rker gegen Mobbing (generell und speziell gegen homosexuelle Jugendliche) vorgegangen werden muss, sondern auch, dass Toleranz und Akzeptanz gegenĂŒber Homosexuellen in den Unterricht integriert werden muss. FĂŒr mich wĂ€re es ein Wunschtraum, wenn eines Tages mehrheitlich HomosexualitĂ€t als das gesehen wĂŒrde, was es ist: eine natĂŒrliche Form zu leben und zu lieben. Dann fiele es Jugendlichen auch nicht mehr schwer, zu sich zu stehen.

Gastbeitrag von David Renner:

David Renner bloggt unter Just Dave`s Blog seit Anfang 2013. Er schreibt ĂŒber sich selbst und das Leben als Schwuler.

(Text und Foto: David Renner)
Download PDF  Artikel drucken (PDF)

Schreibe einen neuen Kommentar

You must be logged in to post a comment.

Über den Autor

David Renner

Gastautor

Anzahl der Artikel : 1

© back view e.V., 2007 - 2017

Scrolle zum Anfang