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Warum mir Kinder meine Freiheit zurück geben

Glücklich MIT Nachwuchs

Eines der größten Mysterien unserer Zeit ist für mich die Tatsache, dass immer noch so wenige Kinder geboren werden. Sie geben Energie und Kraft, sie sind immer da und bescheren einem ein Leben lang Glück. Eigener Nachwuchs bedeutet für mich pure Freiheit.

Monatelang habe ich mich verrückt gemacht, wie es wohl werden würde, mit einem eigenen Kind. Mit einem kleinen Leben, für das ich nun Verantwortung übernehmen muss. Tag und Nacht. Für immer. Ist mein eigenes freies Leben damit offiziell beendet? Was wird aus meinen Hobbys? Bleibt dann noch Zeit für Freunde, Party, Kino und Familie? Immer wieder wurden mir solche Bedenken auch von Freunden an den Kopf geworfen: „Wie kannst du nur?“ oder „Bist du dir sicher, dass du das schon willst?“ begegneten mir dabei nicht gerade selten.

Natürlich macht man sich im Vorfeld so viele Gedanken und Sorgen, wie man das alles meistern soll. Ich habe bisher noch nicht einmal mein eigenes Leben so richtig auf die Reihe bekommen und war – ganz ehrlich –  damit schon ausgelastet.

Schlaf wird überbewertet
Aber egal, wie sehr ein Kind dir den Schlaf rauben wird, schon ein kleines Lächeln wird dich für alle Strapazen entschädigen. Dies ist eines von so einigen unglaublich ausgelutschten Klischees über die nervenaufreibenden ersten Wochen mit dem eigenen Baby. Ehrlich gesagt, konnte ich es mir auch nicht vorstellen, wie ich dauerhaft mit vier Stunden Schlaf (und die auch nicht am Stück sondern in ungleichmäßigen Teilabschnitten über die ganze Nacht verteilt) über die Runden kommen und dabei nicht die Nerven verlieren soll.

Ich war wirklich sehr skeptisch! Aber verdammt nochmal, diese verfluchten Klischees sind so verteufelt richtig! Die ersten Sonnenstrahlen bahnen sich den Weg durch das Fenster ins Schlafzimmer. Im Halbschlaf habe ich schon ein sanftes Quengeln vernommen, das sich langsam aber bestimmt zu einem grellen und durchdringenden Schreien hochschaukelt. 45 Minuten Schlaf reichen auch vollkommen aus. Ich mache mich auf zu einer neuen Etappe durch die Wohnung mit der Kleinen auf dem Arm. Im Halbschlaf, ohne Frühstück und mit schmerzenden Sehnen. Vollkommen übermüdet.

Wahre Klischees
Und doch erwische ich mich nur kurz danach, wie ich vollkommen erleichtert, stolz und voller Genugtuung ein kleines Lächeln aus dem winzigen Gesicht heraus erblicke. Es ist nur ein kurzer Moment, als sich die Mundwinkel leicht nach oben bewegen. Doch es ist ein Augenblick, der tatsächlich allen Ärger und die Müdigkeit schlagartig vergessen lässt. Ich hasse solche Klischees, aber dieses ist wahr!

Der Verlust der eigenen Freiheit ist wohl die größte Angst, die junge Menschen in Gedanken an eigenen Nachwuchs erdrücken lässt. Keine Hobbys, keine Freunde, keine Parties – alles gestrichen. Es gibt nur noch eins: das Baby. Und der eigene freie Wille ist alternativlos gestrichen.

Ausbrechen aus dem Hamsterrad
So sehen es viele Menschen, die noch kein eigenes Kind haben. Doch in Wahrheit ist es umgekehrt. Ich war noch nie so frei, wie seit der Geburt meiner Tochter. Nie zuvor war mir alles andere so vollkommen gleichgültig. Schon jahrelang versuche ich, so viel wie möglich zu erreichen, arbeiten, schaffen, tun – frei war ich damit ganz sicher nicht! Im Gegenteil: Ich war gefangen im festgefahrenen System!

Und nun? Sämtliche gesellschaftliche Fesseln sind gesprengt. Ich kümmere mich nicht um irgendwelche Jobs, ich mache mir keinen Stress mehr wegen irgendwelcher Termine, ich vernachlässige unsinnige Alkoholexzesse, ich verliere das ständige Gefühl, irgendwo etwas zu verpassen. Kurzum: Ich fühle mich so frei wie nie zuvor! Es gibt nur noch eines, das mir wichtig ist: Die Versorgung meiner Tochter. Und trotz des großen Schlafdefizits: Es ist unheimlich entspannend! Tagesaufgabe für heute: morgens Schluckauf beobachten, mittags auf ein Lächeln warten und abends diese unglaublich kleinen Händchen und Füßchen bewundern.

(Text: Konrad Welzel)

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Kommentare (1)

  • Avatar

    Elisabeth von Sydow

    Ich kann das nur bestätigen. Ich habe einen kleinen Sohn und trotz der oben genannten schlaflosen Nächte, den gelegentlichen Schreiattacken und den (mittlerweile nicht mehr ganz so) alltäglichen Herumgetrage fühle ich mich so frei wie noch nie in meinem Leben. Wie das geht? Ganz einfach. Ein Kind zeigt dir, was wirklich wichtig ist im Leben – mehr noch, es zeigt dir, wie man richtig lebt. Wir haben das doch durch die Uni und den Wunsch nach einer aufstrebenden Karriere völlig verlernt. Es zählt nur noch Leistung. Man muss in der Uni und für den Job 100prozentig dasein – eine reine Selbstaufgabe quasi. Sicher, wer ein Kind bekommt, gibt sich ein Stück weit auch selber auf. Aber man bekommt etwas viel wertvolleres als sein Gehalt zurück – nämlich bedingungslose Liebe und Vertrauen. Und eins kann ich euch sagen. Wenn mich mein Sohn jeden morgen mit seinem zahnlosen Lächeln begrüßt (auch wenn es erst 6.30 Uhr ist), seufze ich und genieße das warme Gefühl, das sich um mein Herz legt. Ich fühle mich beschwingt, als ob ich in eiem alten verwunschenen Garten auf einer Schaukel sitze und mit einem Dauergrinsen der Sonne entgegenschwinge. Und genau dieses Gefühl ist Freiheit.

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Über den Autor

Konrad Welzel
Gründer und Chefredakteur von back view

Konrad hat back view am 06. April 2007 gegründet - damals noch in diesem sozialen Netzwerk StudiVZ. Mittlerweile tobt sich Konrad ganz gerne im Bereich Social Media aus und versteht Menschen ohne ein Facebook-Profil nicht - dafür ist er viel zu neugierig!!!

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