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Von der Wisteria Lane ins Büro Stromberg

Warum TV-Serien immer mehr Fans gewinnen
Meinen Kaffee trinke ich am liebsten in Luke’s Diner. Bei einem gebrochenen Arm ist Dr. Shepherd zur Stelle. Wenn ich mein Handy verliere, dann rufe ich Adrian Monk. Und sollte jemand mein Auto anfahren, wird Stromberg das schon richten. Gelegentlich wohne ich sogar in der Wisteria Lane. Ich bin eine von vielen.

Man erkennt uns daran, dass wir an gewissen Wochentagen nie Zeit haben oder, um es ein klein wenig ehrlicher zu formulieren, immer eine gute Ausrede auf Lager haben. „Du, Dienstag ist ganz schlecht. Da komm ich immer so spät heim.“ Wir sind jene, die auf eine Geburtstagseinladung unter der Woche panisch reagieren und verzweifelt nach Ausflüchten suchen. „Sicher, dass du am Dienstag feiern willst? Das Wochenende eignet sich da doch viel besser!“ Und wir decken uns mit allerhand koffeinhaltigen Getränken ein, um den Marathon der Gefühlsaubrüche nicht zu verschlafen.

Und nun mal ehrlich! Wer ist denn noch unter uns, der nicht an mindestens einem Tag in der Woche ein Date mit dem Fernseher hat? Galten Daily Soaps und Serien doch lange Zeit als Weiberkram, so begeistern Büro-Ekel Bernd Stromberg und Anti-Terror-Agent Jack Bauer inzwischen auch die Männerwelt. Der Enthusiasmus ist sogar so weit fortgeschritten, dass im Internet Online-Petitionen etabliert werden um eine Fortsetzung gewisser Serien zu ermöglichen.  Es heißt nun also „Rettet Stromberg“ anstelle von „Rettet die Wale“.

Also, was ist dran am Hype? Was begeistert uns so an der perfekten Vorstadtidylle, dem turbulenten Krankenhaus oder dem kriminellen Miami? Warum wollen wir immer wieder aufs Neue dabei sein, wenn Stromberg beinahe seinen Job verliert, Meredith ihren Mc Dreamy erneut nicht bekommt oder Bulle Benno wiederholt mit seiner Mama streitet? Ist es der Wiedererkennungswert? Wollen wir uns in den Figuren der Serien tatsächlich wieder finden, ähnliche Charaktereigenschaften entdecken, Parallelen ziehen? Oder ist es vielmehr Flucht aus der Realität?  Für einen Moment lang dem Alltag entfliehen, in eine schillernde Welt der Abenteuer, Emotionen und Action?

Die Serienlandschaft gleicht einem unüberschaubaren Dschungel. Kaum ein Berufsfeld, das nicht mit einer eigenen Serie bedacht ist, kaum eine Krankheit oder Neurose, die auf der Mattscheibe nicht ausgelebt wird. Ein facettenreiches Angebot an Action, Fantasy, Mystery, Comedy und Drama. Hier kann der eine mit Jack Bauer fiebern, der andere mit Meredith Grey weinen, der eine über Dr. House schmunzeln, der andere bei Bree Van De Camp verzweifeln. Für jeden ist etwas dabei, ganz nach dem Motto: Sage mir was du schaust und ich sage dir wer du bist.

Das frühe 21. Jahrhundert als goldenes Zeitalter der Serien? Das wäre etwas übertrieben formuliert, konnten doch schon die 90er Jahre mit Serienhits wie Akte X, Ally Mc Beal oder Friends große Erfolge erzielen. Und vergessen wir dabei nicht die legendären Urformen der Serien wie Dallas und den Denver-Clan.

Trotzdem steht fest, dass das Angebot an TV- Serien und Daily Soaps selten so breit gefächert war wie derzeit. Und damit ist es nicht genug, denn neue Erfolgsserien aus den USA stehen schon in den Startlöchern, bereit den Deutschen Markt zu erobern und vielleicht auch einen Platz in unserem Terminkalender. Zeit für Dinge, die einem wichtig sind findet man ja bekanntlich immer. An dieser Stelle muss ich leider zum Ende kommen. Es ist Dienstag, 22 Uhr 15. Die Sucht ruft!

(Text: Julia Hanel)


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